Der Mann mit den 20'000 Kindern

Robert Matombe kämpft auf den Seychellen um die Zukunft der Meeresschildkröten – notfalls auch mitten in der Nacht.

Viele Meeresschildkröten sind, wie die Echte Karettschildkröte, vom Aussterben bedroht: Sie werden gejagt, sterben in Fischernetzen oder an Plastikmüll. Foto: Getty Images

Viele Meeresschildkröten sind, wie die Echte Karettschildkröte, vom Aussterben bedroht: Sie werden gejagt, sterben in Fischernetzen oder an Plastikmüll. Foto: Getty Images

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Etwa alle zwei Wochen kommt das vor. Es ist ein berührender Moment für die Hotelgäste, die links und rechts und hinten Spalier stehen, während vorne das Meer auf seine neusten Bewohner wartet. Matombe lässt die Schildkröten erst abends um 17.30 Uhr laufen. Das vergrössert ihre Überlebenschance. Krabben und Vögel sind dann nicht mehr sehr aktiv. Und die meisten Fische haben ihren Hunger gestillt.

Wilde Tiere zeigen sich eigentlich nie wie auf Bestellung. Diese Meeresschildkröte schon.

Um halb zehn Uhr morgens sollen wir Robert Matombe an einem Hotelstrand auf Praslin treffen, einer der 115 Inseln der Seychellen. Die Luft ist warm, der Sand ist golden, der Himmel blau. Und ­unmittelbar bevor Matombe aufkreuzt, kommt eine Echte Karettschildkröte angeschwommen. Sie ist zwischen zwei Wellen aufgetaucht und hat sich den Strand hochgekämpft. Jetzt sucht sie im Gebüsch einen Platz, um ihre Eier zu legen.

Das Schauspiel dauert 20 Minuten. Dann kriecht sie wieder zurück und gleitet ins Meer, einige Sekunden lang ist ihr Panzer noch zu sehen. In genau zwei Wochen wird dieses Weibchen wieder hier sein. Bis zu zehnmal kraxelt es zwischen Oktober und Februar über den Strand Grande Anse Kerlan, jedes Mal vergräbt es bis zu 200 Eier. Ein sexueller Kontakt genügt dazu – dafür kann der Akt mehrere Stunden dauern. Der Nachwuchs wächst 40 bis 50 Zentimeter unter dem Boden heran. Es gilt: Je tiefer das Nest, desto höher die Temperatur, desto mehr Weibchen schlüpfen.

Robert Matombe ist Schildkröten-Ranger des Luxusresorts Con­stance Lemuria. Zum Hotel gehören drei Strände, ein Spa, Tennisplätze und ein fantastisch gelegener Golfplatz. In der Bucht direkt vor der Anlage schwimmen manchmal Mini-Haie, durch die Lobby stolziert Herr Pfau, und wenn Frau Pfau in der Nähe ist, schlägt er vielleicht ein Rad.

Das Glück des Nistplatzes beim 5-Stern-Hotel

Das Constance Lemuria engagiert sich für die Meeresschildkröten, die vom Aussterben bedroht sind. Deshalb hat es Matombe angestellt. Und deshalb lässt das Management die Büsche stehen, die den Villen und Suiten einen Teil der Meersicht stehlen, die Schildkröten aber vor dem künstlichen Licht schützen, das ihnen die Orientierung erschwert. Matombe sagt: «Das Glück der Schildkröten: Sie haben mich als Bodyguard. Und sie haben sich als Nistplatz ein 5-Stern-Haus ausgesucht. Die sind nicht dumm.»

Der Mann mit dem freundlichen Lächeln hat den einen oder anderen Spruch auf Lager. Als er vor zehn Jahren Ranger wurde, zählte er in der Brutzeit 14 Nester rund ums Hotel, jetzt sind es 95. Als er anfing, krochen nur die bis zu 90 Zentimeter langen und 75 Kilogramm schweren Echten Karettschildkröten an den Strand. Mittlerweile suchen sich hier auch die bis zu 1,40 Meter langen und 300 Kilogramm schweren Grünen Meeresschildkröten Plätze. «Diese Schildkröten sind meine Familie», sagt er. «Jedes Jahr habe ich 20'000 Kinder.» Er legt sich auch mitten in der Nacht auf die Lauer, wenn er mit dem 2-Wochen-Rhythmus die Ankunft einer Grünen Meeresschildkröte erwartet.

Matombe schaufelt mit der Hand den Sand weg, bis er eines der frisch gelegten Eier ertastet und hochhebt, wie ein Tischtennisball sieht es aus. Nur in den ersten Stunden darf er es noch anfassen oder umplatzieren. Danach lässt das der Entwicklungsstand des Eis nicht mehr zu. Wenn die kleinen Schildkröten nach 60 Tagen aus ihren Eiern schlüpfen, graben sie sich durch den Sand nach oben und krabbeln Richtung Meer.

Hat eine Schildkrötenmutter ihre Eier mitten auf dem Sandstrand oder an einem anderen ­ungünstigen Ort vergraben, hebt Matombe ganze Nester aus der Tiefe. Er legt die Eier dann in den Brutkasten, um die Babys später in einer Plastikkiste an den Strand zu tragen und eines nach dem anderen ins Meer zu entlassen.

Drakonische Strafen für Wilderer

Feind ist aber auch der Mensch. Die geschützten Tiere verenden in Fischernetzen, sterben an gefressenem Müll oder werden gejagt. Der Panzer kann zu Kunst oder Schmuck verarbeitet werden. Das Fleisch ist essbar oder verkauft sich als medizinischer Hokuspokus. Wer beim Handel oder mit einer Schildkröte im Kochtopf erwischt wird, muss auf den Seychellen acht Jahre ins Gefängnis.

152 Baby-Schildkröten, kaum grösser als fünf Zentimeter, schickt Matombe bei unserem Besuch auf die grosse Reise. Nur gerade etwa fünf von ­ihnen werden überleben, auswachsen und geschlechtsreif werden. Und während die Männchen das Meer nie mehr verlassen, kehren die Weibchen in 30 Jahren zurück an den Grande Anse Kerlan, um ihre Eier im Sand zu vergraben.


Die Reise wurde unterstützt von Manta Reisen. Flüge: Ab 22. September jeden Samstag mit Edelweiss von Zürich nach Mahé, täglich mit Emirates via Dubai. Über­nachtung: Constance Lemuria, Praslin, 5 Sterne, direkt am Strand, diverse Sportmöglichkeiten und Spa, www.constancehotels.com/de; Arrangement: www.manta.ch; Allg. Infos: www.seychelles.travel

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.04.2018, 19:07 Uhr

«Diese Schildkröten sind meine Familie»: Robert Matombe. Foto: Ueli Kägi

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