Totenkult und Kindersegen

Ägypten leidet schwer daran, dass die Touristen das Land meiden. Ihre Angst ist verständlich, aber unbegründet. Auch sonst gerät diese Reise in die Vergangenheit anders, als man denkt.

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Schwer lastet der süssliche Nebel aus Abgasen, Rauchschloten und Wüstensand über der Stadt Kairo. Auf zwölf Spuren fahren, beschleunigen, bremsen, züngeln und überholen die Autos, deren Fahrer unentwegt hupen, als ginge es damit schneller. Rotlichter werden ignoriert, Fussgänger von der Strasse gescheucht, dann wieder steht man eine halbe Stunde im Stau, sieht leuchtende Rücklichter bis an den Horizont. Der Schmutzwert der Luftpartikel an diesem Abend liegt bei 150, das gilt als ungesund; ­Paris kommt auf 30.

Im Grossraum der Stadt überleben 25 Millionen Menschen jeden Tag. Hochhäuser, Filigranbauten der Kolonialzeit, Wellblechverschläge und Minarette drängen sich aneinander, einige Quartiere haben weder Wasser noch Strom, in den endlosen Aussenbezirken säumen halb fertig hingewürfelte Häuser die Autobahnen. Wie wird es einem hier ergehen? Die Revolution von 2011 ist gescheitert, der Muslimbruder Mursi gestürzt, es kam zu Massakern, jetzt regiert wieder das Militär, oppressiver denn je. Ist das ­alles nicht gefährlich? Und überhaupt, geziemt es sich, in ein solches Land zu reisen? Ägypten leidet darunter, dass viele Touristen das Land meiden. Ägypter klagen, ihr Land würde verzerrt wahrgenommen. Also laden sie Presseleute ein.

Bis weit in die Nacht sind die Strassen voller Jugend

Dass das Leben hier die Hölle sein muss: Die Bevölkerung von Kairo scheint es nicht zu merken, oder sie hat beschlossen, es zu ignorieren. Bis weit nach Mitternacht sind die Strassen der Altstadt voller Menschen, Musiker trommeln am Strassenrand, Motorräder knattern, Strassenhändler rufen ihre Ware aus, Muezzins klagen über den Dächern. Mädchen mit Kopftüchern und Turnschuhen kichern vor einem Schmuckladen, Mädchen ohne Kopftuch rauchen Wasserpfeife, junge Männer gehen Arm in Arm, manche tragen Uniform. Verkäufer versuchen allen, Billigschmuck, Kleider oder Gewürze anzudrehen. Ein blinder Mann sitzt gleichmütig am Strassenrand, die Kameltreiber tragen verspiegelte Sonnenbrillen. Jeder will mit einem reden.

Dann wieder watet man durch Müll und stolpert über Strassen­löcher, sieht Männer mit Zahn­lücken vor ihren Geschäften ­hocken, schaut Kindern beim ­Spielen auf einer Abfallhalde zu. Auf den ­Bildschirmen läuft ­Fussball, die inoffizielle Religion Ägyptens. Ihr Anführer ist Mo­hamed Salah, der superschnelle Linksfüsser als ­rechte Sturm­spitze, der über den FC Basel zu Weltruhm kam und heute bei Liverpool spielt. Als sein Land sich im Oktober für die WM qualifizierte, entlud sich ­eine landesweite Explosion der Freude.

Ägypten ist eines der jüngsten Länder der Welt. Über 75 Prozent seiner Bevölkerung sind weniger als 25 Jahre alt, jedes Jahr werden 2,5 Millionen Kinder geboren und drängen auf die Strasse, wo sie die meiste Zeit über leben. Die überbordende Vitalität des Landes, die Neugierde der Leute und ihre Herzlichkeit bestätigen seine beiden grössten Klischees: Stolz und Gastfreundschaft. Stolz auf die ferne Geschichte, Gastfreundschaft aus der Tradition heraus. Auf dieser ganzen Reise durch das Land hat es nicht eine unfreundliche Begegnung gegeben.

Auch fühlt man sich sicher. Ägyptische Frauen klagen über systematische Belästigungen seitens der Männer, aber einer europäischen Freundin, die hier lebt, ist so etwas noch nie widerfahren.

Khaled al-Khamissi empfängt im Café Riche in Downtown Cairo, wo er aufgewachsen ist. Hier ­trafen sich früher Schriftsteller und Intellektuelle zum Schreiben, Reden und Rauchen; Khamissi Vater ­gehörte dazu, er war Schriftsteller wie sein Sohn, dieser mehrsprachige und weit gereiste Autor von ­Büchern wie «Taxi» oder «L’arche de Noé». Das Café hat die Atmosphäre bewahrt, nicht aber den Stil. Das Essen ist schlecht, die Bedienung demotiviert. Aber ­Khamissi geht es um die Bedeutung des Ortes, nicht um seine Gegenwart.

Ein General ist gegangen, ein neuer ist gekommen

Um Ägypten zu verstehen, sagt er, müsse man in Schichten denken – historischen, sozialen und psychologischen. Das Problem bleibe die mangelnde Durchlässigkeit, das fange an mit dem historischen ­Bewusstsein. «Die Jungen haben keine Ahnung von ihrer Kultur, wissen nichts vom Leben ihrer Eltern, schon weil die meisten Schulen in Ägypten schlecht sind.» Auch die sozialen und psychologischen Schichten seien voneinander abgeschlossen, sagt er, «keiner von unten hat eine Chance, aufzusteigen». Kairo, seine Heimatstadt, nennt er «das Opfer ihrer Hässlichkeit, unter der die Schönheit schimmert». Vom neuen Regime erwartet er nichts. Ein General sei gegangen, ein anderer gekommen.

Und dann, in der dunklen Moschee, setzt die Stimme ein

Vielleicht weil sie so wenig zu hoffen haben, glauben die Ägypter so tief. In diesem Land stehen über 100'000 Moscheen, in Kairo manche der ältesten und schönsten des Islam. Zum Beispiel die Alabastermoschee unter der Zitadelle der Stadt. Der Lärm klingt aus der Ferne herüber, die Muslime versammeln sich zum Gebet, sie stehen nebeneinander und verneigen sich, während der Muezzin aus dem Koran vorsingt, mit einer tiefen, voluminösen Stimme, die ihre Virtuosität im Ausdruck der Monotonie der Melodie unterwirft. Stehen keine Gebete an, geht es entspannt zu, geradezu fröhlich; Kinder rennen durch den riesigen Raum, Männer telefonieren, andere schlafen am Fuss einer Säule.

Was hätten die Pharaonen über ihre Nachkommen gedacht? Der Gedanke drängt sich schon architektonisch auf, als man vor den drei Pyramiden von Gizeh steht, die sich am Stadtrand von Kairo erheben und genauso gross und zeitlos dastehen, wie sie beschrieben und gelobt werden.

Von Kairo geht es mit dem Flugzeug bis zum Assuan-Damm 1000 Kilometer weiter südlich und von dort auf eine Schifffahrt den Nil hinunter nach Luxor. Was die Hochkultur der alten Ägypter ­geleistet hat auf den Gebieten von Architektur, Kunst, Schrift, technischen Neuerungen und allen Formen von Handwerk: Das zeigt sich erst vor Ort und in drei Dimensionen. Die hohen, wuchtigen Tempel von Luxor mit ihren tonnenschweren Säulen und den filigranen Intarsien; die dicht bemalten Gräber im Tal der Könige; die Tempelanlage von Luxor, unvergessen seit dem Attentat von 1997. Erst im Angesicht dieser kolossalen, schönen Sakralbauten wird das Ausmass von Ausdauer, Organisation und technischer Brillanz bewusst, mit dem die Leute damals arbeiteten. 300 Tonnen aus dem Stein gehauen Kein Aufwand schien ihnen zu gross, das zeigt schon der Bau der Obelisken. Die alten Ägypter hauten die 30 Meter langen, über 300 Tonnen schweren Obelisken aus dem Stein, schleppten sie in ihre Transportschiffe, fuhren sie 200 Kilometer den Nil hinunter, um sie dann über lange, hohe Rampen an den Bestimmungsort zu ziehen und zu stossen. Man muss sich bewusst werden, dass die Ägypter bis zu zwanzig Jahren an einer Pyramide bauten für ihren Pharao, den sie als Sohn des Sonnengottes verehrten, um ihn dann mit Kunstwerken und Schmuck in mehreren, ineinander verschachtelten Sarkophagen zu begraben. Dann wurde das Grab verschlossen.

Dem Laien kommt das vor wie eine unmässige Verschwendung von Zeit, Fleiss und Talent, der Ägyptologe Mahmoud Bakkar deutet es als Ausdruck der Vitalität, mit der die Ägypter den Tod bedachten. «Leben und Tod waren für sie so selbstverständlich wie Tag und Nacht und der Tod eine Fortsetzung des Lebens», sagt er. Die ­Anlagen werden überall bewacht, es stehen Sicherheitsschleusen herum und Soldaten mit ­Maschinenpistolen.

Je länger die Fahrt andauert, je mehr man sieht und hört und redet, desto mehr versteht man das Symptom, das ausländischen ­Diplomaten als «going native» bekannt ist: die zunehmende Wahrnehmung des Gastgeberlandes aus seiner Perspektive. Eines Landes, das alle Kulturen des Mittelmeeres absorbiert hat und das während Jahrtausenden immer wieder angegriffen, besetzt und ausgeplündert wurde, dessen kulturelle Schätze von Besetzern abtransportiert wurden. Ein Land mit einer langen Vergangenheit und einer jungen Gegenwart.


Die Reise wurde zu gleichen Teilen vom ägyptischen Tourismus und der Schweizer Agentur Amin Travel finanziert. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.02.2018, 13:16 Uhr

Den Nil hinunter zu den Pharaonen

Natürlich kann man das ägyptische Museum von Kairo alleine bewältigen; wer einigermassen zügig vorwärtsmacht, ­haben Fachleute errechnet, schafft es knapp in einem ­Monat. Da hält man sich lieber an einen Ägyptologen, wie Amin Travel sie mit auf die kleine Gruppenreise schickt. Mahmoud Bakar ist es in unserem Fall, der die Leistung und die Bedeutung ­dieser jahrtausendealten Hochkultur so anschaulich näherbringt, dass man sie aus dem Alltag jener Zeit heraus versteht.

Die begleitende Reiseagentur, ein Familienunternehmen mit 34 Jahren Erfahrung und Angeboten in viele Destina­tionen, kombiniert Alltägliches und Erhabenes, Bildung und Entspannung zu einer sehr vielseitigen Reise mit Bus, ­Flugzeug und Schiff. Alles ist im Preis inbegriffen, auch die Flüge, ausserdem muss man sich um kein einziges Ticket bemühen und wird sehr gut betreut.

Man kann sich aus dem Angebot Optionen wünschen, wenn sie nicht schon aufgeführt sind; sehr zu empfehlen sind:
– Der Souk von Kairo am Abend, die schöne Altstadt, die verbliebenen Häuser aus einer Zeit, als Kairo das Paris des Südens werden wollte.
– Die tanzenden Derwische von Kairo in der ehemaligen Karawanserei von «Wekalet al-Ghouri» in der Kairoer Innenstadt, einem Theater aus dem 8. Jahrhundert. Die tanzenden, trommelnden, singenden, streichenden, flötenden Männer mit ihren fantastisch choreografierten Tänzen feiern einen Islam der Sinnlichkeit und der Toleranz.
– Eine oder mehrere Prachtmoscheen von Kairo, in denen man verweilen sollte, um die Architektur und die Atmosphäre dieser riesigen Stätten zu erleben. Manchmal ­stehen die Moscheen mitten im Dreck, das Sakrale kontrastiert mit dem Profanen, aber das macht ihre ­Ausstrahlung noch eindringlicher.
– Die Pyramiden von Gizeh: Natürlich muss man die gesehen haben.
– Nilfahrt von Assuan nach Luxor. Sehr geruhsam auf einem stilvollen, 1997 renovierten Viersternschiff mit allem drauf und drin. Das Personal ist ausgesprochen sympathisch, das Essen durchgängig exzellent, und in den Kajüten fühlt man sich geborgen.

Komplettreisen ab 1800 Franken: www.amin-travel.ch, Telefon 044 492 42 66.

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