Hummer zu essen, ist als Tourist Pflicht

Maine, der nördlichste und grösste Neuenglandstaat, wird im Juli und im August von Besuchern geradezu überschwemmt.

Exklusiver Ferienort: Die Hauptstrasse von Bar Harbor, dem touristischen Zentrum des Acadia-Nationalparks. Fotos: Moritz Hager

Exklusiver Ferienort: Die Hauptstrasse von Bar Harbor, dem touristischen Zentrum des Acadia-Nationalparks. Fotos: Moritz Hager

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«You must be joking!», ruft die Fischverkäuferin im Harbor Fish Market in Portland im US-Bundesstaat Maine. Nein, kein Witz, beteuern wir. In der Schweiz müssen Hummer seit diesem Jahr betäubt werden, zum Beispiel mit Elektroschocks, bevor man sie lebendigen Leibes ins heisse Wasser wirft. So hat der Bundesrat gegen den Widerstand der Gastronomen entschieden, denn es müsse davon ausgegangen werden, dass Panzerkrebse leidens- und empfindungsfähige Wesen seien.

Solche Gedanken habe sie sich noch nie gemacht, sagt die Fischverkäuferin. «Gosh!», wie qualvoll müsse dann erst der Tod auf dem Grill sein! Es sei nämlich üblich, dass Hummer beim BBQ grilliert würden – im Westen das Steak, im Osten der Lobster. Der Hummer, ein Fall für den Tierschutz? Undenkbar im Staate Maine, dem Paradies für Liebhaber des Krustentieres. Nirgendwo sonst ist der Homarus americanus, Amerikanischer oder Maine-Hummer genannt, so verbreitet wie in den kalten Gewässern vor der wilden, zerfurchten Atlantikküste.

Bei uns eine Delikatesse, in Maine Alltagsessen: Selbst bei McDonalds bekommt man Lobster Rolls, Baguette-Brötchen, gefüllt mit kaltem, hummerrotem Fleisch – für 7,99 Dollar. Zur Kolonialzeit war der Hummer gar «poverty food», Arme-Leute-Essen. Die Gefängnisinsassen etwa bekamen nichts als Hummer vorgesetzt. Und bei einem der ersten offiziellen Streiks der Geschichte sollen die Bediensteten an der Ostküste durchgesetzt haben, dass sie keinesfalls mehr als dreimal pro Woche «die Kakerlake des Meeres» verzehren müssen.

Portland, die mit 68'000 Einwohnern grösste Stadt in Maine, gilt als hipper Ort für Start-ups und junge Familien. Das Leben in der immer schon wohlhabenden Hafenstadt mit prächtigen viktorianischen Villen ist in­zwischen so teuer, dass manch ein Hummerfischer wegziehen musste. Das Fangen von Lobster wird in vielen Fischerfamilien von Generation zu Generation weitergeführt. Um den Fortbestand der Krebse zu sichern, werden die Krustentiere ausschliesslich mit kleinen Booten gefangen.

Der Hummer als Plüschtier und Held in Kinderbüchern

Auf der offiziellen Tourismus-Website steht geschrieben: «Frischer Hummer gehört bei jeder Reise durch Maine zum Pflichtprogramm.» Der Panzerkrebs ist omnipräsent: Kinderbücher erzählen die Geschichten von schlauen Hummern, Hummer auf T-Shirts, Hummer aus Plüsch, Hummer selbst auf dem Auto-Nummernschild. Im Juli und August wird die Küste des nördlichsten und grössten Neuenglandstaates von Besuchern überschwemmt. «The Pine Tree State», der Kiefern-Staat, lautet Maines Übername – 90Prozent des spärlich besiedelten Landes sind bewaldet, Verkehrsschilder warnen vor Elchen. Bunte Bojen entlang des Meeres markieren die Hummer-Käfige.

Tony auf dem Lulu Lobster Boat weiss alles über den Hummer.

Die meisten Touristen zieht es in den Acadia-Nationalpark nahe der kanadischen Grenze, einen der meistbesuchten Parks der USA. Bar Harbor, ein exklusiver Ferienort mit bezaubernden Sommerhäusern und beachtlichen Yachten im Hafen, war immer schon Erholungsziel der reichen Amerikaner, selbstverständlich besitzen die Rockefellers auch auf Desert Island eine Villa und viel Land. Wer im Restaurant Galyn’s Lobster bestellt, bekommt einen Latz umgehängt, «messy but tasty», sagt die Kellnerin. Auch «people from away», oftmals Europäer, würden einen ganzen Lobster bestellen. Aber dann: wie weiter? Die Kellnerin zeigt oft, wie man mit den Fingern ans saftige Fleisch kommt.

Von Mai bis Oktober fährt das Lulu Lobster Boat mit Touristen aufs Meer hinaus. Die zweistündige Tour im echten Hummer-Boot ist nicht geeignet für Leute, die zu Seekrankheit neigen. Die Asiatin in der Sitzreihe vor uns wird sich, trotz Akupressurband, das wir alle ums Handgelenk tragen, zwei Stunden lang übergeben müssen.

Der bekiffte Lobster sollentspannter sterben

Tony, ein junger Mann in oranger Fischerhose und Anker in den Ohrläppchen, weiss alles über den Lobster. Wir lernen: Hummer fischt man nicht, man erntet ihn. Das längste je vor der Küste Maines gefangene Exemplar war 92Zentimeter lang und 24Kilo schwer. Sieben Jahre dauert es, bis das Tier ausgewachsen und geschlechtsreif ist. 100Jahre alt kann er werden – hier wohl eher nicht.

In der Ferne sonnen sich Seehunde auf einem felsigen Inselchen. Man sei immer zu zweit auf dem Boot, sagt Tony. Die seltenen Fischerfrauen nennen sich ebenfalls Lobsterman. Ein knochenharter, ein gefährlicher Job, ab November bis März ist das Meer zu unberechenbar, in dieser Zeit werden die Netz und Käfige geflickt. Tony zieht einen Käfig aus dem Wasser. Achtung, die zwei scharfen Scheren haben schon manch einen Lobsterman einen Finger gekostet. Sechs Hummer sind darin gefangen, alle zu klein, «kein Keeper». Die Lobsterernte ist streng reguliert. Man will nicht denselben Fehler machen wie damals, vor 20 Jahren, als der Kabeljau fast aus­gestorben war und sich der Bestand nicht mehr erholte. Sind Lobster empfindungsfähige Wesen, wollen wir auch von Tony wissen. Sicher verspürten sie Stress, sagt er. Und wirft die Tiere zurück ins Meer.

Doch selbst in Maine gibt es eine Gastronomin, der diese Fragen nicht gleichgültig sind. Die Besitzerin von Charlotte’s Legendary Lobster Pound in Southwest Harbor lässt Cannabis-Rauch in eine mit Wasser gefüllte Kiste pumpen, damit die Krustentiere, bekifft, wie sie dann sind, «entspannter sterben». Noch können ihre Kunden selbst entscheiden, ob sie einen herkömmlich zubereiteten Hummer oder einen berauschten «high-end» Lobster serviert bekommen möchten.

www.visitmaine.com

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 18.10.2018, 18:03 Uhr

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