Eine Hand für dich, eine fürs Boot

Volle Kraft voraus auf dem Canal Rideau – dennoch gleitet Kanada nur ganz langsam vorüber.

Mitten in der Natur, ohne einen Schritt zu machen: Von der Horizon 4 aus lassen sich Vögel beobachten – oder man geniesst den Ausblick auf das ferne Ziel. Bild: Holger Leue

Mitten in der Natur, ohne einen Schritt zu machen: Von der Horizon 4 aus lassen sich Vögel beobachten – oder man geniesst den Ausblick auf das ferne Ziel. Bild: Holger Leue

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Verflixt lang ist die Kiste, pardon: das Komfortboot. Und breit. Und hoch. Wer schon einen Camper gelenkt hat, kennt die Angst, beim Manövrieren hinten in eine Mauer zu stossen. Und dieses Boot, in unserem Fall Le Boat, Typ Horizon 4, ist doppelt so lang wie ein Wohnmobil. Wer auf dem Oberdeck am Steuer sitzt, geniesst keinen vollen Überblick über den kanadischen Rideaukanal und die Uferpartien. Darum werden die Reisegefährtinnen und -gefährten angewiesen, den geschmetterten Befehl «Leinen los!» auszuführen und deutlich zu quittieren. Hier gibt es keine Servobremse.

Eine Sorge des Wohnmobilpiloten entfällt: Selbst der Anfänger läuft nie Gefahr, vor Aufregung die Geschwindigkeit zu vergessen und in eine Radarfalle zu brausen. Meistens ist man mit gemütlichen fünf Knoten unterwegs, das sind kaum zehn Kilometer pro Stunde. Für die 202 Kilometer lange Strecke auf dem Rideau Canal von der kanadischen Hauptstadt Ottawa bis hinunter zur früheren Hauptstadt Kingston an der Grenze zu den USA bräuchte man viel Zeit. Die haben wir nicht, weshalb wir erst in Smith Falls an Bord gehen. Es gibt eine kurze Einweisung und einen Überblick über die Funktionen unserer zeitlich befristeten Bleibe.

Meditieren und sich wie Käpt’n Blaubär fühlen

In der geräumigen Küche warten zwei Kühlschränke, gefüllt mit Getränken und Esswaren, was selbst für eine Gruppe von neun Personen genug wäre. Theoretisch hätten so viele an Bord Platz, wir sind aber nur zu viert. Jeder und jede hat somit eine eigene Doppelkabine, die aber selbst dem Einzelnutzer recht kompakt vorkommt – quasi ein Schlafwagenabteil, unter dem man den Wellenschlag des Wassers hört. Das Beste: Jede Kabine verfügt über eine eigene Nasszelle mit WC, Waschbecken und Dusche. Das ist geeignet, inner­familiäre Reibereien zu minimieren. In der Küche fehlt ein Toaster, aber wir benützen einen Gasbackofen, in dem die Brotscheiben einigermassen knusprig werden. Diese gehören zum Frühstück wie der gebratene Speck und der Orangensaft aus dem XL-Kanister.

Langweilig wird es nie. Einige lesen, andere hören Musik, beobachten Vögel oder die vorbeigleitende Landschaft Ontarios. Das langsame, aber kontinuierliche Vorwärtsgleiten hat etwas Meditatives, das ferne Ziel bleibt immer im Auge: die Mündung in den See und die nächste Schleuse. Und immer wieder dreht man leicht am Steuerrad, um nicht vom Kurs abzukommen.

An Bord kommt keine Langeweile auf: Fürs leibliche Wohl ist gesorgt. Bild: Holger Leue

Und so geht es wie bei allem, was man noch nie gemacht hat: Zuerst zittert und zagt man, dann bekommt man zunehmend Routine, und irgendwann fühlt man sich wie Käpt’n Blaubär persönlich, neigt zu mutigen Aktionen oder gar zu Übermut. Eines der Boote in unserem Dreierkonvoi, dessen Besatzung sich mehr aufs Fotografieren als auf ihre Aufgaben konzentriert, kommt uns gefährlich nahe. Zudem hält das Boot schnurstracks auf den Hafen von Westport am Ende des Upper Rideau Lake zu, anstatt die von Bojen markierte Zufahrt zu nehmen. Die Begleiterin rauft sich die Haare und ruft: «Oh nein, nein, Karte lesen!» Der Hafenmeister auf der Quaimauer schreit unverständliche Dinge und fuchtelt mit den Armen. Gut, liegt der Wasserpegel recht hoch, sonst liefe womöglich ein Boot auf eine Sandbank auf. Spätestens jetzt lernen wir: Die Boote dürfen zwar ohne Führerausweis gefahren werden, ein Spielzeug sind sie aber nicht.

Die Schleusen werden immer noch handbetrieben

Zwischendurch kriegen wir auf unserer Reise bis Chaffeys Lockstation immer wieder festen Boden unter die Füsse und besichtigen hübsche Ortschaften, die dank der 1832 eröffneten Wasserstrasse einen industriellen Aufschwung erlebten, heute aber eher vom Tourismus profitieren. Der 202 Kilometer lange Kanal, nicht zuletzt aus militärischen Gründen gegraben, ist der älteste ununterbrochen benützte künstliche Wasserweg Nordamerikas. Seit 2007 gehört der Kanal mit den vielen altertümlichen, aber gut funktionierenden handbetriebenen Schleusen zum Unesco-Weltkulturerbe. Eine Schleuse heisst Upper Beveridges Lock und ist von Bäumen umgeben.

Karte vergrössern

Nachdem die Schleusenwärter und die Parkwächter gegangen sind, bleiben wir allein zurück. Bald glüht der Grill, Steaks und Würste brutzeln, Bierflaschen werden geöffnet. Wir fläzen uns auf hölzernen Liegen rund um ein loderndes Lagerfeuer und rätseln, ob das Geheul, das an unsere Ohren dringt, von einem Wolf oder «nur» von einem Kojoten stammt. Man erzählt, lacht und schweigt, dann wird wieder nachgelegt, mit einem Holzscheit oder einer Pointe. Genau so hat man sich Kanada immer vorgestellt. Einige fühlen sich an ihre Pfadfinderzeit erinnert, andere schwärmen, so etwas Romantisches und Schönes hätten sie noch nie erlebt. Geschlafen wird auf dem Boot.

Jetzt bloss nicht ins Wasser stürzen. Eine Hand bleibt immer an der Haltestange, besagt eine alte Schifferregel: «One hand for you, one hand for the boat.»

Die Reise wurde unterstützt vom Hausbootvermieter Le Boat und Ontario Tourism. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 19.08.2018, 17:27 Uhr

Artikel zum Thema

Stadt des Geldadels und der Segler

SonntagsZeitung Newport ist berühmt für prunkvolle Sommerresidenzen und alte Traditionen. Doch Rhode Island, der kleinste US-Bundesstaat, hat auch andere Seiten. Mehr...

Libanesisches Kontrastprogramm

SonntagsZeitung Die Fahrt von Beirut mit den Bürgerkriegsruinen zur Welterbestätte Baalbek und ihren ­Zeugen der Römerzeit erfordert wache Sinne – bis plötzlich Stille herrscht Mehr...

Country in Sicht

Gitarrenmusik, Golfplätze oder Gourmetküchen an Bord: Eine gemeinsame Leidenschaft verbindet immer mehr Schweizer auf hoher See. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Kommentare

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Die Welt in Bildern

Winterpause: Olaf Niess und sein Team haben die Schwäne auf der Hamburger Alster eingefangen, um sie in ihr Winterquartier zu bringen. (20.November 2018)
(Bild: Fabian Bimmer) Mehr...