700 Sterne und einer dazu

Sonntagsausflug nach St. Gallen, wo Würste gebraten und uralte Traditionen gepflegt werden.

Jeder gespickt mit zwei Meter langen Strahlen: Im Advent wird St. Gallen zur «Sternenstadt». Bild: Daniel M. Frei

Jeder gespickt mit zwei Meter langen Strahlen: Im Advent wird St. Gallen zur «Sternenstadt». Bild: Daniel M. Frei

Vor drei Tagen, am letzten Donnerstag im November, in St. Gallen: Stadtpräsident Thomas Scheitlin legt auf dem Vadianplatz den Schalter um und lässt die Ostschweizer Metropole in vorweihnachtlichem Glanz erstrahlen.

Azündete nennen die Einheimischen einen Vorgang, der vor acht Jahren Premiere feierte, der Stadt damals schon Prädikate wie «Sternenstadt» und «schönste Adventsbeleuchtung der Schweiz» eintrug und längst zu einer unverzichtbaren Tradition geworden ist.

700 Sterne, jeder gespickt mit zwei Meter langen Strahlen, einer für jedes der vierzehn Stadtquartiere, hängen über den Gassen, unter ihnen kitzeln Duftschwaden die Nasen, gebratene Kalbfleischwürste und geglühter Rotwein, vom Vadianplatz, wo der Reformator auf seinem Sockel steht, bis zum Klosterviertel, wo ein irischer Mönch über einem Brunnen wacht. Ganz in der Nähe prangt an der Talstation einer Zahnradbahn, die zum Mühlegg-Quartier fährt, eine merkwürdige Ortstafel: «Bangor». Die nordirische Hafenstadt Bangor soll vor mehr als 1500 Jahren die Heimat des Gallus gewesen sein. Der Name ist lateinisch, steht für Hahn und verweist auf die keltische Herkunft. Gallus hatte sich auf den Weg nach Europa gemacht, um den Kontinent zu christianisieren.

Es kam, so weiss es die Legende, zu jenem Zwischenfall, der alsbald den schwarzen Bären ins St. Galler Stadtwappen brachte: Auf der Mühlegg sei Gallus über einen Strauch gestrauchelt. Als er sich aufrappelte, habe ihn ein Bär anfallen wollen. Worauf der Mönch dem Tier befahl, Holz fürs Feuer zu holen, dann wolle er sein Brot mit ihm teilen. Der Bär gehorchte. Gallus erkannte in dieser Begegnung die göttliche Anweisung, sesshaft zu werden, und richtete sich eine Klause ein, die im Lauf der Zeit zu einem Kloster mit angegliederter Barock-Kathedrale heranwuchs. Heute sind die Ordensbrüder längst ausgezogen; dafür brüten über und unter der weltberühmten Stifts-bibliothek Internatsschüler über lateinischen Vokabeln.

Europaweit die älteste unabhängige Brauerei

Parallel zum katholischen Barock-Kult erblühte die Textilindustrie. Dank ihr konnten rare Tierhäute, auf welchen die Mönche ihre Schriften transkribierten, durch gebleichte Textilien ersetzt werden. Diese waren so kostbar, dass Diebe, die sich an Leinentüchern vergriffen, öffentlich geköpft wurden. Zum Weltruhm, den St. Galler Textilien alsbald erlangten, trugen prominente Frauen entscheidend bei: Sängerinnen wie Madonna oder Lady Gaga, Präsidenten- und Schauspielergattinnen wie Michelle Obama oder Amal Clooney sowie die monegassische Fürstin Charlene hüllten sich an Konzerten, Hochzeits- oder Inaugurationsfeierlichkeiten in Ostschweizer Spitzengewänder. Die historischen, unschätzbar wertvollen Schriften, die in der zum Unesco-Kulturerbe erhobenen Stiftsbibliothek lagern, aber auch die nicht minder kostbaren Kreationen der Textilbranche festigen St. Gallens Reputation als Bewahrerin: Keine andere Schweizer Stadt pflegt ihre alten und vielfältigen Traditionen mit so liebevoller Sorgfalt. Das gilt insbesondere auch für den Sport und die Kulinarik.

Beide sind im Alten Pöstli angesagt, in einer jener berühmten «Erst-Stock-Beizen», die in der Altstadt über den früheren Stallungen eingerichtet sind. Bratwurst mit Rösti und Zwiebelsauce ist das Standardmenü, in den Stangen perlt selbstverständlich Schützengarten-Bier. Und das Gespräch dreht sich um FCSG und KKS.

Beim Bier macht das Argument Tradition Sinn: Die Schützengarten-Brauerei begeht in wenigen Wochen ihr 240-Jahr-Jubiläum; sie ist europaweit die älteste unabhängige Brauerei. Ähnliches gilt für den Fussballclub; der wurde exakt hundert Jahre nach der Brauerei gegründet und ist, wenn auch schon lange nicht mehr vom grossen Erfolg verwöhnt, so doch der traditionsreichste Schweizer Fussballverein. Und KKS?

Hinter dem Kürzel verbirgt sich – Auswärtigen seis verraten – eine Frau, die heute einmal mehr am Stammtisch und seit Monaten auch landesweit von sich reden macht.Von Fussball verstehe Karin Keller-Sutter ja nicht wirklich was, meint einer. Kunststück, sagt der andere, sie sei ja aus Wil. «Sie muss ja kein Fan sein», sagt der Dritte. «So, wie sie mit den Hooligans kurzen Prozess machte, kann sie auch in Bern für Ordnung sorgen!» Keiner zweifelt daran, dass sie es schafft.

In drei Tagen, am ersten Mittwoch im Dezember, Bern Bundeshaus: Die St. Galler Ständerätin legt vor der Vereinigten Bundesversammlung den Amtseid ab und zieht in den Bundesrat ein. «Zwei Tage vor Heiligabend wird sie 55», weiss der Erste. «Mit Karin Keller-Sutter geht der 701. St. Galler Stern über der Schweiz auf!»

Stiftsbibliothek: täglich geöffnet 10 bis 17 Uhr; www.stiftsbibliothek.chTextilmuseum: täglich geöffnet 10 bis 17 Uhr; www.textilmuseum.chAllgemeine Infos: www.st.gallen-bodensee.ch

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