Ach, Kambodscha

Ein Besuch in Angkor Wat ist ein unvergessliches Erlebnis. Allerdings stellt die Reise zur grössten Sakralanlage der Welt Touristen vor so manches ökologische und soziale Dilemma.

Touristen halten den Sonnenaufgang hinter der Tempelanlage von Angkor Wat fest. Foto: Valentin Wolf (Keystone)

Touristen halten den Sonnenaufgang hinter der Tempelanlage von Angkor Wat fest. Foto: Valentin Wolf (Keystone)

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Ein zünftiges Stück kambodschanische Kultur gibts schon für einen schlappen Dollar. Man sucht auf dem Markt den Insektenstand, bestellt «A-ping» – und hält bald darauf eine kross gebratene Tarantel in der Hand. Mit seiner Panade aus Mehl, Knoblauch, Zucker und Chilis ist der Appetithappen geschmacklich zwischen Snack und Dessert angesiedelt; die Konsistenz lässt sich mit knusprig-kauig umschreiben.

Noch immer ist das Verspeisen einer frittierten Spinne – oder zumindest das Am-Beinchen-Knabbern fürs Foto – die Königsdisziplin eines jeden auf Abenteuer gepolten Kambodscha-Reisenden. Die Einheimischen beklatschen frenetisch jeden Bissen, den man nimmt. Bloss: Wie lange noch? Die Spinnen werden immer weniger, seit ihr Lebensraum hemmungslos abgeholzt wird, ebenso die Köche, die Lust haben, sie mühsam einzusammeln und an mobilen Marktständen feilzubieten. Lieber gehen sie in ein Restaurant arbeiten oder gleich ins Hotel: Da ist der Lohn höher und die Klimaanlage allmählich Standard.

Ach, Kambodscha. Du bist ein wahnsinnig aufregendes, unerhört schönes Reiseland voll kleiner Wunder und grosser Überraschungen. Wer sich das erste Stück des heimischen Schoggikuchens in den Mund schiebt und unvermittelt auf ein Pfefferkorn beisst, weiss, wovon die Rede ist. Aber du stellst deine Besucher auch immer wieder vor Dilemmas. Und am häufigsten tust du das in Angkor Wat, diesem zum Unesco-Weltkulturerbe gehörenden, grössten Sakralbau auf dem Globus – beziehungsweise an der Homebase von jedem, der sich dieses archäologische Wunder anschauen will: in Siem Reap. Das nur wenige Kilometer von Angkor entfernt gelegene, einstige Bauerndorf hat es im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte, seit die Roten Khmer endgültig vertrieben sind, auf 250'000 Einwohner gebracht.

Vibration schadet den Ruinen

Siem Reap, das man in der Schweiz auch wegen Beat «Beatocello» Richners Kantha-Bopha-Kinderspital kennt, trägt seine Widersprüchlichkeit schon im Namen: Wörtlich übersetzt bedeutet Siem Reap «Thailand in die Knie gezwungen» – dabei war es jahrhundertelang thailändisches Hoheitsgebiet, bevor es 1907 an die französischen Kolonialherren weitergereicht und 1953 mit Kambodscha unabhängig wurde. Als mittlerweile teuerste, sauberste, sicherste (und komplett minenfreie) Stadt des Landes kann Siem Reap mit zwei Millionen Touristen pro Jahr der pulsierenden Hauptstadt Phnom Penh locker das Wasser reichen; und angesichts der gut gebauten Strassen, der Supermärkte und der vielen Restaurants geht rasch vergessen, dass Siem Reap mitten in der ärmsten Provinz des Landes liegt.

Den wirtschaftlichen Rückstand, den ihr die Terrorherrschaft der Roten Khmer hinterliess, hat die Stadt im Rekordtempo aufgeholt. Man kann kaum glauben, dass die erste Verkehrsampel hier 2002 aufgestellt wurde und dass Polizisten während Tagen neben selbiger stehen mussten, um den Anwohnern das Konzept «rot: stehen, grün: gehen» näherzubringen.

So sieht man sich als Besucher, der sich einigermassen verantwortungsvoll verhalten will, laufend vor verzwickten Entscheidungen. Soll man den Kindern, die einen teils wie eine kleine Armee einkreisen und einem irgendwelchen Kram entgegenstrecken, etwas abkaufen? Immer wieder warnen Hilfswerke, dies würde bloss das Betteln fördern. Doch was tun, wenn man weiss, dass in Kambodscha das Schulgeld in bar an den Lehrer gezahlt werden muss und es für manche Familien keine andere Möglichkeit gibt, die nötige Summe zusammenzubekommen, als ihre Kinder mit Souvenirs zu den Tempeln zu schicken?

Oder dann die Sache mit den Velos. Günstig in jedem Hotel zu mieten, sind sie das ökologischste und zudem romantischste Transportmittel, um auf Sightseeingtour zu gehen. Und gegen das Problem, dass einem hernach der rote Lateritstaub in jeder Körperritze klebt, hilft eine Dusche. Andererseits leben viele Kambodschaner davon, dass sie Touristen im Tuk-Tuk, mit dem Kleinbus oder Auto zu den Tempeln chauffieren. Selbst lenken ist für Auswärtige nämlich keine Option: Das wurde verboten, nachdem es viele schwere Unfälle gegeben hatte, weil die Westler damit überfordert waren, sich in einem Verkehrssystem zu bewegen, wo jeder, der sich einen fahrbaren Untersatz leisten kann, auch fahren darf. Ohne Alters-, Tempo- und Promillevorgaben.

Also doch das Taxi? Und halt hinnehmen, dass die Abgase und ständigen Vibrationen den Ruinen zusetzen? Und darauf hoffen, dass sich Kambodschas Regierung etwas einfallen lässt, wie sie ihren Kulturschatz schützen und die Bevölkerung gleichzeitig vor Hunger bewahren kann?

Eintrittspreise verdoppelt

Man zweifelt daran, wenn man sieht, wie plan- und rücksichtslos Siem Reap ausgebaut wird. Und man macht sich Sorgen, wenn man hört, dass die mittlerweile fast 700 Hotels so viel Wasser verschlingen, dass die Bohrlöcher zum Grundwasser heute nicht mehr 10, sondern 90 Meter tief sind – und dass der gesunkene Pegel eine Bedrohung für die Tempelfundamente darstellt. Auch der nahe Tonlé-Sap-See, das grösste Binnengewässer Südostasiens und die Hauptproteinquelle Kambodschas, gerät wegen der hemmungslosen Fischerei immer mehr in Bedrängnis.

Immerhin: In Angkor Wat und den umliegenden Tempeln wurde vergangenes Jahr die Notbremse gezogen. Nur noch 100 Personen aufs Mal dürfen den Hauptturm erklimmen. Die Eintrittspreise wurden verdoppelt, auf neu 37 Dollar für einen Tagespass. Und nachdem ein paar Witzbolde im Ta-Prohm-Tempel – das ist die aus Angelina Jolies «Lara Croft»-Film bekannte, von Würgefeigenbäumen spektakulär überwucherte Ruinenanlage – Nacktselfies geschossen hatten, kommt jetzt nur noch rein, wer von den Oberschenkeln bis und mit Schultern bekleidet ist.

Damit sollte zu leben sein, selbst bei 40 Grad Celsius im heissen Frühling. Und wenn man, um die grössten Touristenmassen zu umgehen, während der Monsunzeit von Mai bis Oktober anreist, die Randstunden ganz früh am Morgen und am Abend beziehungsweise die Mittagszeit nutzt (Kopfbedeckung, Sonnencreme und viel Wasser nicht vergessen! Und den Insektenspray!), kann es sogar passieren, dass man die Tempel fast ein bisschen für sich allein hat. Und Angkor Wat – Dilemmas hin, Dilemmas her – jene atemberaubende Magie verströmt, die seine Erbauer vor 900 Jahren im Sinn hatten.

Die Reise wurde unterstützt von Belmond Hotels und Geoplan Privatreisen.

Fotoblog: Der frittierten Tarantel auf der Spur

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.01.2018, 15:35 Uhr

Angkor traditionell erleben

Parfümiertes Wasser für die Buddhas

Wer Angkor möglichst authentisch erleben will, also so, wie es die Kambodschaner tun, der sollte Mitte April hinfahren. Dann nämlich steht Chaul Chnam Thmey an, das wichtigste Fest des Jahres: Drei Tage lang, heuer vom 14. bis 16. April, wird das Ende der Ernte gefeiert und der bevorstehende Monsun willkommen geheissen. Während dieser Zeit steht das öffentliche Leben fast komplett still, und nicht wenige Einheimische nutzen die Gelegenheit, Angkor Wat zu besuchen, das spirituelle und historische Herz ihres Landes. Auf Pick-ups, in Lastern und mit Motorrädern reisen sie in Scharen teils vom anderen Ende des Landes an, um mit Familie und Freunden vor den Tempeln Angkors zu beten – aber vor allem auch, um dort zu picknicken und sich zu vergnügen.

Wer das Fest traditionell begeht, putzt sich am ersten Tag heraus und zündet Räucherstäbchen vor den Schreinen an. Am zweiten Tag betet er für die Vorfahren und verteilt Almosen an Bedürftige. Am letzten Tag werden die Buddhastatuen in den Tempeln mit parfümiertem Wasser sauber gemacht, was Glück bringen soll; Kinder waschen die Hände ihrer Eltern und Grosseltern, um von ihnen im Gegenzug gesegnet zu werden. Überhaupt wird in diesen Tagen viel Wasser verspritzt – oder gleich kübelweise über Passanten gekippt. Auswärtige Besucher sind also nicht nur gern gesehene Zuschauer an Chaul Chnam Thmey, sondern auch willkommene «Opfer» für Wasserattacken.

Für April reicht es nicht mehr? Dann sollte man Oktober als Reisemonat wählen. Anfang des Monats wird Bonn Pchum Ben gefeiert, das Fest der Toten, bei dem die Kambodschaner Esswaren und Blumen in die Pagoden bringen, um ihren Ahnen Respekt zu zollen; auf Monatsende fällt das Wasserfest Bonn Oum Took, bei dem auf dem Siem-Reap-Fluss Bootsrennen unter grossem Tohuwabohu stattfinden.

Und egal, wann man vor Ort ist: Unbedingt besuchen sollte man den Phare-Zirkus, das bei Einheimischen heiss geliebte «Schaufenster» der gleichnamigen Kunst- und Akrobatikschule. Kurz nach dem Verbot der Roten Khmer Mitte der 90er-Jahre gegründet, stand – und steht – die Schule insbesondere Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen offen. Zunehmend professionalisiert, rühmt man sich in Siem Reap, einen eigenen kleinen Cirque du Soleil erschaffen zu haben. Ganz so poliert sind die Shows natürlich nicht. Aber die mit Herzblut und ausdrucksstark vorgetragene Akrobatik, oft untermalt mit einem Erzählstrang, der die Geschichte des Roten Kambodscha thematisiert, hinterlässt bei auswärtigen Besuchern nachhaltigen Eindruck.
www.pharecircus.org

Siem Reap

Praktische Tipps

Anreise Mit Swiss oder Thai Airways nach Bangkok, dann weiter mit Thai Smile nach Siem Reap.

Reiseveranstalter Geoplan bietet diverse Pauschalarrangements in Siam Reap an. Link+49 30 346 49 810, www.geoplan-reisen.de

Arrangement 3 Tage inkl. Mahlzeiten, privater Reiseleitung, Transfers im klimatisierten Fahrzeug mit Fahrer und Besichtigungen (inkl. Eintritte) ab 460 Fr. p. P.

Unterkunft Das 2016 stilvoll restaurierte Hotel Belmond La Résidence d’Angkor bietet luxuriöse Zimmer und Suiten sowie ein hauseigenes Spa. www.belmond.com

Tempelbesichtigung Tickets kauft man an der Hauptstrasse zu den Tempeln – nur in bar! Wer Angkor bei Sonnenaufgang erleben will, sollte sein Billett am Vorabend besorgen.

Weitere Aktivitäten Viele Hotels bieten Fahrradtouren, Bootsfahrten auf dem Siem-Reap-Fluss und Art-and-Craft-Touren durch lokale Handwerksbetriebe an. Am Abend ist der auf Souvenirjäger ausgerichtete Night Market Pflicht. Ausserdem sind sogenannte Dine-Arounds im Trend, Abendessen, bei denen man mit dem Tuk-Tuk für jeden Gang in ein anderes Restaurant gefahren wird.

Infos Siem Reap Da es keine Touristeninformation gibt, konsultiert man den alle drei Monate neu publizierten, in Hotels gratis aufliegenden «Siem Reap Visitors Guide».

Einreisebestimmungen Besucher aus der Schweiz benötigen einen noch mind. sechs Monate gültigen Reisepass sowie ein Visum, das am Flughafen oder im Internet (www.evisa.gov.kh) für 30 US-Dollar erhältlich ist.

Allg. Infos www.tourismcambodia.com

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