Libanesisches Kontrastprogramm

Die Fahrt von Beirut mit den Bürgerkriegsruinen zur Welterbestätte Baalbek und ihren ­Zeugen der Römerzeit erfordert wache Sinne – bis plötzlich Stille herrscht

Auf Phönizier und Babylonier folgten die Römer: Bacchustempel. Bild: PD

Auf Phönizier und Babylonier folgten die Römer: Bacchustempel. Bild: PD

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Mohammed erzählt, sein Vater sei extra nach Deutschland gereist, um einen Mercedes zu kaufen. «Wie schon der Grossvater.» Mohammed kommt aus Tripoli und ist unser Guide für diesen Tag. Der Mittzwanziger wohnt nach dem Tourismusstudium wieder bei den Eltern. Was mitunter ein Grund dafür ist, dass er sich noch nicht unters Messer gelegt hat. Im Moment sei das Geld ein bisschen knapp, sagt er bedauernd, aber natürlich spare er für eine Schönheitsoperation. Etwas, das hier jeder, der es irgendwie vermag, tut. Genauso, wie mit einem alten Mercedes auf den staubigen Strassen des Libanon herumzukurven. Es ist noch fast dunkel, als wir aus Beirut hinausfahren, am Horizont zeigt sich ein milchig-gelber Schleier.

In einem Minibus geht es nach Baalbek, mit Chauffeur und Führer. Obwohl weite Teile des Libanon als stabil gelten, ist es nicht ratsam, auf eigene Faust zu den Tempeln zu fahren, den grössten und am besten erhaltenen Beispielen für kaiserzeitliche römische Architektur im Orient. Die Fahrt durch den Teil der Bekaa-Ebene, der als sicher gilt, verlangt uns einiges ab, obwohl wir doch nur am Fenster sitzen und hinausschauen. Nicht wegen der vielen von hohen Pneustapeln umgebenen Autowerkstätten oder dem Abfall, der am Wegrand liegt. Auch nicht wegen der verrückten Fahrweise der Autolenker, die keinerlei Verkehrsregeln beachten.

Vielmehr muss man sich auf dieser Reise ständig mit Gegensätzen beschäftigen. Das hat in Beirut angefangen. Der moderne Souk, der Markt im Zentrum mit Gucci-Schaufenstern und Chanel-Boutiquen, liegt neben Bürgerkriegsruinen. In der Stadt sieht man Highheels und Hidschab, hört Glockengeläut und Klingeltöne mit orientalischer Musik. Diese krassen Kontraste setzen sich in den Bergen fort, wo die libanesische Oberschicht im Winter Ski fährt. Wo rauchende Männer am Strassenrand sitzen und uns Töfflibuben nachwinken. Viele leben in Flüchtlingslagern. Hinter dem Gebirge Anti-Libanon liegt Syrien.

Die Landschaft erinnert an die Toskana

Der Libanon grenzt im Norden und Osten an das Bürgerkriegsland, im Süden an Israel. Die bewaffneten Konflikte, vor allem jene in Syrien, haben die Spannungen verstärkt. Auch weil über eine Million Flüchtlinge im Libanon leben.

Die beste Methode, um auf dem Weg nach Baalbek durch die vielen Checkpoints zu kommen, verrät Mohammed: Fenster runterkurbeln, lächeln, weiterfahren. Keinesfalls Fotos machen. Wir versuchen also zu lächeln und ziehen vorbei an absurd grünen Hängen, an Weingütern, Pfirsich- und Mandelbäumen. Es sieht ein bisschen aus wie in der Toskana.

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Die letzten 100 Meter zur Unesco-Welterbestätte Baalbek gehen wir zu Fuss. Von zwei Seiten beschallen uns Lautsprecher. Die Muezzins rufen zum Gebet. Wir steigen die Stufen hoch zum Eingang, und dann verschlucken die alten Steine alles, es wird still, auch in uns drin. Ein Trio römischer Tempelanlagen aus dem 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. beeindruckt besonders: das Jupiterheiligtum mit sechs verbliebenen, 20 Meter hohen Säulen. Sie sind neben der Zeder das Wahrzeichen des Libanon. Weiter der Rundtempel und der fast vollständig erhaltene Bacchustempel. Imposant dessen 13 Meter hohes Tor! Die Sonne legt über diese Zeugen der Zeit einen hellen, angenehmen Schleier, die Szenerie ist verstörend schön. Wir bleiben lange auf den Steinen mit römischen Inschriften sitzen. Auf diesem Grund, den wohl schon die Phönizier und Babylonier nutzten, um Tempelanlagen für ihre Heiligtümer zu errichten, ist es nicht immer so ruhig . Abgesehen von einem 20-jährigen kriegsbedingten Unterbruch findet hier seit 1955 alljährlich das Baalbek-Festival statt. Das heurige ging eben mit einem Konzert von Ben Harper auf den Stufen des Bacchustempels zu Ende.

Auf dem Heimweg essen wir im Riesenrestaurant Al Shams in Anjar, einer Kleinstadt mit hauptsächlich armenischer Bevölkerung, gehen durch die Ruinen und sagen den Besuch im Weingut Château Ksara ab: Zu gewaltig waren die Eindrücke, die wir in Baalbek gesammelt haben. Das Licht hat jetzt etwas Schlampiges, die L’heure bleue präsentiert sich im Feierabendstau über Beirut in einem dreckigen Gelb. Mohammed sagt, was wir denken: «Mag sein, dass der Libanon ein Durcheinander ist. Doch es ist ein schönes Durcheinander.»

Anreise: Zweimal wöchentlich mit Germania von Zürich nach Beirut, www.flygermania.com Hotel: Mövenpick Hotel Beirut, www.movenpick.com Allg. Infos: www.derlibanon.deDie Reise wurde unterstützt von Germania und dem Mövenpick Hotel Beirut. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.08.2018, 23:50 Uhr

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