Die Schatzkiste des Reformators

Sonntagsausflug nach Zürich, wo Ulrich Zwingli vor 500 Jahren als Priester wirkte.

Pfarrer Christoph Sigrist ist Botschafter des Reformationsjubiläums. Er predigt wie einst Zwingli im Grossmünster (r.). Die Statue des Reformators steht aber vor der Wasserkirche. Bild: Michele Limina

Pfarrer Christoph Sigrist ist Botschafter des Reformationsjubiläums. Er predigt wie einst Zwingli im Grossmünster (r.). Die Statue des Reformators steht aber vor der Wasserkirche. Bild: Michele Limina

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Sonntags, wenn Pfarrer Christoph Sigrist im Zürcher Grossmünster predigt, machen sich die Kinder der Kirchgänger in der Sakristei über eine eisenbeschlagene Kiste her. Die Scharniere ächzen, wenn man sie öffnet; denn die Kiste hat ein halbes Jahrtausend auf dem Deckel, und darunter verbirgt sich ein wahrer Schatz: Puppen, Legosteine, Autöli, Spielsachen, Bilderbücher . . .

Auch die mahnenden Worte, in der Sakristei mit blutroten Lettern auf die Wand gemalt, sind 500 Jahre alt: «Tut um Gottes Willen etwas Tapferes!» Es ist das bekannteste Zitat des Ulrich Zwingli, der sich als Seelsorger für das Wohl der Menschen, als Reformator für eine neue Ausrichtung der Kirche und als Lehrer für die Erziehung der Kinder eingesetzt hat. Seine Schule heisst heute Helferei und ist, damals wie heute, Amtssitz des Grossmünster-Pfarrers. «Zwingli hat deutlich gemacht, wie eng Kirche und Staat miteinander verbunden sind», weiss Pfarrer Sigrist, der heute dort predigt, wo Zwingli am 1. Januar 1519 sein Amt als Leutpriester antrat. Von hier aus bot er der allmächtigen katholischen Kirche die Stirn und erklärte, das Evangelium werde fortan nicht mehr auf Lateinisch, sondern in deutscher Sprache verkündet, auf dass jedermann Gottes Wort verstehe. «Jedes Mal, wenn ich auf dieser Kanzel stehe», fährt Pfarrer Sigrist fort, «nehme ich auch eine politische Verantwortung wahr.»

Sigrist versteht sich nicht nur als Zwingli-Nachfolger. Als Botschafter des Reformationsjubiläums ist es ihm ein Bedürfnis, Geschichte erlebbar zu machen. Deshalb legt er persönlich den Touristen in Zürich seine Zwingli-Stadt ans Herz. Wie Eckpfeiler markieren die Türme der fünf Altstadtkirchen das Kraftzentrum der Reformation. Ausgangspunkt des gut einstündigen Rundgangs ist das Grossmünster, das einst als eidgenössischer Aussensitz des Bischofs von Konstanz galt. In der unmittelbaren Nachbarschaft sind Zwinglis Wohnhaus und sein Amtssitz erhalten geblieben, auf dem Südportal des Gotteshauses sind die wichtigsten Stationen von Zwinglis Wirken in 24 Bronze-Reliefs verewigt.

Felix und Regula: Kopflos den Hügel hinauf

Wenige Hundert Meter entfernt ragt die Wasserkirche aus dem Bett der Limmat, exakt an der Richtstätte, wo mehr als tausend Jahre vor Zwingli die Stadtheiligen Felix und Regula enthauptet worden waren. Sie sollen, so die Legende, ihre Köpfe über 40 Schritte auf den Hügel getragen haben, auf dem alsbald das Grossmünster errichtet wurde. Für Prediger Sigrist eine Mahnung an den Zeitgeist unserer Tage, «der manch einen kopflos durch die Gegend rennen lässt».

Vor der Wasserkirche – und nicht etwa beim Grossmünster – stützt sich Ulrich Zwingli, in Bronze gegossen, auf sein Schwert und richtet den finsteren Blick zum See und darüber hinaus, dorthin, wo die altgläubigen Innerschweizer den Soldaten Zwingli 1531 im Zweiten Kappeler Krieg bestialisch gefoltert und getötet hatten: Der zerstückelte Leichnam wurde verbrannt, die Asche auf dem Schlachtfeld verstreut. «Damit sollte verhindert werden, dass Gebeine erhalten bleiben», erklärt Christoph Sigrist. «Die wären nach katholischem Verständnis für die Märtyrer-Verehrung unabdingbar. Letztlich aber haben Zwinglis Mörder mit ihrer Grausamkeit dem Opfer einen Dienst erwiesen: Zwingli hat zuallerletzt ein Märtyrer sein wollen, niemals hätte er zugelassen, dass man ihn auf einen Sockel stellt.»

Wer heute ein Denkmal will, braucht keinen Sockel – ein Drehbuch tut es auch: Derzeit füllt Stefan Haupts Spielfilm «Zwingli» die Kinosäle in der ganzen Schweiz. Gleichzeitig bieten sowohl das Grossmünster als auch Zürich Tourismus Führungen durch die Zwingli-Stadt an, vom Grossmünster zur Wasserkirche, über die Münsterbrücke zum Fraumünster, vom St. Peter über die Schipfe und weiter über die Uraniabrücke zur Predigerkirche, die im Zuge der Reformation zum Armenspital umfunktioniert worden war.

Wer den Film gesehen hat, wird zwischen Stefan Haupt und Ulrich Zwingli eine Gemeinsamkeit erkennen: So, wie der Reformator den Menschen Jesus Christus und dessen Evangelium erklären wollte, war es dem Regisseur ein Anliegen, seinem Publikum Zwingli und dessen Reformation nahezubringen.

Die Kinder aber, die während der Sonntagspredigt in der Sakristei spielen, wissen nichts von einem Ulrich Zwingli. Aber vielleicht spüren sie etwas, das über die Jahrhunderte erhalten geblieben ist. Denn ihre alte Spielkiste war einst eine echte Schatzkiste: Sie war Zwinglis Armenkasse und, statt mit Spielgerät, mit Geld gefüllt – aus Ablasszahlungen, die der korrupte Klerus den Menschen abgepresst hatte. «Diese Kiste», lacht Pfarrer Sigrist, «war Zwinglis diakonische Geldwaschmaschine!»

Gruppenführungen im Zwingli-Zürich über Zürich Tourismus: 044 215 40 00, www.zuerich.com/de/besuchen/touren-ausfluege/reformation-in-zuerich oder direkt bei Pfarrer Sigrist: buchungen.grossmuenster@zh.ref.ch

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 02.02.2019, 17:04 Uhr

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