Dichtestress unter Deck

Von Bremerhaven aus traten Millionen von Emigranten die Fahrt über den Atlantik nach New York oder Südamerika an. Heute ist die Stadt einer der weltweit wichtigsten Umschlagplätze für Zitrusfrüchte und Autos.

Bremerhaven an der Wesermündung: 1800 Leute arbeiten in drei Schichten, um Containerschiffe auszuladen. Foto: Getty Images

Bremerhaven an der Wesermündung: 1800 Leute arbeiten in drei Schichten, um Containerschiffe auszuladen. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er steckt in einem bescheidenen Anzug, die Hände kneten eine Mütze. Karl Lämmle sitzt, die Nervosität schlecht verbergend, in der Wartehalle der dritten Klasse am Terminal der Norddeutschen Lloyd am Hafen von Bremerhaven. Bald geht der Bursche aus Laupheim in Oberschwaben an Bord der Neckar. Ziel: New York.

Im Deutschen Auswandererhaus von Bremerhaven gelingt uns ein Glücksgriff: Wir entscheiden uns im ­virtuellen Emigranten-Roulette ahnungslos für das Schicksal von Karl Lämmle und begleiten ihn durch das hochgelobte Museum. Multimediale Stationen und maritime Schauplätze berichten von der Reise in die Neue Welt. Lämmle, Sohn eines jüdischen Viehhändlers, ­gehört zu den 7,2 Millionen Auswanderern, die zwischen 1830 und 1974 von Bremerhaven aus ihr Glück jenseits des Ozeans suchten. 90 Prozent in den Vereinigten Staaten, der Rest in Kanada, Südamerika oder Australien.

Noch immer laufen viele Schiffe aus Bremerhaven die USA an, statt Auswanderer transportieren sie Container und Fahrzeuge. Kehrt man abends von der «Letzten Kneipe vor New York», wo man unter ­roten Lampen Seemannsgarn gesponnen und Labskaus verzehrt hat, zurück in die 114'000-Einwohner-Stadt, kreuzt man Autokolonnen der besonderen Art. Hilfskräfte, oft Studenten, machen den ganzen Tag nichts anderes, als PW von gigantischen Parkhäusern und -plätzen auf die Frachtschiffe zu chauffieren. Dort werden die VW, Audi oder Mercedes schichtweise verlascht und die Zwischenböden hydraulisch abgesenkt. 2,2 Millionen Autos werden hier jährlich umgeschlagen. Der Hafen an der ­Weser ist die weltgrösste Drehscheibe für Motorfahrzeuge.

Wer per Sightseeing-Bus über Quais vorbei an Kränen tourt, bestaunt auch Warteschlangen von Mähdreschern, Helikoptern, Schaufelbaggern oder mit dem Schriftzug «New York Police» versehenen Streifenwagen. Auch im Containerhafen ruht der Betrieb nie. 1800 Leute arbeiten in drei Schichten rund um die Uhr und holen bis zu 19'000 Container von einem einzigen Frachter. Mit den Branchengrössen Rotterdam oder Hamburg kann es der Containerhafen an der Weser nicht aufnehmen. Immerhin ist Bremerhaven weltweit wichtigster Standort für den Import von Äpfeln, Zitronen und Bananen.

Gerade zerrt ein Schlepper einen imposanten Frachter mit rauchenden Kaminen von Brücke acht weg. Bis der Dampfer via Weser auf hoher See Kurs nach Westen nimmt, wird es eine Weile dauern, denn eine Schleuse gleicht die drei Meter Tidenunterschied aus.

Mit Fischbrötchen in der Hand auf dem Deich

Vermutlich ging es am 28. Januar 1884 auch etwas hektisch zu, als der 17-jährige Karl Lämmle die Neckar enterte. Im Auswandererhaus können Kabinen der 3. Klasse eines historischen Passagierschiffes besichtigt werden. Man spürt den Dichtestress unter Deck und hört das traurige Schnarchen der Emigranten. Bis Ende des 19. Jahrhunderts reisten die wenig betuchten Auswanderer höchst ­unkomfortabel. Spätestens in den 30ern des 20. Jahrhunderts änderte sich das, wie eine Speisekarte der Kolumbus im Museum zeigt: Zum Frühstück wurden «Milchbrötchen und Wurstplatte» aufgetragen, zum Mittagessen «Long-Island-Ente mit Karotten und Dörrbohnen».

Am 13. Februar schiffte Karl Lämmle in New York aus, man folgt ihm durch die berüchtigte Einwandererschleuse von Ellis Island. Der gelernte Kaufmann fand in New York einen Job als Ausläufer eines Drugstore, bevor er ­weiterzog nach Chicago und eine Weltkarriere startete.

Mehr als 170'000 Besucher begleiten jährlich Auswanderer durch dieses eindrückliche Museum.

Bremerhaven, erst 1827 als maritimer Aussenposten der Hansestadt Bremen gegründet, besitzt mit dem zugkräftigen Klimahaus und dem Deutschen Schifffahrtsmuseum zwei weitere Highlights, ­dafür aber kein einprägsames Stadtbild. Doch wer das Meer liebt, kommt nicht an Bremerhaven vorbei. 6500 Ozeandampfer biegen hier pro Jahr in die Nordsee ein. Man steht auf dem grossen Deich, ein Fischbrötchen in der Hand, und schaut über das schäumende ­Wasser.

So könnte das finale Setting eines Spielfilms aussehen. Damit wären wir wieder bei Karl Lämmle, der in den Staaten Carl Lämmle hiess und der erfolgreichste Filmverleiher der USA wurde. Er wandte sich der Produktion von Spielfilmen zu und baute 1912 auf dem Gelände einer Hühnerfarm bei Los Angeles die Universal City Studios – die Geburtsstunde von Hollywood.

Wer im Auswandererhaus nicht nur Lämmle und Konsorten, sondern auch den eigenen Ahnen nachspüren möchte, gibt am Computer ungefähre Jahreszahlen der Emigration und die Namen der Auswanderer ein und erhält die entsprechenden Passagierlisten samt Schiff und Destination. Das verheisst Spannung wie in einem Hollywood-Thriller.


Die Reise wurde unterstützt von Erlebnis Bremerhaven (SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.09.2017, 12:57 Uhr

Artikel zum Thema

Der A380 der Frachtschiffe

Hintergrund Die internationale Frachtschifffahrt hat sich spätestens seit letztem Jahr erholt. Nun hat die dänische Container-Reederei Moller-Maersk den Bau von zehn Riesenfrachtern in Auftrag gegeben. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Blogs

Geldblog Solar-Aktien sind hoch spekulativ

Michèle & Wäis Die perfekte Freundin

Die Welt in Bildern

Polizei in Rosa: Demonstranten bewarfen die Ordnungshüter in Nantes (Frankreich) mit Farbe. (16. November 2017)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...