Wo die Unruh stehen bleibt

Historische Zimmer und nette Pächter sind das eine. Doch einzigartig machen den Hof Zuort im Unterengadin die Uhren.

Landwirtschaftsbetrieb, Residenz und eine Art Künstlerkolonie: Der Hof Zuort hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich Foto: Bernd Grundmann

Landwirtschaftsbetrieb, Residenz und eine Art Künstlerkolonie: Der Hof Zuort hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich Foto: Bernd Grundmann

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Allein diese Hausordnung. Einfach grossartig! In Frakturschrift ist darin zu lesen: «Stille! Ruhe!» Ausserdem: «Beim Eintritt bitte sofort Bergschuhe ausziehen, Pantoffeln anziehen.» In dem Ton geht es weiter, ganz unten steht: «Wer sich an obige Regeln nicht halten will, wird hinauskomplimentiert.» Meinrad Zwerger, einer der beiden Pächter, schaut entschuldigend und sagt: «Die ist nicht mehr ganz so aktuell.» Aber was bedeutet «aktuell» schon in einem Haus, nein, einem musealen Anwesen wie dem Hof Zuort, einem Zwischending aus Hütte, Ansitz und Zeitmaschine mit insgesamt 28 Gästebetten. «Besuchen Sie uns, wir haben nichts», so lautet das Hotelmotto, was wohl ein besonderer Fall von Understatement ist.

Schaukelstuhl und Jugendstilbett

Klar, der Miniweiler liegt verdammt verlassen auf einer Waldlichtung im bergigen Unterengadin, vier Kilometer entfernt von der Ortschaft Vnà, und schon die kommt dem Ende der Welt ziemlich nahe. Aber erstens ist bereits die Anreise ein Abenteuer, weil die letzten vier Kilometer über eine wellige Forststrasse führen, die man bei Schnee am besten zu Fuss oder im Hofjeep bewältigt. Zweitens gibt es in Zimmer drei zwischen Schaukelstuhl und Jugendstilbett einen tollen Holzboden, der einfach immer wunderbar knarzt und an eines der obersten Frakturhausgebote – «Kein Getrampel!» – denken lässt. Und drittens hat Zuort trotz Etagenbädern und knarrendem Holzboden jede Menge Stille! Und Ruhe! Und dazu so viel Geschichte, dass es sonst nichts mehr braucht.

Die Chronik im Sauseschritt: Das ursprüngliche Anwesen ist rund 1000 Jahre alt, die Urkunde als Lehenshof datiert aus dem Jahr 1482; da war die Erde bekanntermassen noch eine Scheibe. In den folgenden Jahrhunderten diente der Hof als Landwirtschaftsbetrieb, Hospiz und Zollstation, weil jenseits der nächsten Scharte Österreich liegt (und heute das Skigebiet des Remmidemmi-Ortes Ischgl). 1873 griff sich ein Feuer die Gemäuer, und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zog der umstrittene niederländische Komponist und Dirigent Willem Mengelberg ein. Hier braucht es einen längeren Zwischenstopp.

Im Regal Marie Curie und Wilhelm Busch

Denn Mengelberg, der später zu viele Konzerte für die Nazis gab, um nach 1945 in seiner Heimat nicht in Ungnade zu fallen, prägt den Ort auf 1711 Metern bis heute. Er verwandelte ihn nicht nur in eine Art Künstlerkolonie, sondern auch in seine Residenz. Schon 1911 errichtete er einen Steinwurf weit oberhalb des alten Hofes das Belle-Epoque-Chalet «Chasa Mengelberg». Noch ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod kümmerte sich eine von ihm gegründete Stiftung darum, dass hier Holländer musizieren durften.

Das Restaurant des Hof Zuort. Foto: PD

Heute beherbergt die Chasa sechs individuell gestaltete Schlafzimmer für Gäste, eine Bibliothek und diverse Aufenthaltsräume; an den Wänden Florett und Rehbock, in den Regalen Madame Curie und Wilhelm Buschs gesammelte Werke. 1920 kaufte Mengelberg auch den Hof samt 13 Hektaren Land und liess eine hölzerne Waldkapelle im Stil einer norwegischen Stabkirche zimmern – aus Dankbarkeit, weil Holland und die Schweiz im Ersten Weltkrieg verschont geblieben waren.

Kunstvolle Holzverzierungen

Und er holte Clot Corradin als Pächter nach Zuort, einen Bauern und Schnitzer. Er gab der Stube, dem Herzen des Anwesens, die kunstvollen Holzverzierungen. Die blieben auch so, als Peter R. Berry, ein wohlhabender Arzt aus St. Moritz und der Vierte seines Namens (einer davon war Künstler mit heute eigenem Museum in St. Moritz), das Gehöft vor sieben Jahren erwarb, renovierte und vor einem Jahr an Doreen Carpanetti und Meinrad Zwerger verpachtete, zwei ziemlich rührige Menschen.

Aber das Allerbeste in Zuort, das sind die Uhren. Um 16 Uhr 45 zeigt die eine davon zehn vor acht, die andere fünf nach fünf, und die grosse Kuckucksuhr im Eingangsbereich steht still auf halb vier. Als habe sich die Zeit hier entschieden, einfach aufzugeben.

Übernachtung im Vierbettzimmer mit Frühstück und Sauna 85 Fr. pro ­Person, im DZ 115 Fr., Halbpension 30 Fr. (sehr empfehlenswert); Anreise: Mit dem Zug nach Scuol, mit dem Bus nach Vnà (in Ramosch umsteigen); www.zuort.ch (SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.02.2018, 14:13 Uhr

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