Von kühnen Störchen und alten Tanten

Sonntagsausflug ins Flieger-Flab-Museum in Dübendorf, das bewegende Geschichten aus der Militäraviatik erzählt.

Fieseler Storch: Die legendäre Maschine schrieb als «Held vom Gauli» ­Geschichte. Foto: Paolo Dutto

Fieseler Storch: Die legendäre Maschine schrieb als «Held vom Gauli» ­Geschichte. Foto: Paolo Dutto

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Der Schönste ist er nicht, er ist nicht der Grösste und schon gar nicht der Schnellste. Dem Fieseler Storch, der seinen Namen seinem langbeinigen Fahrgestell und dem deutschen Konstrukteur Gerhard Fieseler verdankt, gebührt ein anderer Superlativ: Von rund 50 Exponaten, die im Flieger-Flab-Museum am Pistenrand des Flugplatzes Dübendorf ZH die Geschichte der Militär­aviatik zusammenfassen, ist das Kleinflugzeug das interessanteste Fluggerät. Der «Storch» ist am 24. November 1946 zum «Held vom Gauli» geworden.

Fünf Tage zuvor hatte sich eine Dakota DC 3 über dem Berner Oberland verflogen. Ein glücklicher Zufall wollte es, dass die US-Militärmaschine, als sie die Wolkendecke durchbrach, unmittelbar über dem Gauligletscher im Berner Oberland einschwebte. Alle zwölf Insassen überlebten, zum Teil schwer verletzt, die Bruchlandung auf dem Eis. Nahezu eine Woche mussten sie ausharren, bis Hilfe kam. Zwei Fieseler Störche stiegen auf; sie wagten, mit Ski unterm Fahrgestell, das kühne Landemanöver auf dem Eis, und sie schafften es, zwischen den Gletscherspalten wieder abzuheben. So wurde ein Passagier nach dem anderen in Sicherheit geflogen, bevor der Winter sein weisses Tuch über das Flugzeugwrack zog.

Das Wunder vom Gauli war der Auftakt zur Geschichte der alpinen Luftrettung.

Vom Hunter über die Venom bis zur Mirage

Einer der beiden Fieseler Störche – er trägt die amtliche Bezeichnung A97 – steht, noch immer flugtauglich, in der Halle 8 jenes Museums, das nicht nur Aviatikfans magisch anzieht. Die beeindruckende Sammlung beginnt mit dem detailgetreuen Nachbau von Louis Blériots Eindecker: Vor bald 110 Jahren hat der Franzose mit dieser Konstruktion zum ersten Mal den Ärmelkanal überquert. Die Nachbarhalle ist der Ära der Düsenjäger gewidmet. Hier kann man den unvergessenen Hunter bewundern, die Venom und auch den skandalumwitterten Abfangjäger Mirage. Weitere Hallen bieten einen nahezu vollständigen Überblick auf Flab-Geschütze und Flugzeugmotoren. Darüber hinaus kann man sich ins enge Cockpit einer Venom zwängen. Oder im Flugsimulator eigenhändig Steuerknüppel und Schubregler bedienen – wahlweise im Pilatus-Porter, in der Boeing 737, im F/A-18 oder im Mirage-III-Jäger, der mit doppelter Schallgeschwindigkeit über das Schweizer Mittelland düst – in zwanzig Minuten vom Bodensee bis zum Lac Léman.

Das Flieger-Flab-Museum ist eines von mehreren Standbeinen des Dübendorfer Air Force Center. Das andere, die Ju-Air, hat noch bis vor kurzem mit drei fliegenden Oldtimern vom Typ Ju-52 Nostalgieflüge durchgeführt.

Ju-52-Unfallmaschine könnte bald ersetzt werden

«Mit der Ju ist alles möglich», weiss Air-Force-Center-Gründungsmitglied und Museumsführer Manfred Hildebrand. «Vom Alpenrundflug über einen Event-Charter-Trip in die Wüste bis zur Atlantiküberquerung auf der alten Island-Hopper-Route.» Derzeit brummen allerdings nur noch zwei Exemplare der «Tante Ju» – so der Spitzname der Ju-52 – übers Land; das dritte ist vor zwei Monaten nach 82 unfallfreien Jahren abgestürzt und beim Piz Segnas ob Flims zerschellt. Keiner der 20 Insassen hat das Unglück überlebt. Auch wenn dessen Ursache offiziell noch nicht geklärt ist, liegt die Vermutung nahe, dass die Sommerhitze die Motorenleistung beeinträchtigt hat.

Es mag wie eine Ironie des Schicksals anmuten, dass die alten Flugzeuge in den vergangenen Monaten Schlagzeilen machten und in den kommenden Monaten wieder zu reden geben werden. Denn dieselbe Sommerhitze hat dem hochalpinen Eis so massiv zugesetzt, dass der Gauligletscher die Dakota DC 3 freigeben musste. Kaum waren die Trümmer im Berner Oberland ins Tal geschafft, mussten im Bündnerland die Überreste der Ju-52 geborgen werden. Das schiere Glück, das den Dakota-Piloten vor einem halben Jahrhundert im Schneesturm beschieden war, blieb den Ju-52-Piloten im August im Bündnerland bei schönstem Wetter verwehrt.

In naher Zukunft liegen zwei gute Nachrichten sozusagen in der Luft: Einerseits könnte der Fieseler Storch schon bald wieder aus dem Museum rollen und Richtung Gauli­gletscher abheben; denn in sechs Wochen jährt sich die Rettung der zwölf Dakota-Passagiere zum 72. Mal. Bislang sind alle Versuche, die fliegerische Meisterleistung mitsamt Gletscherlandung zu wiederholen, am Wetter gescheitert. Anderseits könnte die Ju-52-Flotte dereinst wieder mit drei Maschinen am Himmel zu ­sehen sein: In einem Museum in Mönchengladbach (D) steht eine «Tante Ju», die derzeit flott­gemacht wird. Und vielleicht schon bald starten und Kurs auf Dübendorf nehmen kann.

Öffnungszeiten: So 13–17 Uhr, Di–Fr 13.30–17 Uhr, Sa 9–17 Uhr Eintritt: Erwachsene 15 Fr., Jugendliche bis 16 Jahre 6 Fr. Information: Tel. 044 824 55 11, www.airforcecenter.ch (SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.10.2018, 17:12 Uhr

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