Der kühle Charme des Nordens

Das urbane Norwegen: Vier Städte, die es in sich haben.

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1. ÅlesundDie Jugendstil-Schönheit

Ålesund verdankt seine Schönheit einer Katastrophe: Am 23. Januar 1904 zerstörte ein Brand die Stadt. Über Nacht wurden 10'000 Einwohner obdachlos, 850 Holzhäuser fielen innert Stunden in Schutt und Asche. Sieben Jahre lang baute man die Stadt wieder auf. Chic und modern sollte Ålesund werden, feinster Jugendstil und feuerfest. – Nach einem Erlass durften neue Häuser nur noch aus Stein gebaut werden. Unter Mithilfe des deutschen Kaisers Wilhelm II., der ein grosser Norwegen-Verehrer war, entstand das neue Ålesund. Heute erfreuen sich Gäste und Bewohner an mehr als 400 denkmalgeschützten Jugendstilhäusern.

Wer die 418 Treppenstufen auf den Hausberg Aksla nicht scheut, geniesst einen Panoramablick auf das Häuserensemble, die beiden Meeresarme Giskesundet und ­Brosundet sowie auf die Insel Vigra. Auf der Landzunge der Insel Heissa lockt eine weitere Attraktion: ein riesiges Salzwasser-Aquarium, der Atlantikpark. Die meisten Passagiere der 100 Kreuzfahrtschiffe, die jährlich im Hafen von Ålesund anlegen, lassen sich den nahen Geirangerfjord nicht ent­gehen und geniessen ein Naturspektakel: die Wasserfälle «Die ­sieben Schwestern», «Der Freier» und «Der Brautschleier».

2. HaugesundFestivalstadt mit Wikinger-Geschichte

Welche Stadt hat die längste Fussgängerzone Norwegens? Hau­gesund überrascht mit einer bunten Shoppingmeile, in der sich Buchhandlungen, Parfümerien, Souvenirläden und Shops von regionalen Mode-Designern verführerisch aneinanderreihen. Und mit einem abwechslungsreichen Festivalprogramm. Besonders quirlig geht es im Sommer zu, wenn die 37'000 Einwohner zählende Stadt zur Bühne mehrerer Festivals wird. Das Norwegische Filmfestival, das Herings- und Jazzfestival verwandeln die Stadt in einen Sommernachtstraum. In den Bars und Restaurants am Smedasundet ist jeder Platz besetzt, aus dem besten Nachtclub der Stadt, der Zensa Bar, dringt coole Musik. «Die junge Stadt in alter Schale», wie Haugesund bezeichnet wird, entstand Ende des 19. Jahrhunderts zur Zeit der boomenden ­Heringsfischerei als Handelsplatz und Poststelle.

Nun, die Wikinger waren auch schon hier: König Harald I., der als Gründervater Norwegens gilt, erschloss von Haugesund aus im 9. nachchristlichen Jahrhundert den Nordvegen, den Weg nach Norden, dem Norwegen seinen Namen verdankt. Eine Viertelstunde im Auto von Haugesund entfernt, im alten Wikingerort Avaldsnes, finden sich der älteste Thron des Landes und das Nordvegen Historiencenter, in dem die Geschichte der Wikinger lebendig wird.

3. StavangerÖlinferno – und Altstadtidylle

Stavanger und das Wahrzeichen Norwegens, der Preikestolen, liegen nur eineinhalb Autostunden voneinander entfernt. Die Felskanzel ist ein natürliches Aussichtsplateau weit oberhalb des Lyse­fjords, vom Reiseführer «Lonely Planet» zur atemberaubendsten Aussichtsplattform der Welt erklärt. 604 Meter tief fällt der Felsen hier senkrecht zum Fjord hin ab. Eine Aussicht, die man nicht vergisst. Klar, dass die Stadt sich als Ziel für Kreuzfahrtschiffe ­positioniert. Wenn die Giganten am Quai liegen, überragen sie die meist zweigeschossigen, alten Häuser deutlich. Stavanger, 2008 Kulturhauptstadt Europas und viertgrösste Stadt Norwegens, birgt eine bestens erhaltene Holzhaussiedlung. Mehr als 170 weisse Holzhäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert prägen die Altstadt. In den Kopfsteinpflaster-Gassen wähnt man sich in einer anderen Zeit. Doch es gibt ein ­modernes Stavanger. Über 800 Ölfirmen haben hier ihren Sitz.

Klingt nach Industrie? In Stavanger, das sich über 16 Inseln erstreckt, wird das schwarze Gold nur verwaltet. Es hat die 133'000-Einwohner-Stadt reich gemacht. Berühmt ist das Norwegische Erdölmuseum. Doch wer eine Ansammlung von alten Ölfässern vermutet, irrt. Im Museum kann man den rasanten Aufstieg eines armen Fischer- und Bauernstaates zu einem der ­reichsten Länder der Welt erleben. Wer ruhig Blut behält, sollte ein täuschend echtes Katastrophenszenario erproben: das Inferno einer brennenden Ölinsel. Der Besucher muss so schnell wie möglich der Katastrophe entrinnen.

4. OsloDie Unnahbare öffnet sich

Mehr als eine halbe Stunde am Stück hält es Oti an ihrem Arbeitsplatz nicht aus. Obwohl sie Handschuhe, eine dicke Jacke und Thermowäsche trägt, muss sie raus, Wärme tanken. Oti arbeitet in der Ice Bar im Zentrum von Oslo. Im komplett aus Eis bestehenden ­Intérieur des Lokals herrscht eine Temperatur von minus 7 Grad Celsius. Die Tische sind aus Eis, Wände, Stühle, Bilder, Skulpturen – und sogar die Gläser, in denen Oti die Drinks über den ­Tresen aus Eis reicht. Die Ice Bar hält den Betrieb auch im Sommer aufrecht – wenn draussen der Bär tobt: Festivals, Konzerte und Events aller Art drängen sich in der Agenda.

Die Osloer sind stolz ­darauf, dass in ihrer Stadt mehr los ist als in Stockholm und Kopen­hagen. Norwegens Kapitale hat die Frischzellenkur dringend nötig. Oslo galt lange als kühl und rau und teuer. Die deutschen Tagestouristen, die mit der Color-Line-Fähre von Kiel her in Oslo einfallen, zucken zusammen, wenn die Serviererin im Café die Rechnung auf den Tisch knallt. Die vielen Asiaten sind in dieser Hinsicht ­weniger sensibel. Chinesen und Koreaner scheinen ganz wild auf den Besuch der grossen Halle im 1950 erbauten Rathaus zu sein. In der heiligen Stätte wird jeweils am 10. Dezember der Friedensnobelpreis verliehen.

Der grosse Trumpf von Oslo bleibt die pittoreske Lage im Fjord. Am Wasser Dutzende von Hobbyfischern, die Makrelen angeln und gerne zu einem Schwatz bereit sind. Die Stadt öffnet sich gerade, wird massiv verkehrsberuhigt und mit Ladestationen für Elektrofahrzeuge ausgerüstet. Neun Kilometer Hafenpromenade wurden für den Publikumsverkehr freigegeben. Als besonderen Gag warten in orangen Containern interaktive Stationen, wo man den Geruch der Vergangenheit riechen kann. In der Nähe der Oper, deren Architektur fast so aufregend ist wie jene der Elbphilharmonie in Hamburg, riecht es entschieden nach Rosen – in Erinnerung an den Grossmarkt und Blumenhandel, der hier einst stationiert war. Aus einem anderen Container strömt ein deutlich unangenehmer Geruch: der faulige, der früher durch das rattengeplagte Gerberviertel waberte. Oslo hat sich in der Tat zum Besseren entwickelt.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 26.01.2018, 16:20 Uhr

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