Die Ruhe im Auge des Orkans

Das Bellevue des Alpes bleibt eine Zeitinsel im Skizirkus der Kleinen Scheidegg. Am Fuss des berühmtesten alpinen Dreigestirns erinnert die Unterkunft an Triumph und Tragödie.

Geschichtsträchtiges Hotel an allerbester Lage: Das Bellevue des Alpes auf der Kleinen Scheidegg. Foto: PD

Geschichtsträchtiges Hotel an allerbester Lage: Das Bellevue des Alpes auf der Kleinen Scheidegg. Foto: PD

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Marronisuppe, butterzartes Kalbsfilet im Teig. Und nachher karamellisierter Pfirsich? Oder doch lieber Mousse au Chocolat? Es fällt schwer, sich im rosaroten, französisch inspirierten Salon aus dem Jahr 1930 aufs gute Essen zu konzentrieren, denn direkt hinter dem Sprossenfenster steht diese Wand! Wie in einem Zeitfenster sind die Bilder aus der Eigernordwand urplötzlich da – der deutsche Alpinist Anderl Heckmaier und seine drei Kameraden, wie sie sich im Sturm durchnässt und verzweifelt durch die vereiste «Spinne» quälen und wissen: Wir können jetzt nur noch hinauf, kein Weg führt hinunter.

Das war 1938. Mit viel Ausdauer und noch mehr Glück schafften sie erstmals den Durchstieg der «Mordwand». Wir sind froh, dass wir nicht da draussen im Seil hängen, und wieder gleitet das Tafelmesser geschmeidig durchs Filet im Teig. Stilvoller Komfort und schaurige Bergdramen – diese Kombination macht das Bellevue des Alpes einzigartig. Alle grossen Bergsteiger des 20. Jahrhunderts waren hier zu Gast. Am Eingang der Bar mit den dunklen Ledersesseln, in denen man abends gern versinkt, hängen die Fotos der Nordwand-Koryphäen und ein Bild von Clint Eastwood, der hier 1975 «The Eiger Sanction» drehte. Oft mit im Bild: Heidi von Almen, legendäre Hotelpatronne der 70er-, 80er- und 90er-Jahre. Wer ihr strenges Regime nicht erlebt hat, ist nie wirklich im Bellevue des Alpes gewesen.

Auch ihrem Neffen Andreas, der das Hotel mit seiner Frau Silvia 1998 übernommen hat und nun in der 5. Generation führt, gab sie den Tarif durch: «Ich erinnere mich gut, wenn ich die Schuhe im Haus nicht sofort auszog, gab es ein entsetzliches Donnerwetter», erzählt er.

Weder TV noch Sauna

Draussen vor der Tür herrscht tagsüber Hochbetrieb. Die Zahnradbahnen schaufeln von Wengen und Grindelwald unentwegt Touristen auf die Kleine Scheidegg, Japaner absolvieren in Schüben auf die Schnelle das Jungfraujoch. Wer Ski fährt, hat hier oben paradiesische Zustände – Pisten aller Schwierigkeitsgrade, wohin man schaut. Und am dritten Januar-Wochenende sorgen die Besucher der Lauberhornrennen für noch mehr Betrieb.

Aber im Auge des Orkans herrscht bekanntermassen Ruhe. Wer die Hotel-Drehtür mit den alten Messingbeschlägen in Gang setzt, findet sich sofort wieder in der nostalgischen Schatulle, wo es auf 2070 Meter über Meer ausser Geschichte jede Menge Ruhe gibt. Kein Lift, kein TV, keine Saunalandschaft. 2011 wurde das Bellevue zum Swiss Historic Hotel des Jahres gekürt, «das hat uns ausser Renommee neue Gäste gebracht», sagt Andreas von Almen. 80 Prozent der Besucher sind Stammgäste, die Engländer am Nebentisch sind bereits das 20. Mal hier. Doch der Charme der Nostalgie kommt neuerdings auch bei jungen Paaren und Familien gut an, «sie schätzen das historische Interieur fast noch mehr als die älteren Gäste, weil es für sie ungewöhnlicher ist», sagt Silvia von Almen. Die Hotelchefin war ursprünglich Flötistin, Andreas von Almen stammt zwar aus einer Hoteldynastie, war aber eigentlich Architekt.

Es ist wohl nicht der schlechteste Weg, sich diesem baulichen und alpinistischen Erbe als Quereinsteiger zu nähern und nicht als konventionell denkender Hotelier. Selten findet man ein Nostalgiehotel, das bis ins Detail dermassen gepflegt ist: Die Geschichte lebt in diesem Haus, aber sie müffelt nicht. Es gibt uralte, knarrende Holztreppen, aber der Holzwurm haust garantiert woanders.

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Die Wandbespannung aus Stoff in unserem Zimmer stammt von Druckstühlen aus dem Elsass, die originalen Armaturen aus den 20er-Jahren sind frisch vernickelt und glänzen wie zu den besten Zeiten. Andreas von Almen hat vom Berner Oberland bis ins Tessin nach Handwerkern gesucht: «Ich hatte grosses Glück, dass ich noch einige Leute gefunden habe, die diese alten Techniken beherrschen», sagt er. Die roten Lampenschirme aus Stoff etwa, die den holzgetäfelten Speisesaal in eine herrlich entrückte Stimmung tauchen, sind handgemacht, «eine alte Dame aus der Region hat sie genäht, das kann heute kaum noch jemand.»

1840 war ein erstes Bellevue von der Familie Seiler erbaut worden, und weil auch andere ein Stück vom rentablen Kuchen am Fuss des berühmten Dreigestirns wollten, wurde 50 Jahre später gleich daneben das Hotel des Alpes als Konkurrenzbetrieb gebaut. Adolf Seiler selig kaufte es 1912 und verband die beiden Häuser. 1984 wurde letztmals aufgestockt, seither nur noch stilvoll renoviert. Das Trinkwasser kommt direkt vom Lauberhorn aus eigener Quelle.

Masten stören Panorama

Doch das Paradies scheint Risse zu bekommen. Zumindest aus der Sicht der von Almens: «Man greift unser Kapital an», sagt Andreas von Almen, «das weltberühmte Panorama mit der Eigernordwand.» Er meint den «Eiger-express», eine Gondelbahn von enormem Ausmass, die pro Stunde über 2000 Personen von Grindelwald direkt zur Station Eigergletscher oberhalb der Scheidegg bringen soll.

Für die Hoteliersfamilie bedeutet das Grossprojekt Masse statt Klasse, lange haben sie dagegen prozessiert, ihre Einsprache aber letztlich zurückgezogen. «Wir hatten keine Chance gegen die Bahnbetreiber», sagt Silvia von Almen. Die 60 Meter hohen Masten werden direkt zwischen dem Hotel und der Eigernordwand stehen, was die heutige ungehinderte Sicht trüben wird.

Noch ist die Bahn nicht fertig gebaut, und als wir am nächsten Tag bei bestem Wetter den verschneiten Wanderweg nach Alpiglen–Brandegg einschlagen, sind wir einmal mehr fasziniert von der Wucht der Wand. Erstes Eisfeld, zweites Eisfeld, der berühmte Hinterstoisser-Quergang und die Stelle, wo der arme Andi Kurz 1936 tot im Seil baumelte.

Zurück im Hotelzimmer finden wir eine Notiz auf dem Pult: Bitte abends keine Sportbekleidung! Hier wird Geschichte gelebt – sogar Heidi von Almens Vermächtnis.

Die Reise wurde unterstütztvon Jungfrau-Region Tourismus.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 17.01.2019, 18:23 Uhr

Informationen

Unterkunft: Hotel Bellevue des Alpes, DZ/HP ab 480 Fr. www.scheidegg-hotels.ch

Markierter Schneeschuhtrail: Holenstein – Bergrestaurant Brandegg. Die Tour beginnt an der Mittelstation Holenstein der Gondelbahn Grindelwald-Männlichen; sie führt von 1619 Metern hinunter auf 1333 Meter. Über offenes Gelände geht es an Hütten und Speichern vorbei Richtung Hubelwald mit Blick auf Wetterhorn und Eiger. Durch den Itramenwald führt der Weg zum Restaurant Brandegg. Von dort mit der Zahnradbahn zurück zum Hotel Bellevue des Alpes. 1,5 Stunden Laufzeit, Schwierigkeitsgrad leicht.

Allgemeine Infos: www.jungfrauregion.swiss

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