Sirtaki trotz allem

Touristen können in Griechenland elegant an der Krise vorbeireisen. Wer aber nachfragt, trifft auf mutige Unternehmer, die mitten in der Misere etwas Neues wagen.

Schlafende Schönheit: Die Bewohner der Insel Poros sehen im gegenüberliegenden Festland die Umrisse der mythischen Ariadne. Foto: Lynn Scheurer

Schlafende Schönheit: Die Bewohner der Insel Poros sehen im gegenüberliegenden Festland die Umrisse der mythischen Ariadne. Foto: Lynn Scheurer

Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

Wo ist denn hier die Krise? Im Athener Vorort Kifisia merkt man nicht viel davon. Überall Luxusboutiquen und Strassencafés, in denen Reiche die Resultate ihrer Schönheitsoperationen zur Schau stellen. Doch angeblich überprüfen hier die Kioskverkäufer das Geld der Kunden. «Selbst die 5-Euro-Noten. Sie haben Angst, auch nur den kleinsten Verlust zu machen», sagt Yorgos Cheretis. Er arbeitet für eine Reiseagentur und erzählt seine Sicht der Krise, während ihm in einem hippen Biorestaurant eine Katze um die Beine streicht.

Notwendiges Übel

«Die Krise ist ein notwendiges Übel», sagt Cheretis. Zehn Jahre lang habe er im Ausland gearbeitet, weil hier «so vieles nicht in Ordnung war». Heute, in der schwersten Stunde des Landes, gerät er neben aller Kritik auch ins Schwärmen. Besonders schön, sagt er, sei die «Sleeping beauty – du wirst sehen».

Tatsächlich, wenn man es weiss, ist sie unübersehbar. Von der Insel Poros aus bildet das gegenüberliegende Festland eine Hügelkette – oder eine nackte Frau. Die Griechen sagen, die mythische Ariadne habe sich hier so verführerisch hingelegt, mit erhobener Brust und dargebotenem Nacken, um ihren untreuen Mann zurückzugewinnen.

Poros hat aber auch selbst einen verführerischen Charme. Die Insel ist gerade mal halb so gross wie Manhattan und liegt östlich des Peloponnes, gut vier Fährstunden von Athen entfernt. Eine grüne Landschaft, das glitzernde Wasser immer in Blickweite. Oben auf einem der kleinen Hügel ist man schnell allein im Wald und macht sich auf, kleine Kirchen und Klöster zu besuchen. Ausser Vögeln und den eigenen Schritten hört man nichts.

An der Küste geht es lebendiger zu. Die Insel ist bei Griechen beliebt. Sie lassen sich in teuren Strandhotels von Lounge-Musik berieseln und schwimmen im türkisblauen Wasser – Cocktails statt Krise. Täglich besucht auch eine Ladung ausländischer Touristen Poros. Sie kommen aus Athen und erledigen auf der Tagesfahrt auch noch die Inseln Hydra und Ägina. Partystimmung herrscht schon um 11 Uhr, wenn die Passagiere die gerade vom Schiffstanzlehrer gelernten Sirtaki-Schritte ausprobieren.

Unerwünschte Schätze

Gut gelaunte Gäste sind wichtig für Griechenland. Der Tourismus ist ein stärkerer Wirtschaftsfaktor als die Industrie. 2014 war ein Rekordjahr für die Branche. Ein plötzlicher Einbruch, etwa beim Ausstieg Griechenlands aus der Euro­zone, wäre verheerend. Auch für die Halbinsel Peloponnes, auf der es wenig Industrie, aber viele Strände und antike Schätze gibt. Wobei Letztere auch zum Problem werden können: Ein Winzer erzählt, dass er hoffe, keine Überbleibsel alter Zeiten auf seinem Land zu finden. Dann werde das Gelände nämlich erst einmal für ein paar Jahre dichtgemacht, damit die Archäologen ausgraben können. Viele Winzer und Bauern würden ihre Funde deshalb gar nicht erst melden.

Auf einen solchen Ausfall hätte auch George Dimarakis keine Lust. Er steht im Olivenhain seines Vaters, in der Nähe des Dorfes Ermioni im Südosten des Peloponnes, etwa zwei Autostunden von der Insel Poros entfernt. Eine Landschaft, die von Oliven- und Zitronenbäumen geprägt ist. Von diesem Land will Dimarakis leben. Er ist 30 Jahre alt. Viele Jahre wohnte er in Athen, hatte einen festen Job als Computerwissenschaftler. 2011 kündigte er und gründete mit dem Vater und dem Schwager eine Firma, die Olivenöl exportiert.

Ein Wagnis mitten in der Krise. Im ersten Jahr exportierten sie 7 Tonnen Öl, dieses Jahr werden es über 30 Tonnen sein. Im Ausland lässt sich ein halber Liter hochwertiges Olivenöl für 30 Euro verkaufen. Trotzdem kann sich Dimarakis keine eigene Wohnung leisten und arbeitet am Wochenende als Kellner im Café eines Freundes. Unterstützung vom klammen Staat gab es für die Firma Olive Vision bisher keine. Einen kleinen Lagerraum und den Lohn für die afrikanischen Erntehelfer (20 bis 35 Euro pro Tag) bezahlen die Dimarakis selbst. «Welcome to Greece», sagt er nur. Und trotzdem: Noch bevor die Frage, ob er mit seiner Entscheidung glücklich sei, ganz ausgesprochen ist, antwortet George mit Nachdruck: «Yes, yes, yes.»

«Wir Griechen sind flexibel – im Gegensatz zu euch Nordeuropäern», sagt Joe Kokkonis und lächelt süffisant. Der Wirt sitzt an einem Tisch seines Restaurants im Städtchen Nafplio und nimmt sich Zeit, die griechische Volksseele zu erklären. Nafplio liegt zwei kurvige und wunderschöne Autostunden von Ermioni entfernt. Wunderschön und bei Touristen beliebt ist auch die Altstadt.

Kokkonis’ Restaurant befindet sich in einem ruhigen Viertel; rosa Blumen überwuchern die Mauern, ab und zu ­rasen ein paar Schwalben durch die schmale Gasse. Mit einem Kugelschreiber zeichnet der Gastronom – runde Hornbrille, grauer Pferdeschwanz – die wichtigsten Ereignisse der jüngeren griechischen Geschichte auf das Tischtuch. Beide, EU und Griechenland, hätten Schuld an der verfahrenen Situation. «Wir Griechen hatten plötzlich zu viel Geld», sagt er. «Aber wir investierten nichts davon in die Gemeinschaft.»

Die Griechen, räumt Kokkonis ein, seien lange gar kein Volk, keine Gemeinschaft gewesen, daher habe es auch keinen Gemeinschaftssinn gegeben. Paradebeispiel dafür sind die unbeliebten Beamten: ein egoistisches Leben, bezahlt vom Staat, für wenig bis gar keine Arbeit – so lautet die gängige Meinung.

Helden wie Alexis Sorbas

Auch Kokkonis wurde einmal ein Job im öffentlichen Sektor angeboten, bei der Polizei. Er lacht bei der Vorstellung. Stattdessen arbeitete er jahrelang im Ausland, «jagte dem Geld hinterher», wie er sagt. Bis er es ohne das griechische Licht nicht mehr aushielt. Mit drei Bekannten übernahm der Rückkehrer das Restaurant. Krise hin oder her. Es laufe nicht schlecht, sagt er. «Damals waren wir Freunde, jetzt sind wir eine Familie.» Das sei heute seine Definition von Erfolg.

Langsam geht die Sonne im Küstenstädtchen Nafplio unter. Kokkonis muss sich um die anderen Gäste kümmern. «Wir sind nicht Europa», hatte er während des Gesprächs immer wieder gesagt. «Griechenland ist eine Mischung aus vielen Dingen, Europa ist nur ein Teil davon.» Und er hatte die Geschichte von Alexis Sorbas erzählt, dem modernen griechischen Helden, der immer Pläne macht, und jedes Mal, wenn etwas nicht klappt, tanzt er einfach – und schmiedet neue Pläne.


Die Reise wurde unterstützt von FTI Touristik.


Sonnenuntergänge für Königskinder auf Folegandros

Es sind Hunderte. Sie stehen in Zweier-, Vierer- und seltener auch in Sechsergrüppchen herum, auf winzigen Terrassen vor den hölzernen Eingangstüren, unter Pfefferbäumchen auf den Plätzen im Ortszentrum. Sie sind hellgrün, hellblau, und fast jeder wackelt auf dem ­alten Pflaster des Städtchens Chora: die Stühlchen der Tavernen, Cafés, Bars auf der Insel Folegandros.

Wer ausserhalb der sommerlichen Hochsaison auf der kleinen Kykladen­insel weilt, kann sich nicht vorstellen, dass die Stühle alle gleichzeitig besetzt sein könnten. Eigentlich ist Folegandros still, viel ruhiger als die 45 Fährminuten entfernte dreimal so grosse Insel Santorin. Die Anreise gestaltet sich aufwendiger, weil Folegandros keinen Flughafen hat. Auch das Publikum ist anders. Statt Chinesen oder Amerikaner auf Europatour oder flüchtigen Weekendgästen kommen Ruhesuchende, die gern zwei Wochen hier bleiben.

Mehr Platz für den Alltag

Folegandros sieht nicht so herausgeputzt und zurechtrenoviert aus wie Santorin. Es ist mehr Platz für den Alltag ­geblieben, für kleine Krämerläden und die Altstadtbäckerei. Mehr Zeit, zu plaudern oder den einheimischen Kindern zuzuschauen, die in den Gassen Geburtstag feiern.

Um die Stühlchen gibt es keinen Wettstreit. Sie sind reichlich vorhanden – ­jeden Morgen zum Frühstück, wenn Joghurt, frisch gepresster Fruchtsaft und Obst aufgetragen werden, dazu Weissbrot und Ziegenkäse von der Insel. Später zum Mittagessen unter freiem Himmel, wenn es nach Fleisch und Kräutern riecht. Und dann abends, wenn auf den Grills der Tavernen der frisch gefangene Fisch des Tages brutzelt.

Wer hier den schönsten Sonnenuntergang erleben will, erklimmt in der Stunde davor den Serpentinenweg zur Panagia-Kirche hoch über Chora, hockt sich auf die Umfassungsmauer – und wartet, bis sich der Himmel verfärbt und der Feuerball Richtung Ägäis sinkt.

Auf Folegandros begeht man, anders als an den griechischen Massenzielen, den Sonnenuntergang als Ereignis. Unerkannt sind im Sommer regelmässig zwei Herren auf dem Plateau der Kirche dabei, sie scheinen das Spektakel am Horizont besonders zu geniessen. Für sie gibt es wohl kein intensiveres Heimatgefühl als bei diesem Ausblick über quaderförmige Häuschen in Weiss, Kirchenkuppeln und Klippen. Es sind die Söhne des letzten Königs von Griechenland, die Prinzen Paul und Nikolaos. Die Brüder verbringen die Ferien mit ihren Familien gern auf Folegandros.

Ein farbenfroher Felsen

Danai Pateli zieht jedes Frühjahr aus Athen an den Ortsrand von Chora und fährt erst im Oktober zurück. Im Winter sind alle Hotels geschlossen, nur 450 überzeugte Allwetter-Insulaner bleiben auf dem 12,5 Kilometer langen und weniger als vier Kilometer breiten Eiland. Danai würde ihren Saisonjob gegen keine Stelle der Welt eintauschen, allein wegen der Stimmung. Wann es auf Folegandros am schönsten ist? «Jeden Morgen, wenn die Sonne gerade aufgeht», sagt sie, «und ich mit meinem Setter-Rüden joggen gehe.» Die Teilzeiteinwohnerin ist unterwegs, bevor die meisten Touristen aufstehen. Sie verteilen sich auf ein paar Hotels am Rand von Chora, auf einfache Quartiere im historischen Zentrum und auf wenige Neubauten ausserhalb und unten am Hafen im dreieinhalb Kilometer entfernten Örtchen Karavostasis.

«Auf dieser Insel», sagt Danai Pateli, «muss man mögen, was man sieht. Denn mehr gibt es nicht.» Die Insel ist ein Felsen im Meer. Einer mit aufeinander­gestapelten Häusern an der Steilküste. Das ist alles. Nicht ganz: die Farben! Folegandros ist je nach Jahreszeit hellgrün oder rotbraun, Chora ist weiss – und alles drumherum und drüber im Sommer blau. Die Stühlchen gibt es übrigens auch in Rot, Gelb, Braun und Weiss. (Helge Sobik)


Anreise: Von Zürich mit Edelweiss nonstop nach Santorin.
Weiter per Katamaran-Fähre nach Folegandros, www.seajets.gr

Allgemeine Informationen: www.discovergreece.com

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