Weihrauch und Wüste

Krasse Kontraste: Von Oman nach Abu Dhabi im Offroader. Eine Reise in die Tiefe der Seele.

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Wie ein Unwetter bricht die Dämmerung über die Wüste herein. Bedrohlich wachsen die Schatten der Sanddünen in die Ebene hinaus, und im fahlen Dunst über dem Horizont erlischt die Sonne. Suhail, der sich zum Abendgebet zurückgezogen hat, taucht hinter dem Ausläufer einer Düne auf. Er hält ein Bündel trockener Äste und Flechten im Arm.

«Wie schaffst du es bloss, in dieser gottverlassenen Ödnis Holz zu finden?» – Unter dem Sand sei ein toter Baum gelegen, sagt Suhail, verborgenes Holz könne man spüren. Die Nacht zieht ein schwarzes Tuch über den Ozean aus Sand, am Himmel öffnet sie den Vorhang. Dort oben funkeln die ersten Sterne, und hier unten prasselt das junge Feuer. Suhail giesst Tee aus der Blechkanne in zwei Tassen und gibt grosszügig Zucker dazu.

Das Sultanat Oman besteht nur aus Wüste und Küste

So beginnt die erste von vier Nächten in der legendären Rub al-Chali. Der Name bedeutet so viel wie «leeres Viertel». In der trockenen Hitze findet sich keine grössere Siedlung und kaum ein Funke Leben. Die grösste Sandwüste der Welt nimmt auf knapp 700'000 Quadratkilometern ein Viertel der arabischen Halbinsel ein. Zum «Empty Quarter» gehören vor allem Saudiarabien, der Jemen sowie die Vereinigten Arabischen Emirate. Und Oman.

Das Sultanat besteht aus Wüste und Küste. Über vier Millionen Omaner leben in zwei Metropolen: Die Hauptstadt Muscat am Golf ist das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum, hier herrscht Qabus bin Zayd seit einem halben Jahrhundert. Und tief im Süden hat sich Salalah am Indischen Ozean zum Touristenmekka entwickelt, hier wurde der Sultan vor 78 Jahren geboren. Und hier haben wir am frühen Morgen unseren Wüstentrip angetreten – eine Reise der Kontraste.

Der krasseste Kontrast zum spartanischen Leben in der Wüste ist das Ferienresort Al Baleed. Seit der Eröffnung vor zwei Jahren setzt es neue Massstäbe – etwa mit einer Fussmassage zum Empfang oder Privatpools, die sich in den luxuriösen Gästevillen vom Garten bis ans Bett erstrecken.

Beim Eingangsportal wartet ein freundlicher Mann. Die Disch-dascha, das knöchellange Leinengewand der arabischen Männer, ist so blütenweiss wie der Lack des Landcruisers. «Ich heisse Suhail und bin dein Wüstenguide», stellt er sich vor. «Ich bring dich nach Abu Dhabi!» Das sind rund 1500 Kilometer. Bei einer Aussentemperatur von gegen vierzig Grad Celsius. Fünf Tage lang nichts als Berge, Dünen und Ölraffinerien. Und von Horizont zu Horizont nichts als Sand.

Vor zweihundert Jahren war der erste Teil dieser Route als Weihrauchstrasse berühmt geworden. Kamelkarawanen transportierten das wertvolle Gut von Südarabien ans Rote Meer, von wo es Richtung Mittelmeer verschifft wurde. Die Muslime im Morgenland schätzten den Rohstoff des Wunderbaums aus dem Oman als Heilmittel gegen Gicht und Darm-beschwerden, die Christen im Abendland vernebelten mit ihren Ritualen die Gotteshäuser: Weihrauch für alle.

«Dort – hinter diesen Bergen», Suhail weist mit der Hand Richtung Horizont, «dort ist mein Dorf, lebt meine Familie. Dort wurde ich geboren.» Wann genau, weiss er nicht. «Keine Ahnung – ich bin wohl zwischen 32 und 34 Jahre alt. Geburtstage und Jahreszahlen bedeuten uns Beduinen nichts. Wichtig ist die Familie.» Er sei das dritte von siebzehn Kindern, vierzehn Söhne und drei Töchter habe der Vater mit zwei Frauen gezeugt. Er selbst habe auch eine Frau und zwei Kinder, und wenn die Richtige käme, nehme er sich noch eine zweite Frau. «Aber das hat Zeit!»

Kein Wegweiser, keine Karte, kein GPS

Die Strasse mündet in eine Piste. Und bald ist auch diese nicht mehr zu erkennen. Kein Wegweiser, keine Karte, kein GPS – Suhail fährt stur in Richtung Sonnenuntergang. Warum hat er kein Navigationsgerät? Wie kann er wissen, wo wir sind, und wo wir hin wollen? Suhail tippt sich an den Kopf. «Mein Navi ist da drin», grinst er. Das sei bei jedem Muslim eingebaut, denn der müsse beten. Überall und bei jedem Wetter müsse er wissen, wo Mekka liege. Ausserdem: «Sind dir schon mal die Ölfässer aufgefallen – und die Lastwagenpneus? Es sind Markierungen, die uns sagen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.»

Zunächst ist in der Nacht nur der helle Schatten der Milchstrasse sichtbar. Sterne funkeln, Flugzeuge blinken, und immer wieder huscht ein verglühender Meteorit als Sternschnuppe über den schwarzen Himmel. Bald geht die Wahrnehmung in die Tiefe. Der weiche, warme Sand zieht den Körper hinunter zur Mutter Erde. Und der Kosmos zieht den Geist hinauf in eine Dimension jenseits von Raum und Zeit.

Nahtlos geht der Traum-Schlaf in die Wach-Wahrnehmung über. Und die Wüste erwacht. Was sind das für Geräusche? Ein Rascheln, ganz nah, ein heiseres Bellen, weiter weg, in der Ferne dumpf klagendes Gebrüll. Alles nur geträumt? Die aufgehende Sonne bringt es ans Tageslicht: Der Wüstenfuchs hat sich über die Abfälle hergemacht. Und die langen Hälse mit den nickenden Köpfen zwischen den Dünen gehören zu den Kamelen, deren durstige Kälber nach der Mutter brüllen.

«Magst du Kamelmilch zum Frühstück?», fragt Suhail. «Die schwarzen Wüstenkamele gibt es nur hier. Ich kenne den Besitzer.» 25 Kameldamen bilden mit neun Kälbern die Herde des Beduinen Said Mohammed Salem. Er führt sie zu einem mit Maschendraht und Holzlatten zusammengenagelten Rundgehege. Seit immer mehr Touristen in Geländefahrzeugen durch die Wüste preschen, muss er die Tiere einsperren – nicht etwa, weil er Kollisionen befürchte, sagt Said. «Es ist wegen der Plastikflaschen.» Die Wüste ist voll davon. Achtlos werden Flaschen aus dem Fenster geworfen – und die neugierigen Kamele wissen nicht, dass Plastik töten kann.

Die Männer kauern im Kreis. Die schaumige Milch schmeckt wie dünne Kuhmilch. Suhail nickt. «Es ist ein Problem. Den Abfall müssen wir in den Griff kriegen.» Am vorletzten Tag säumen Raffinerien und Bohrtürme die Strasse. Je mehr wir uns der Grenze zu den Emiraten nähern, desto länger werden die Lastwagenkonvois. «Das dort», seufzt Suhail, «ist meine Vergangenheit.» Und er erzählt, wie er als junger Ingenieur auf den Ölfeldern geschuftet hatte, zwölf Stunden am Tag in Gestank und sengender Hitze. «Ich bin ausgestiegen. Das Ende des Öls ist ohnehin absehbar. Die Zukunft liegt im Tourismus.»

Der Tourismus verbindet den Islam mit dem Christentum

Könnte es sein, dass der Tourismus gleich zwei Brücken schlägt? Die eine verbindet die Vergangenheit mit der Gegenwart, indem sie den Weihrauch ehrt. Und die andere verbindet den Islam mit dem Christentum, indem sie Geschichte lehrt. Suhail lächelt. «Das musst du mir erklären.»

Die Erklärung liefern die Sterne. Vor zweitausend Jahren haben drei Männer gewissermassen den kulturübergreifenden Tourismus erfunden. Manche sagen, es seien Könige gewesen, andere reden von sternkundigen Weisen aus dem Morgenland. Sie folgten einem Kometen Richtung Palästina und beschenkten einen Säugling, den sie als göttliche Autorität würdigten, mit Myrrhe und Gold. Der dritte Weise aber legte Weihrauch in die Krippe.

Das kann eigentlich nur der Sultan von Oman gewesen sein.


Die Reise wurde unterstützt vom Oman Tourism Board und Let's go Tours.

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