Aug in Aug mit dem Kondor

Mit etwas Glück kann man im peruanischen Hochland die viel besungenen Raubvögel beobachten. Für Schwindel sorgen auch Höhenlage und Abgründe.

Majestätische Grösse: Ein Andenkondor kreist über dem Colca-Canyon im Süden Perus. Foto: Getty Images

Majestätische Grösse: Ein Andenkondor kreist über dem Colca-Canyon im Süden Perus. Foto: Getty Images

Vor uns fallen die Felswände steil in den Schlund der Schlucht ab. Das Rauschen des Flusses Colca verbindet sich mit dem Sausen in den Ohren. Die Luft ist dünn auf der Aussichtsplattform in 3800 Meter Höhe. Über uns nutzt ein Andenkondor die Thermik und gleitet durch die Lüfte. Ein majestätischer Anblick. Andenkondore gehören zu den wenigen Vögeln, deren Flügel eine Spannweite von über drei Metern erreichen.

Nicht immer bekommt man sie am Cruz del Condor im Colca-Canyon zu Gesicht. Die intensive Bejagung seit der spanischen Conquista hat den Bestand stark dezimiert. Die Bauern sehen bis heute in den mächtigen Greifvögeln eine Bedrohung von Schafen und Kälbern. Neben uns summt ein Mitreisender leise die vertraute Melodie von «El condor pasa», der alten peruanischen Weise, die in Simon & Garfunkels Version den Weg in die Welt fand. Wir dagegen kämpfen mit Schwindel. Der Colca-Canyon in den Anden Perus ist 3191 Meter tief und damit wesentlich abgründiger als der Grand Canyon in den Vereinigten Staaten. Er geht über in das breite, terrassierte Colca-Tal. In dem Hochtal lebten vor 2000 Jahren die Völker der Collagua und Cabana. Ihre Nachfahren bewirtschaften die terrassierte Fläche bis heute mit den Methoden der Vorfahren.

Die Menschen sind freundlich zu den Besuchern. Auf den ersten Blick lässt sich erkennen, wer welchem Volk angehört. Die Frauen der Cabana tragen hohe Hüte mit bunten Pailletten, Collaguas dagegen runde, flache Strohhüte mit Bändern. Früher sollen die konkurrierenden Völker ihre Köpfe deformiert haben, um sich voneinander abzugrenzen. Gegensätze in den ethnischen Kulturen, soziopolitische Differenzen, gepaart mit Misswirtschaft und Korruption, führen in Peru bis heute zu Landflucht und Armut. Ein erheblicher Teil der indigenen Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze, ein Viertel der Gesamtbevölkerung in der Hauptstadt Lima, und 2,5 Millionen Peruaner haben ihr Glück jenseits der Landesgrenzen gesucht.

Dreimal haben Erdbeben die mächtige Plaza zerstört

In der Andenstadt Arequipa, Ausgangspunkt für die Reise ins Colca-Tal, lockt das Museo de Santuarios Andinos. Betroffen stehen wir vor dem berühmtesten Ausstellungsstück des Museums, einer Kindermumie. Man hat sie Juanita getauft. Das Mädchen wurde vor etwa 600 Jahren von Priestern der Inka rituell getötet und auf 5000 Meter Höhe begraben. Menschenopfer kennt man in allen Kulturen, trotzdem erschreckt uns der Körper der Kleinen. Das Kind trägt noch die Sandalen, in denen es auf den Berg stieg.

Arequipa gilt als die weisse Stadt, weil die kolonialen Villen und Paläste aus dem hellen Vulkangestein Sillar erbaut wurden. Besuchenswert ist hier auch das Kloster Santa Catalina, das im 16. Jahrhundert gegründet wurde. Wie eine kleine Stadt besteht die Klosteranlage aus Häusern, Plätzen und Strassen, die von einer Mauer umgeben sind. Eine Führung, auf Deutsch, gibt Einblick in das Klosterleben vor 400 Jahren.

Sehenswert ist die mächtige Plaza de Armas mit der Kathedrale im neoklassizistischen Stil. Erdbeben haben sie dreimal zerstört, ebenso wie die Arkaden rund um den Platz. Die Kirche wurde immer wieder aufgebaut. Auf schattigen Bänken sitzen Männer mit mechanischen Schreibmaschinen: mobile Büros. Sie helfen Kunden beim Ausfüllen von Formularen.

Peru unterteilt sich geografisch in drei Regionen: das Hochland, die Küste und den Regenwald. Damit vereinen sich in Peru alle Ökosysteme, die auf dem südamerikanischen Kontinent vorhanden sind. Der Huascaràn gilt mit 6768 Meter über Meer als der höchste tropische Berg der Welt. An den Pazifik stossen karge Wüsten, in der Hauptstadt Lima regnet es kaum. Im Amazonasgebiet breiten sich dagegen tropische Regenwälder aus mit reicher Flora und Fauna. Peru ist fürwahr ein Land der Gegensätze.

Die Reise wurde unterstützt von Perus Tourismusorganisation Promperu.

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