Ballermann in Dalmatien

Die kroatische Insel Hvar leidet unter ausufernden Touristenpartys. Verbote und Bussen sind aber umstritten.

Touristen baden in der malerischen Bucht von Hvar.

Touristen baden in der malerischen Bucht von Hvar. Bild: Sheila Norman-Culp/Keystone

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Noch schnell das Erbrochene aufwischen, dann hat Iozo Tomasevic Zeit für ein Gespräch. Seine Gäste haben in der Nacht über die Stränge geschlagen, wieder einmal. Jetzt muss der 33-jährige Herbergsvater die Spuren beseitigen und sich bei den Nachbarn entschuldigen. «Ein paar Leute haben es bei ihrem Junggesellenabschied übertrieben», sagt Tomasevic. «Sie hielten es für eine tolle Idee, nachts an alle Türen zu klopfen. Dann haben sie auch noch meine Kollegin mit dem Messer bedroht.»

Szenen wie diese passieren in letzter Zeit häufiger auf Hvar, einer beschaulichen Insel vor der Küste Kroatiens, die bei der High Society beliebt ist. Jay-Z und Beyoncé legen hier mit ihrer Yacht an, auch Tom Cruise und früher Jacqueline Onassis. Doch Hvar ist nicht nur bei Promis beliebt. Neuerdings kommen immer mehr Jugendliche, die sich weder für das Unesco-Weltkulturerbe noch für den guten Fisch interessieren. Angelockt von Beach-Clubs,angekarrt durch Billigfliegern, wollen sie in möglichst kurzer Zeit möglichst viel erleben. Mit möglichst viel Alkohol im Blut.

Etwa 700'000 Besucher kommen jedes Jahr nach Hvar, die Tagesausflügler nicht inbegriffen. Die meisten wissen sich zu benehmen, doch die Anzahl derjenigen, bei denen alle Tabus fallen, scheint grösser zu werden. Schon länger klagen Anwohner über die zunehmende Ballermannisierung ihrer Insel. Sie fürchten um den guten Ruf von Hvar, das immer wieder zu den beliebtesten Ferienorten der Reichen und Schönen gewählt wird. Da passen Betrunkene, die grölend durch die Altstadt torkeln, oder Teenager, die beim Sex in der Öffentlichkeit erwischt werden, schlecht ins Bild. Einen traurigen Höhepunkt erreichten die Exzesse im Frühjahr dieses Jahres: Eine 20-jährige Britin fiel vor einem Nachtclub ins Koma, nachdem sie dort gefeiert hatte. Sie starb auf dem Weg ins Spital.

Party People als Wahlkampfthema

Mit solchen Vorfällen müsse nun endlich Schluss sein, findet Rikardo Novak. Der 47-jährige Reisebüroleiter ist seit Juni Bürgermeister in Hvar, der grössten Stadt der Insel. Eines seiner zentralen Wahlkampfthemen waren die «Party People»: betrunkene, meist junge Inselbesucher, die abends mit der letzten Fähre nach Hvar kommen, in den Bars weiterzechen und die Nacht am Strand verbringen. Oder in der Ausnüchterungszelle. «Wir haben nichts gegen Touristen», sagt Novak, «schliesslich leben wir von ihnen. Aber wir wollen keine Party-Destination sein. In den vergangenen fünf, sechs Jahren sind die Dinge hier ein wenig eskaliert.»

Um gegenzulenken, hat Novak einen Bussgeldkatalog eingeführt. Wer ohne T-Shirt durch die Stadt läuft, kann mit bis zu 500 Euro bestraft werden. Wer in Bikini oder Badehose durch die Gassen flaniert, muss 600 Euro berappen. Am teuersten kommen Saufgelage am Strand: Für dieses Vergehen sind bis zu 700 Euro fällig, wie neu aufgestellte Hinweisschilder an allen Stadteingängen verraten. Auch auf den Fähren und in Hotels hängen die Regeln aus, damit Passagiere schon vor ihrer Ankunft ihr Verhalten überdenken.

Kontrolleure nicht konsequent

Neu ist das Phänomen der ungehobelten Gäste freilich nicht, allenfalls die drakonischen Strafen Abfall, Lärm, Alkohol: Jeder Ort, der vom Tourismus lebt, kennt auch die Ärgernisse – sei es in Spanien, Italien oder Kroatien. Dennoch sind Verbote umstritten, weil niemand vergrault werden soll. In Brela, einem Badeort in Dalmatien, darf das Ordnungsamt Handtücher wegwerfen, die Strandliegen-Reservierer über Nacht deponieren. Auf Hvar könnte die Polizei jeden Muskelprotz abkassieren, der seinen textilfreien Oberkörper auf dem Marktplatz spazieren trägt. Und in der Praxis? «Setzen wir darauf, dass sich unsere Regeln rumsprechen», sagt Bürgermeister Novak. Eine Geldbusse sei «immer das letzte Mittel». Was bedeutet, dass noch niemand bestraft wurde. «Wir haben trotzdem das Gefühl, dass sich die Leute besser benehmen», sagt Novak.

Andere bezweifeln den Sinn der Verbote. «Natürlich ist es ein Problem, dass die Leute jedes Jahr härter feiern», sagt Iozo Tomasevic, der Herbergsvater. Die Stadt solle aber nicht nur bestimmte Gruppen stigmatisieren. «Warum werden Hostels so streng kontrolliert, während Airbnb-Vermieter alles dürfen?», fragt Tomasevic. «Und warum kontrolliert die Polizei eine Bar wegen Lärmbelästigung, während im Yachtclub die Megaparty steigt?» Der Inselbewohner glaubt die Antwort zu kennen: «Wenn du Geld hast», sagt er, «dann kannst du dir alles erlauben. So einfach ist das.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2017, 10:41 Uhr

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