Tausend Rosen und vier Räder

Der Oman ist ein sicheres Reiseland mit spektakulären Naturerlebnissen – und mit Wüsten- und Bergstrecken ein Paradies für Selbstfahrer.

Wo die Wüste lebt: Wadi Bani Khalid mit glasklarem Wasser. Foto: Alamy Stock Photo

Wo die Wüste lebt: Wadi Bani Khalid mit glasklarem Wasser. Foto: Alamy Stock Photo

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Der Oman – vielen muss man erst mal erklären, wo er liegt. Also: Es ist ein Golfstaat, unten rechts von Saudiarabien. Unten links liegt der Jemen, ein bitterarmes, vom Bürgerkrieg zerrissenes Land. Der Oman dagegen ist reich, friedlich, sicher. Die zwei Millionen Omaner leben gut von ihren Öl- und Gasquellen, viele Jobs erledigen Gastarbeiter (Ausländerquote 45 Prozent, meist aus Indien und Pakistan), der Alleinherrscher Sultan Quabus hat sein Land in 40 Jahren quasi aus der Steinzeit in die Gegenwart geführt. Bilder Seiner Majestät sind überall im Land zu sehen, in Büros und Restaurants und sogar an den Pfeilern der Autobahnbrücken.

Ja, auch Autobahnen durchziehen den Oman seit einigen Jahren, überhaupt entstehen neue Strassen so schnell, dass jede Karte schon überholt ist, wenn man sie kauft. Wir sind nicht zum Autofahren hergekommen, aber ohne Auto macht eine solche Reise keinen Sinn, und schnell merken wir: Der Weg ist ein Teil des Ziels, der Fahrspass ein starker Teil des Reisevergnügens.

Wir übernehmen den Nissan X-Terra, ein mächtiges Allradgefährt mit hohen Sitzen und so netten Extras wie Navi und Einparkhilfe-Bildschirm, am Flughafen der Hauptstadt Muscat, einer Ansammlung von Teilorten, die sich über 30 Kilometer an der Küste erstrecken und durch etliche Schnellstrassen verbunden sind. Alle Omaner, scheint uns hier, fahren neue, grosse Autos, und sie sitzen offenbar ständig darin. Kurz: viel Verkehr, auch nachts.

Verlässt man die Stadt, hat man die Strassen bald für sich allein. Mit 120 Sachen (Höchstgeschwindigkeit) braust es sich gut dahin, die Augen meist links und rechts auf die Landschaft gerichtet. Der Oman ist ein Wüstenstaat, und hier begreift man, dass Wüste von wüst kommt: «Wüst und leer» war die Erde am ersten Schöpfungstag, und hier ist sie das vielfach immer noch. Fels, Geröll, Sand: Das sind die drei Erscheinungsformen des Bodens, mit allen Varianten dazwischen.

Wo kein Wasser, da kein Leben, so die simple Gleichung der Natur hier. Die Umkehrung mit ihren paradiesischen Folgen werden wir bald kennenlernen.

Humps übersäen Strassen – Vollbremsung angesagt

Autobahn, Landstrasse, Dorfstrasse: So die drei Erscheinungsformen des Asphalts im Oman. Wobei Letztere sich durch unregelmässig auftauchende «humps» auszeichnen, quer über die Strasse gezogene Erhöhungen, auf die mal gelb aufgemalte Streifen, mal ein Verkehrsschild warnend hinweisen, mal aber auch keins von beiden. Dann ist Vollbremsung angesagt, will man nicht aufsetzen und das Auto ruinieren. Bis zu zehn «humps» pro Ort zählen wir, wahrscheinlich gab es mal eine landesweite Betonkampagne «Macht euer Dorf langsamer».

Andere Strecken im Land sind sozusagen permanent gehumpt. Ich spreche von den Pisten in den Bergen – ihretwegen unter anderem haben wir überhaupt einen 4WD, also ein Allradfahrzeug, gemietet. Das Hajar-Gebirge zieht sich 600 Kilometer durch den Oman. Den höchsten Punkt erreicht es mit dem 3028 Meter hohen Jebel-Shams-Gipfel. Ein guter Ausgangspunkt dafür ist das Hotel The View, das oberhalb von Hamra liegt und nur über eine neun Kilometer lange, steil ansteigende Piste zu erreichen ist. Lehmpiste, Schotterpiste, Felspiste, Schlaglöcherpiste: Hier kann der Nissan zeigen, weshalb er 265 PS hat und jedes Rad antriebsfähig ist. Über das Kriechtempo kommt er trotzdem nicht hinaus, dafür sorgt schon der vorsichtige Fahrer. Aber auch langsam kommt man voran und hinauf, und von oben bietet sich auf 1400 Metern über Meer «der Blick», den der Hotelname verspricht. Nach vorne kilometerweit über die Ebene, nach rechts auf die Zackenlinie des Jebel Shams. The View ist eine Öko-Lodge, eine Ansammlung von 30 kleinen Bungalows, mit Stahlträgern und Betonsockeln in den Berg gesetzt und mit Holzstegen miteinander, mit Rezeption, Restaurant, Terrasse und Pool verbunden. Das Schwimmbad ist klein, aber ein sogenannter Infinity-Pool: Die zum Tal gewandte Schmalseite scheint einfach abzubrechen, ins Leere, ins Unendliche zu reichen (dabei fliesst das Wasser bloss in ein etwas niedrigeres Auffangbecken).

Schwimmen im Sand, umsteigen aufs Wüstenschiff

Auch manche Asphaltstrasse verlangt den Einsatz aller vier Antriebsräder, so steil führt sie den Berg hinauf. Über 30 Kilometer gelangt man von Birkat Al-Mawz den Jebel Akhdar hinauf, an einem Checkpoint des Militärs vorbei, an dem ein gelangweilter Soldat das Auto auf Bergtauglichkeit prüft. Oben geht es zu Fuss weiter, ein schmaler Wanderpfad verbindet drei Dörfer, die auf 2000 Metern Höhe am Fels zu kleben scheinen. Quellwasser und Kanäle, nach der uralten Falaj-Technik angelegt, machen es möglich, dass hier Gras gedeiht, Palmen wachsen und ganze Rosenfelder blühen. Jawohl: Rosen, aus denen Rosenwasser und Rosenöl gewonnen werden, für die Parfümherstellung. Aus dem Oman kommt Amouage, das angeblich teuerste Duftwasser der Welt, aus 120 Ingredienzien zusammengesetzt. Eine davon wächst hier, in lebensfeindlicher Umgebung, von den Dorfbewohnern in wallenden, blütenweissen Dischdaschas liebevoll kultiviert.

Wertvoll: Rosenfeld auf 2000 Metern Höhe zur Parfümherstellung. Foto: Alamy Stock Photo

Bergdörfer, Wadis und Oasen sind das paradiesische Gegenstück zur dominierenden (horizontalen und vertikalen) Wüstenei und fallen umso stärker auf, je rarer sie sich machen.

Das Wadi Bani Khalid ist so ein Paradies: Nach 30 Kilometern Fahrt durch die Berge empfängt uns plötzlich ein Palmenhain, über die Einfassung der Kanäle gelangt man zu Fuss an einen kleinen See, dann weiter an Teiche, die sich verengen zu einem Bergbach, der sich immer wieder staut zu Badebuchten. Kleider aus und hinein: Allerdings in züchtigen Grenzen, den Augen der Omaner, die dieses Ausflugsziel auch schätzen, soll nichts Unziemliches zugemutet werden. Und dann: schwimmen, sich treiben lassen in glasklarem Wasser, an Felsen entlang, zwischen ihnen hindurch, bis zu einer kleinen Stromschnelle, die man als Naturdusche nutzen kann, wieder zurück zum grösseren Teich, wo kleine Fische die Zehen anknabbern.

Dann aber, endlich, die wirkliche, die Sandwüste. Von Al-Kamil aus fahren wir in Kolonne zum Nomadic Desert Camp, zwanzig Kilometer über Sandpisten. Mit sechzig Sachen fährt der Kolonnenführer vor uns her. Man muss sich ranhalten, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren, die zudem durch Sand- und Staubwolken irritiert werden. Aus den Reifen wurde Luft abgelassen, damit sie besser greifen. Was heisst greifen: Es ist eher ein Schwimmen als ein Fahren, ein vorsichtiges Aus- und Nachsteuern, wenn man über die Fahrspuren hin und her und quer gleitet.

Im «Hafen», dem Beduinencamp, angekommen, darf sich der wackere Allrader ausruhen. Wir steigen aufs Wüstenschiff um: aufs Kamel. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.09.2017, 14:51 Uhr

Infos: Von Muscat ins bergige Hinterland

Flüge Oman Air fliegt nonstop nach Muscat, Swiss via Dubai.
www.omanair.com; www.swiss.ch

Reiseveranstalter Individuelle Rundreisen mit Mietwagen beispiels­weise mit dem deutschen Anbieter www.bedu.de. Schweizer Omanspezialisten sind Bischofberger, www.bischofberger-reisen.ch; Let’s go Tours,
www.letsgo.ch; Holiday Maker Tours, www.holidaymaker.ch

Unterkunft Es gibt hervorragende Luxushotels und Resorts wie das Golden Tulip in Nizwa, www.goldentulipnizwa.com; The View bei Hamra, www.theviewoman.com; Shangri-La-Komplex etwas ausserhalb der Hauptstadt Muscat, www.shangri-la.com/muscat/barraljissahresort

Beste Reisezeit Oktober bis April

Allg. Infos www.omantourism.de

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