Hinter Elefantenohren

In Thailand gibt es 70 Elefantencamps. Wer zahlt, kann die Tiere hautnah am Fluss erleben.

Spielende Elefanten: Zur Philosophie der Farm bei Chiang Mai gehört, dass man die Tiere möglichst artgerecht hält. Foto: PD

Spielende Elefanten: Zur Philosophie der Farm bei Chiang Mai gehört, dass man die Tiere möglichst artgerecht hält. Foto: PD

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«Bon», sage ich möglichst zutraulich. «Bon, bon.» Die Elefantenmutter Ploi lässt sich nicht lange bitten, sie hat den Korb mit Bananen und Zuckerrohrstücken längst erblickt. Das drei Tonnen schwere Tier kommt auf Arm­länge heran, blickt mich mit bernsteinfarbenen Augen an, schwingt elegant den Rüssel in die Höhe und öffnet das Maul. Rasch lege ich einen Bund Bananen hinein, die eigene Hand verschwindet kurz im elefantösen Rachen.

«Didiii!» – gut gemacht! Kräftig tätschle ich dem Elefanten die Flanke, ungefähr so, wie es uns der Mahout, der Elefantenführer, zuvor beigebracht hat. Respektvoll und bestimmt solle man den Elefanten gegenübertreten, sagte er. Vor ­allem aber solle man mit ihnen reden, in kurzen Sätzen am besten, und sie immer wieder tätscheln. «Sie sollen merken, dass man da ist und es gut mit ihnen meint.»

Praktischerweise füttern wir die Dickhäuter mit ihren Leibspeisen. Das wird einem der Elefant hoffentlich hoch anrechnen, wenn man später auf seinem Nacken reiten wird – balancierend und sehr hoch oben.

Interaktion mit gezähmten Elefanten

«Elephant Owner for a Day», Elefantenbesitzer für einen Tag, heisst das Programm, an dem wir auf der Patara Elephant Farm im Norden Thailands teilnehmen.Wir sollen lernen, mit den gezähmten Elefanten zu interagieren, sie pflegen und ihnen nahe sein. Dazu gehört, die Tiere zu füttern, waschen und reiten.

Höhepunkt: Sie spritzen uns im Fluss mit dem Rüssel munter ab. Natürlich immer unter Anleitung eines Mahouts. Die Farm mit 67 Elefanten befindet sich eine Autostunde entfernt von Chiang Mai im Hügelland mit Wäldern und einem kleinen Fluss. Die Tiere hier sollen ehemalige Arbeitselefanten sein, kranke Tiere, die aufgepäppelt wurden, aber auch solche, die auf der Farm zur Welt gekommen sind.

Glücklich ist, wer mit Bulle Nampu ein Selfie schiessen kann.

Star der Herde ist Nampu, ein junger Elefantenbulle. Der Halbstarke spielt bei der Ankunft mit einem Elefantenfreund Fangen, stibitzt anderen Tieren Bananen, öffnet einem Besucher beim Vorbeigehen die Schuhbändel und schubst ihn frech herum. Die Kameras und Handys der Tagesbesucher knipsen derweil fleissig. Glücklich ist, wer mit Nampu ein Selfie schiessen kann. Später wird ein professioneller Fotograf diese Aufgabe übernehmen und die schönsten Momente für die Touristen festhalten.

Zur Philosophie der Farm gehört, dass man die Tiere respektvoll behandelt und weitgehend artgerecht hält. Bedeutet: keine angeketteten Tiere, keine mit Stöcken schlagende Mahouts, weder Sättel noch überdimensionierte Körbe auf Elefantenrücken. Wenn Touristen auf den Elefanten der Patara-Farm reiten, so tun sie dies ohne Sattel, wie es die Mahouts vormachen.

«Bedingung ist: Ihr müsst eure Elefanten kennen lernen», sagt Monti, ein Mahout.

Wir Kurzzeit-Elefantenbesitzer dürfen uns also nach einer Schnellbleiche zu zweit um einen Dickhäuter kümmern oder tun zumindest so. Wir erfahren, wie man sich den grossen Tieren nähert, nämlich auf keinen Fall von hinten, einen Elefanten mittels Ohrenziehen führt und füttert (Bananen immer büschelweise).

Grasbüschel-Massage für Dickhäuter

Wackelt ein Elefant mit den ­Ohren, gilt er als zufrieden. Wir spritzen die Elefanten ab und verpassen den Tieren eine Massage, indem wir mit Grasbüscheln auf die Lederhaut schlagen. Das macht Spass und ist eindrücklich. Man blickt dem Lieblingstier direkt in die Augen und bewundert die lang gezogenen Wimpern. Nie war man einem Elefanten so nahe und wurde jemals derart kräftig umarmt. Das Bild des Farangs, umschlungen von ganz viel Rüssel, ist für die Ewigkeit.

So berührend und schön diese Momente sind – ein schaler Nebengeschmack bleibt. Auch wenn die Elefanten oft mit den Ohren wackeln und sie das Bad mit den Touristen und deren Massagen zu geniessen scheinen: Man fragt sich unweigerlich, wie viel Drill und Dressur von den Mahouts während Jahren notwendig war?

Immerhin lassen die Elefanten zweimal täglich aufgeregte Touristen so nah an sich ran, und sie tragen sie widerstandslos durch den Bergwald. Und weshalb diese Kunststückchen? Beispiele: die Aufforderung, den Kopf ins Maul des Elefanten zu stecken. Oder die Wasserfontäne, die sich über quietschende Touristen ergiesst, wenn die Mahouts die Tiere saufen lassen und ihnen dabei den Rüssel zusammendrücken. Das sind Showeinlagen mit Zirkuscharakter, die auf dem Foto viel hergeben und kaum als artgerecht durchgehen.

Doch was heisst das schon? Meint man damit ein Leben im wilden Dschungel, so bleibt das Wunschtraum. Denn von 5000 Dickhäutern, die es in Thailand noch gibt, leben nur 1000 in Nationalparks. Bei den restlichen 4000 handelt es sich um domestizierte Arbeitselefanten. Diese gehören zu einer der 70 Elefantenfarmen; woanders könnten die grauen Riesen gar nicht hin. Es gibt längst nicht mehr genug Wald in Thailand für Elefanten. Ihre Lebensgrundlage in der freien Wildbahn hat der Mensch zerstört.

Und dann sitzt man plötzlich sehr hoch oben. Irgendwie habe ich es geschafft, mich mit aller Kraft auf die fast drei Meter hohe Ploi zu schwingen, wobei sie brav mithalf mit ihrer Räuberleiter. Auf das Kommando von Mahout Monti trottet die Elefantenkuh los, und die anderen Tiere mit Reitern folgen. Wir drücken unsere Schenkel fest an die breiten Nacken. Hoch zu Elefant wanken wir ins Dickicht. Meine Unterschenkel und Füsse sind unter Plois Ohren verstaut, das gibt Stabilität. Jetzt bloss nicht die Ohren bewegen, sage ich. Und schon beginnt sie, zufrieden damit zu wackeln.

Die Reise wurde unterstützt vom Thailändischen Fremdenverkehrsamt und von Thai ­Airways. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 13.09.2018, 18:02 Uhr

Elefantenhalter für einen Tag

Anreise: Nonstopflüge von Thai Airways und Swiss von Zürich nach Bangkok. Inlandflüge mit Thai oder Bangkok Airways nach Chiang Mai.

Unterkunft: Anantara Resort in Chiang Mai: Fünfsternhotel in puristischem Design am Fluss, nahe am Nachtmarkt. www.anantara.com/en/chiang-mai

Reiseveranstalter: Nordthailand-Programme bei Tourasia, Kuoni/Asia 365, Travelhouse oder TUI Suisse.

Elefantenfarm: Artgerechte Angebote im Internet überprüfen.Velohelm für Kids empfehlenswert. www.pataraelephantfarm.com

Beste Reisezeit: Nov. bis April

Allgemeine Infos: Thailändisches Fremdenverkehrsamt, Bern, Tel. 031 300 30 88,
www.tourismthailand.ch

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