Auf dem Ölfass

Erst war Abu Dhabi nur ein Haufen Sand. Jetzt ist es eine der reichsten Regionen der Welt. Und setzt nun auf Kultur, Tourismus, Ökologie – und eine Internationale Buchmesse.

Wo andere mit Pyramiden Touristen anlocken, protzt Abu Dhabi mit seiner Skyline: Blick vom Emirates Palace Hotel zu den Etihad-Türmen. Foto: Oliver Tjaden (Laif)

Wo andere mit Pyramiden Touristen anlocken, protzt Abu Dhabi mit seiner Skyline: Blick vom Emirates Palace Hotel zu den Etihad-Türmen. Foto: Oliver Tjaden (Laif)

Sie gehen nicht, sie schreiten. Ihre langen weissen Gewänder, die Kanduras, schwingen um ihre Schritte, lösen sie auf in etwas Fliessendes, Schwebendes, tragen sie hinein ins Exhibition Center zur Eröffnung der Internationalen Buchmesse: die Emirati. Führungskräfte aus Kultur, Wirtschaft, Politik. Die Familie des Gründervaters der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Emirs von Abu Dhabi, Scheich Zayed bin Sultan al-Nahayan, der die Föderation von 1971 bis 2004 regierte und 19 Söhne hatte, umfasst viele Hundert Personen. Golf-Adel. Sie begrüssen einander mit Nasenstüber und lächeln huldvoll in die Menge.

Dubai ist vielen Schweizern ein Begriff, als Ort spektakulärer Hochbauten und als Feriendestination. Das eigent­liche Kraftzentrum der VAE aber ist Abu Dhabi. 90 Prozent des Öls der Konföderation, des achtgrössten Förderlandes der Welt, kommen hier aus dem Boden. Acht Millionen Menschen leben in den sieben Emiraten. Davon sind bloss 15 Prozent Einheimische. Der Rest zerfällt in Expats, Finanzexperten oder Bohringenieure aus Europa oder den USA. Und in Bauarbeiter, Taxifahrer, Servicekräfte oder Nannys aus Pakistan, Nepal, Palästina. Diese haben kaum Rechte, müssen den Pass abgeben, drängen sich zu mehreren in kleine Schlafkammern. Sie nehmen das in Kauf, um von hier aus ihre Familie zu unterstützen. Zu Hause gibt es oft gar keine Arbeit.

«Vater der Gazelle»

In Abu Dhabi zeigt sich aufs Extremste, wie ungleich der Reichtum der Welt verteilt ist. Wie privilegiert der lebt, der das Glück hatte, am richtigen Ort geboren zu sein, begreift er hier deutlicher als in der Schweiz mit seiner homogeneren Mittelklasse-Gesellschaft. Abu Dhabi wirkt wie ein Vergrösserungsglas unter der Wüstensonne. Wer als Emirati zur Welt kommt, zahlt keine Steuern und keine Krankenversicherung, er bekommt eine gute Ausbildung und einen einträglichen Arbeitsplatz. Das Emirat sitzt auf einem gigantischen Ölfass. Seit es in den frühen 60er-Jahren entdeckt, angebohrt und verwertet wurde, ist aus dem Wüstenstreifen am Persischen Golf eine der reichsten Regionen der Erde geworden.

Lange gab es hier nichts ausser Sand. Im späten 18. Jahrhundert zog der Clan der Nahayans – der noch heute regiert – von der Oase Liwa an die Küste; dort hatten Kundschafter eine Gazelle gesehen, was auf eine Süsswasserquelle deutete. Abu Dhabi heisst «Vater der Gazelle». ­Ältere Fotos zeigen, wie die Siedlung noch vor wenigen Jahrzehnten aussah. Hütten, Zelte, Sandwege.

Heute durchziehen zehnspurige Autobahnen das weitläufige Gelände, reihen sich extravagante Hochhäuser zu einer Skyline wie in einer amerikanischen Grossstadt. Der einstige Souk, der Markt, ist abgebrannt, an seine Stelle baute der Stararchitekt Norman Foster in das Erdgeschoss des World Trade Center eine Souk-Imitation: Holzgitter suggerieren die traditionellen Mashrabiyas, Gitterschranken; in den Läden wird der übliche Touristenkitsch verkauft. Im Viertel Breakwater erinnert ein ­«Heritage Village» an das verschwundene Früher: ein Fort aus Lehm mit ­gezackten Türmen, Weberinnen am Webstuhl, ein Verschlag, in dem ein ­Kamel, ein Pferd und ein Esel vor sich hinstieren, Zelte, ein Brunnen.

Eine gemusterte Haut, die atmet

Wer nicht auf die Vergangenheit blickt, hat auch keine Zukunft, lautet so oder ähnlich einer der vielen klugen Sätze des Gründervaters Scheich Zayed, die man überall lesen kann. Nun hat Abu Dhabi keine Vergangenheit, die sich vorzeigen (und verkaufen) lässt wie Ägyptens Pyramiden und Pharaonengräber, nicht mal eine für Touristen attraktive quirlige Gegenwart wie den Basar von Marrakesch. Was könnte das Geschäftsmodell der Zukunft sein, wenn das Ölfass einmal leer ist?

Die Zukunft, so plant es die Führung des Emirats, liegt in Bildung, Forschung und Tourismus. Abu Dhabi, das heute noch zu den grossen Energieverschwendern gehört, investiert in Energieeffizienz. In ökologisches Bauen. In den CO2-neutralen Stadtteil Masdaar City, geplant für 50'000 Einwohner, grün, autofrei, gekühlt durch Hightech-Windtürme, versorgt mit Elektrotaxis. Durch die Finanzkrise wurde die Planung aufgehalten; nun wird es eben ­etwas später fertig. Hochhäuser streben hier nicht, wie in Dubai, in superlativische Höhen (dafür hat man mit dem ­Capital Tower den «schiefsten Turm der Welt»), sondern nach vorbildlicher Ökobilanz. Wie die al-Bahr Towers, ­deren honigwabenartige, bewegliche Aussenhaut die Energiekosten halbiert – und berückend schön aussieht. Wie eine gemusterte Haut, die atmet.

Entwürfe von grossen Architekten

Architekturtouristen also sollen nach Abu Dhabi pilgern. Und Vergnügungssüchtige mit viel Geld. Dafür wird Yas ­Island hergerichtet. Auf dieser Insel liegt schon die Formel-1-Strecke (und mit dem Viceroy das einzige Hotel der Welt, das eine solche Strecke überspannt). Gleich daneben Ferrari World, ein ­Funpark, der von oben wie ein knallroter Seestern aussieht und neben einer ­Shoppingmall Autofreaks auf alle erdenk­liche Weise erfreut, nicht zuletzt mit der ­Formula Rossa, der mit 240 km/h schnellsten Achterbahn der Welt. Ein paar Taximinuten weiter (zu Fuss geht hier niemand) Waterworld, eine Art ­Super-Alpamare mit 43 Rutschen, der «längsten surfbaren Welle» und einer Wasser-Achterbahn. Bald kommt die Warner Brothers World dazu.

Wen solche Event-Bespassung weniger lockt, der findet auf der benachbarten Saadiyat Island künftig Kultur satt. Die Entwürfe von fünf Pritzker-Preis­trägern harren der Realisierung: Tadao Ando (Meeresmuseum), Zaha Hadid (Performance Center), Norman Foster (Sheikh Zayed Museum, in der Form von fünf in die Luft ragenden Falkenfedern), Frank Gehry (Guggenheim Museum, ein dekonstruktivistisches Durcheinander aus Kegeln und Würfeln) und schliesslich Jean Nouvel. Das Gebäude seines Louvre Abu Dhabi ist fast fertig, eine Art durchlässiges UFO, eine flache Kuppel von 180 Meter Spannweite, die das Licht in acht Schichten so filtern soll, dass es wie durch eine Palmendecke «hinuntertropft». Ende 2016 soll das Museum ­öffnen und neben einem Überblick über die Kulturgeschichte der Menschheit Leihgaben aus französischen Spitzenmuseen zeigen.

Ob der Plan aufgeht, mit dem Cultural District etwas hinzustellen, an dem kein kulturaffiner (oder sich dafür haltender) Mensch vorbeikommt? Ob die anderen vier Entwürfe überhaupt umgesetzt werden? Inshallah, sagt der gläubige Muslim dazu. Kräftig gebaut wird jedenfalls schon an den Appartement-, Villen- und Residenzquartieren, natürlich mit Golfplatz, die für 150'000 (sehr gut betuchte) Menschen bestimmt sind.

Der grosse Nachbar

Auch der führende Messeplatz der Region will Abu Dhabi werden. In den hochmodernen Hallen des Exhibition Center unweit der Scheich-Zayed-­Moschee – der drittgrössten der Welt mit dem grössten Teppich der Welt, dem grössten Kronleuchter der Welt usw. – fand gerade die Internationale Buchmesse statt. Sie orientiert sich an Messen wie Frankfurt und London, während andere arabische Messen immer noch wie Buchbasare wirken. Der arabische Buchmarkt ist in desolatem Zustand; die vielen Länder mit gleicher Schriftsprache haben kein einheitliches Rechts- und Lizenzsystem, wenig gute Buchhandlungen, vor allem keinen funktionierenden Vertrieb. So nutzen auch die Emirati die Messe Abu Dhabi wie eine grosse Buchhandlung, ganze Familien ziehen mit praktischen Karton-Trolleys von Stand zu Stand und decken sich mit Lektüre ein. Vor allem für die Kinder. Bildung ist das Mantra; 2016 ist das «Jahr des Lesens» mit Wettbewerben, Aktionen und Bücherpaketen.

Abu Dhabi lädt Gastländer ein (diesmal Italien), legt Übersetzungsprogramme auf, sponsert grosszügige Buchpreise. Der Gewinner des arabischen Booker-Preises erhält 60'000 Dollar, der Sheikh Zayed Award ist noch weit höher dotiert, in acht Kategorien jeweils mit 750'000 Dirham (200'000 Franken). Die «Cultural Personality of the Year» ­erhält sogar eine Million. Dazu wurde diesmal der libanesische Autor Amin Maalouf gekürt – eine gute Wahl. Beim Blättern in der Preisbroschüre stellt man verwundert fest, dass die Kultur-Persönlichkeit 2015 der Emir von Dubai war und 2014 gar König Abdullah von Saudiarabien.

Der grosse Nachbar. Gegen ihn grenzt man sich durch eine grössere innere ­Liberalität ab, steht ihm aber aussenpolitisch fest zur Seite: Im jemenitischen Bürgerkrieg kämpfen auch emiratische Soldaten. Von demokratischen Verhältnissen ist Abu Dhabi weit entfernt. Es ist eine Erbmonarchie ohne Parlament, ohne Parteien, ohne Gewerkschaften. Die Medien sind affirmativ, vermeiden heikle Themen, vieles ist ohnehin tabu.

Vorsicht bei delikaten Fragen

Auch für Schriftsteller. Die Lyrikerin ­Nujoom al-Ghanem erklärt, warum sie sich etwa aus delikaten Fragen wie der Religion heraushält. Man ist vorsichtig. Man fühlt sich auf unsicherem Grund – und nicht unwohl mit einer autokratischen, paternalistischen, aber offensichtlich weitsichtigen Führung. Auf einer Insel der Seligen – oder wenigstens der Ruhe innerhalb einer aufgewühlten arabischen Welt. Bürgerkriege in ­Libyen, Syrien, im Irak. Der Isis-Terror ganz in der Nähe. Das Eingequetschtsein zwischen den verfeindeten Grossmächten Saudiarabien und Iran. Selbst der Reichtum: Er weckt Begehrlichkeiten. Auch Kuwait ist mal von einem Nachbarn überrannt worden. «Ich sehe eine Ära der Dunkelheit für die arabische Welt kommen», sagt der Dichter Khalid al-Budoor.

Wohin schreitet Abu Dhabi? Wird es 2030 wirklich, wie es der Masterplan der Regierung vorsieht, ein Mekka der Forschung, ein ökologisches Vorbild, ein Magnet für Vergnügungssüchtige, eine Pilgerstätte für Kunstenthusiasten sein? Inshallah, wer weiss. Das Ölfass kann auch brennen – oder explodieren.

Die Reise wurde unterstützt von der Abu Dhabi Culture and Tourism Authority.

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