Ein Herz aus schwarzem Sand

Wie viel Tourismus erträgt eine Ferienregion? Die kleine Kanareninsel La Palma geht diese Gretchenfrage gemächlich an.

Am Rande des Nationalparks Taburiente: Schwarzer Auswurf der Vulkane. Foto: Getty Images

Am Rande des Nationalparks Taburiente: Schwarzer Auswurf der Vulkane. Foto: Getty Images

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Manchmal ist Irren wunderbar. Geradezu eine Fügung des Schicksals. Am Flughafen von Santa Cruz de La Palma jedenfalls soll schon mancher Tourist etwas verwundert angekommen sein, kopfkratzend, panisch bisweilen. Denn: Santa Cruz de La Palma war gar nicht seine Destination, kein Hotel war dort auf seinen Namen gebucht und kein Mietauto. Stattdessen in Las Palmas auf Gran Canaria. Oder in Palma de Mallorca.

Die meisten dieser Touristen haben den Fehler korrigiert, kurzerhand den nächstbesten Flieger bestiegen oder eine Fähre. Der eine oder andere aber blieb, so romantisch erzählt es zumindest die Reiseleiterin. Und lernte ein Herz mitten im Atlantik kennen, von dem er bislang nicht einmal gewusst hatte, dass er es suchte. So nämlich, wie ein Herz, sieht La Palma von oben aus – La Palma, die drittkleinste der sieben Kanarischen Inseln. Eines vor allem: so viel ruhiger als Gran Canaria oder Mallorca.

Das Problem der Vulkaninsel ist nicht der schlechte Ruf, das Problem ist: der bislang kaum existierende Ruf. La Palma, gelegen im Nordwesten der Islas Canarias, hat sich dem Massentourismus lange Zeit konsequent verweigert und bildet auf diese Weise einen Gegenpol zu Gran Canaria oder Teneriffa, auch zu Lanzarote oder Fuerteventura, deren Küsten ab den Siebzigerjahren verbaut wurden. Gigantische Hotelkomplexe finden sich auf La Palma genauso wenig wie auf den benachbarten La Gomera und El Hierro – das kleine Trio bildet die Islas Verdes, die grünen Inseln. Von den 400'000 Hotelbetten auf den Kanaren stehen auf La Palma bloss 8000.

Wer durch die engen Gassen der Hauptstadt Santa Cruz an der Ostküste schlendert, sieht durchaus zahlreiche Touristen – grösstenteils von Kreuzfahrtschiffen. Er sieht etliche Restaurants und Bars und Läden, die auf Kundschaft warten (und auch sehr wohl Kundschaft haben). Er sieht geschäftiges Treiben in der kopfsteingepflasterten Einkaufsstrasse Calle O’Daly, ungewöhnlich benannt nach dem irischen Kaufmann Dionisio O’Daly, der hier 1773 die ersten freien Wahlen durchgesetzt hatte. Und, apropos Irland: Er sieht auch Männer oder Frauen, die in der wärmenden Sonne Bier oder schweren Vino de Tea aus dem Norden geniessen.

Was er im malerischen Stadtbild mit künstlichem Sandstrand im Gegensatz zu Grand Canaria dagegen nicht findet: Horden saufender Jugendlicher und Mittzwanziger, vom europäischen Festland billig hergeflogen. Zwar entstanden Ende der Achtziger auch auf La Palma die ersten grösseren Hotels, doch sie blieben stets das Ziel einer ausgewählten Klientel. Einer Klientel auf der Suche nach dem Speziellen. Allein der vom Vulkangestein schwarz gefärbte Sand entspricht kaum der gängigen Vorstellung von Strandurlaub. Er schliesst ihn aber auch nicht aus.

Paradies für Wanderer, Jogger, Sternengucker

Inzwischen steuert sogar Easyjet von Berlin und London die Insel an, auch landet einmal pro Woche ein Direktflug aus der Schweiz – so viel Öffnung muss schon sein. Aber sie geschieht behutsam, gerade so schnell, dass es die auf Traditionen behafteten Einwohner nicht überfordert. Gerade so schnell, dass sie keinen Grund für Proteste gegen die Touristen haben, wie sie andernorts in Spanien mehr und mehr aufkommen, in Barcelona oder auf Mallorca.

Viel mehr als Pauschalferien bietet La Palma Turismo rural, ländlichen Tourismus, kaum ein Küstenstreifen, der nicht von Bananenplantagen gesäumt wäre. Bekannt ist der Lorbeerwald von Los Tilos mit seinen engen, kühlen Schluchten. Wegen der Aufstiege zum erloschenen Vulkan Taburiente wahrte sich das gebirgige La Palma zudem zwangsläufig den Ruf eines Wanderparadieses. Und der eines Läufer­mekkas: Der Extremlauf «La Palma Transvulcania» lockt Tausende auf die Insel, die sich der 80 km langen Tortur stellen, vom Südzipfel über die höchsten Vulkane der Insel in die Stadt Los Llanos im Zentrum zu laufen. In 7 Stunden schaffen es die Schnellsten, die Langsamsten brauchen 17.

Auf ihre Kosten kommen auf La Palma auch Sternenbeobachter: Die Unesco hat die Insel 2003 zu einem Biosphärenreservat ernannt, es gelten spezielle Lichtgesetze. Mit einem Durchmesser von 10,4 Metern steht auf dem Roque de los Muchachos, dem höchsten Punkt der Insel, das zweitgrösste Teleskop der Welt. Die Passatwolken an der Cumbre, jener lang gezogenen Kuppe, die von Nord nach Süd das Regenwasser der Insel scheidet, verdecken aber nicht selten den freien Blick auf den Himmel.

Den um das Bild ihrer Insel besorgten Bewohnern entgegen kam ein Gesetz aus dem Jahr 2003, das Hotelneubauten auf den Kanaren praktisch verbot. Die Regierungen der beiden Provinzen Santa Cruz de Teneriffa (zu der La Palma gehört) und Las Palmas hatten es eingeführt, um die grossen Inseln vor weiteren Exzessen zu schützen, die immer mehr auch von ausländischen Investoren ausgingen. Aber ebenso galt es für die kleinen.

Die Zahlen der Gäste stieg trotzdem geradezu rasant. 2016 hatten 168 000 Gäste La Palma besucht – 33 Prozent mehr als im Jahr davor. Und kaum war 2017 angebrochen, schwärmten die vielen freiberuflichen Reisebegleiter von Auftragsvolumen wie nie zuvor.

Aktive Vulkane im Süden

Auch den Fachkundigen vor Ort stellt sich darum die Gretchenfrage: Für wie teuer verkauft man als Ferienort seine Seele? Für La Palma war der Preis bislang nicht hoch genug. So warten im Süden die heissen Quellen der Fuente Santa schon lange darauf, dass sie nach drei Jahrhunderten wieder der Öffentlichkeit zugängig gemacht werden. Die Tourismusbranche hat ein riesiges Interesse daran, sie zu modernisieren. 2016 wurde wieder einmal ein Projekt präsentiert, das seither genau das geblieben ist.

Überhaupt ist der Süden der Insel die spannendste Region – schon allein deshalb, weil sie sich vom Rest unterscheidet. Während die Vulkane im Norden vor 125 000 und viel mehr Jahren erloschen und inzwischen bewachsen sind, sollen sie im Süden noch immer aktiv sein. 1971 ereignete sich der letzte Ausbruch, der die Landschaft im Süden von La Palma veränderte, indem er sie mit schwarzem Auswurf überdeckte. Zwei Todesopfer forderte die heftige Eruption des Teneguia seinerzeit.

Die Reise wurde unterstützt von Hotelplan Suisse.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 17.11.2017, 14:38 Uhr

Zum höchsten Punkt der Insel


Anreise
Nonstop Zürich–Santa Cruz de La Palma donnerstags mit Germania. Flüge mit Iberia via Madrid.

Reiseveranstalter
Grosses Kanaren- und La-Palma-Angebot bei Hotelplan.

Arrangement
Einwöchiger Aufenthalt im 4-Stern-Hotel La Palma & Teneguia Princess in Fuencaliente / Los Canarios bei Hotelplan ab 1019 Fr. p. P. im Doppelzimmer, HP buchbar, inklusive Flug und Mietwagen.

Unterkünfte
Parador La Palma in Breña Baja, 4 Sterne; Sol La Palma in Puerto Naos, 3 Sterne.

Unterwegs
Am besten mit Mietauto. In vier Stunden ist die Insel umrundet, im Zentrum führen zwei Tunnels durch den Gebirgszug.

Sehenswürdigkeiten
Caldera de Taburiente: Nationalpark rund um einen erloschenen Vulkan, Roque de los Muchachos: mit 2426 Metern höchster Punkt der Insel; Los Tilos: dichter Lorbeerwald mit zahlreichen Wanderwegen.

Allgemeine Informationen
www.visitlapalma.es/de

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