In der Heimat der Helvetia

Sonntagsausflug ins Diemtigtal im Berner Oberland, wo 1.-August-Sängerin Barbara Klossner jodeln lernte.

«Det une, det si mi-ner Wurzle»: Miss Helvetia Barbara Klossner bei einem Fotoshooting auf dem Springenboden im Diemtigtal.  Foto: Geri Born/«Schweizer Illustrierte»

«Det une, det si mi-ner Wurzle»: Miss Helvetia Barbara Klossner bei einem Fotoshooting auf dem Springenboden im Diemtigtal. Foto: Geri Born/«Schweizer Illustrierte»

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Den Künstlernamen verdankt sie ihren Fans. «Lue da, d Helvetia!», riefen die Leute im Publikum und hielten eine Fränkler-Münze hoch. «Sie isch dir wie usem Gsicht gschnitte!»

Der Jodlerin Barbara Klossner, 38, wars recht: Als «Miss Helvetia» hat sie längst die Charts erobert; am Nationalfeiertag will sie das ganze Land mit ihrer Stimme verzaubern: zuerst live am frühen Nachmittag, wenn sie auf der Rütli­wiese die Landeshymne über dem «stillen Gelände am See» erschallen lässt. Am Abend dann auf Schweizer TV-Kanälen, wo sie, während die untergehende Sonne einen letzten Strahl über die malerischen Gipfel der Gastlosen schickt, jede der vier Strophen in einer anderen Landessprache anstimmt. Schliesslich bestreitet sie den Showblock an der Bundesfeier der Gemeinde Lyss BE. Und da geht es nicht mehr nur um hehres Alpenglühn, sondern währschaft und herzhaft zur Sache: Mit ihrem neuesten Titel wünscht Miss Helvetia der Fest­gemeinde musikalisch «E Guete»; denn die Bratwurst ist gratis – und die neue CD eine Ode an das, was sie, neben dem Jodeln, am liebsten tut: essen; gerne viel und noch lieber gut.

«Es Rahmschnitzel, bitte!» Im Ausflugsrestaurant Bergli im Berner Oberland, hoch über dem Simmental auf der einen und dem Diemtigtal auf der anderen Seite, will sie die Speisekarte gar nicht erst sehen: «Mit dene feine Schpätzli!»

«Det si miner Wurzle»

«Det une» – ihr Blick schweift über saftige Matten und steile Bergflanken – «det si miner Wurzle.» Und darauf sei sie – nein, nicht stolz, sie habe ja nichts geleistet dafür, «s isch eifach nume n es Glück, weme so ne schöni Heimat darf ha».

Das Diemtigtal ist das Seitental von einem Seitental, fernab vom Trubel der Welt. Der Tourismus, der hier gefördert wird, verdient das Prädikat sanft, dafür sind die Bergwälder urtümlich und die Wildwasser ungestüm. Das Label Regionaler Naturpark, das der Bund dem Tal verliehen hat, und der Wakkerpreis, mit dem vor mehr als 30 Jahren die Pflege des einheitlichen Diemtigtaler Ortsbildes anerkannt wurde, lassen erkennen, wie harmonisch hier Natur und Kultur einander ergänzen.

Aus Quellen sprudeln rötlich eingefärbte Wasser

Für Wandervögel ist dieser Naturpark noch immer ein Geheimtipp: In Oey, wo das Diemtigtal ins Simmental mündet, steigen sie aus dem Postauto, folgen dem Bett des Chirel-Baches und müssen dabei über elf Brücken gehen, bis sie nach 16 Kilometern und über tausend Höhenmetern die Grimmialp erreichen. Aus geheimnisvollen Mineralquellen sprudeln die rötlich eingefärbten Grimmiwasser; sie speisen kleine Bergseen, nähren heilende Kräuter und haben der Hochebene den Ruf eines spirituellen Kraftortes eingetragen.

Ein ganz anderer Kraftort wird vom Schwingerweg erschlossen, der zum Pavillon der Schwingerkönige führt. Vor fünf Jahren ist das traditionssportliche Museum zu Ehren von Dubach Karl, Roschi David und Wenger Kilian eingeweiht worden. Die drei Herren liessen sich 1889, 1972 und 2010 zu Schwingerkönigen krönen – und alle drei stammen aus dem Tal, das seit Wengers Triumph als das Tal der Könige bekannt ist.

Miss Helvetia – «Ängeli im Schnee» Video: SRF/Youtube

Das Jodeln, sagt Miss Helvetia und verdreht geniesserisch die Augen, während sie sich über ihr Rahmschnitzel hermacht, das Jodeln habe sie «vo mim Müeti selig» gelernt – zunächst: später auch «vo mim Mathe-Lehrer». Hans Stucki, bekannt als Dirigent des Jodelclubs Diemtigen, hatte bald erkannt, dass seine Schülerin mit Zahlen herzlich wenig anfangen konnte, dafür aber über musikalisches Talent und eine glocken­reine Stimme verfügte. «Da war Schluss mit Bruchrechnen; wir übten den Zungenschlag!»

Es hat sie immer wieder hinausgezogen in die Welt, nach Genf zunächst, wo sie Französisch lernte und die frankofone Lust am Genuss verinnerlichte, nach Brasilien, wo sie sich nach dem klassischen Ballett auch mit südamerikanischen Rhythmen anfreundete.

Am 1. September, einen Monat nach ihrer patriotischen Omnipräsenz, tritt Miss Helvetia endlich wieder zu Hause auf, im Diemtigtal jodelt sie die europäischen Tage des Denkmals ein. Und noch einen Monat später steht sie in Afrika auf der Bühne. Im Rahmen der Exclusiv-Music-Entertainment-Tournee in Senegal wird Miss Helvetia in der Simmentaler Werktagstracht ausgelassen über die Bühne stampfen, und sie wird die Nationalhymne singen – nein, nicht die vom Morgenrot und Strahlenmeer, die senegalesische natürlich. Sie wird ihre afrikanischen Freunde mit einem Crashkurs im Jodeln beglücken – und den Sehnsuchts-Jodel anstimmen. Denn wo immer Miss Helvetia auftritt – die Sehnsucht ist dabei.

Die Sehnsucht nach dem Diemtigtal.

www.diemtigtal.ch
www.misshelvetia.com
(SonntagsZeitung)

Erstellt: 27.07.2018, 14:35 Uhr

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