Im Reich des Fieslings

«Dallas» und J. R. sind bis zum heutigen Tag Kult. Ein Besuch auf der Southfork Ranch in Texas, wo die amerikanische TV-Serie gedreht wurde. Sue Ellen und Co. sind live dabei.

200'000 Touristen pro Jahr: Die Southfork-Ranch bei Dallas. Foto: Getty Images

200'000 Touristen pro Jahr: Die Southfork-Ranch bei Dallas. Foto: Getty Images

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Die Skyline sieht heute noch aus wie damals im Vorspann; auch wenn in den Jahrzehnten ein paar Hochhäuser hinzugekommen sind. Auf einem der wenigen Hügel der Landschaft thront Rosewood Mansion, ein Hotel mit fünf Sternen. Vor 40 Jahren war es das einzige in der Luxuskategorie in ganz Texas.

Heute wirkt Rosewood Mansion ein wenig aus der Zeit gefallen: die Fassade ockerfarben statt spiegelverglast, mit weiss getünchten Balkonen, lauschigen Gärten – und nur acht Stockwerke hoch. Genau der richtige Ort, um in das Jahr 1978 zurückzukehren, in die Welt der Ewings aus der Fernsehserie «Dallas». Hier haben die Schauspieler während der Drehzeiten übernachtet: 14 Jahre lang, jeden Sommer von Juni bis August.

Kappen und Kochbücher als Andenken

«Die Schauspieler waren selten einzeln hier, meist sassen sie zu zweit oder in Gruppen zusammen. Sie wirkten wie ein Theaterensemble, weniger wie Fernsehschauspieler», erzählt Mary Baker, seit 37 Jahren Concierge im Rosewood Mansion.

Baker blickt auf ein Foto. Die Ewings, das waren Jock, der Patriarch, und Miss Ellie, seine Frau. Die Söhne J. R. und Bobby mit ihren Frauen Sue Ellen und Pamela. Jock Ewing ist eigentlich Rancher, aber im Ölgeschäft reich geworden – mit List und Skrupellosigkeit und auf Kosten seines früheren Partners. Der heisst Digger Barnes und ist Pamelas Vater.

Auch der Kellner Hugo Reinoso arbeitet seit einer Ewigkeit im Rosewood Mansion und schwärmt: «In Pamela, Verzeihung, Victoria Principal, waren wir alle verliebt. Was für eine Schönheit. Später hat sie hier geheiratet. Das Medienecho war wie bei einer königlichen Hochzeit.»

Ihr Lieblingsschauspieler? J. R. alias Larry Hagman, da sind sich Mary und Hugo einig. Ein Filou, ein Fiesling, ständig verschmitzt lächelnd. Einmal hat Prinzessin Margaret im Rosewood Mansion übernachtet, die Schwester der englischen Königin. Wochenlang wurden die Mitarbeiter in Etikette unterwiesen. Larry Hagman begegnete ihr auf dem Flug. «Hi Maggie», habe er freundlich gegrüsst. Mary Baker lacht: «Wir hielten den Atem an. Aber sie lächelte nur. J. R. konnte man nicht böse sein.»

Szenenwechsel. Sally Southfork, die eigentlich Sally Peavy heisst, aber meint, Southfork passe besser zu ihrem Tätigkeitsfeld, führt durch die Ranch, auf der die Serie gedreht wurde. Sallys Tour beginnt im Andenkenladen. Das Sortiment ist breit: Kappen, T-Shirts, Tassen, DVDs, Kochbücher. Es ist brechend voll, denn an diesem Wochenende finden die «Dallas»-Fantage statt. Erster Stopp auf der Tour: das «Dallas»-Museum. «Unser Hollywood», wie Sally es ausdrückt. Mit den Hand- und Fussabdrücken der Stars und jeder Menge Memorabilien. Etwa ein Stammbaum der Familie Ewing. «Hier seht ihr, wer mit wem zusammen und wer von wem geschieden war», flötet Sally. «Könnt ihr alles nachlesen, falls ihrs vergessen habt.»

Im Pool schwamm die Leiche von Sue Ellens Schwester

Der Stammbaum ist nötig. Denn das Beziehungsgeflecht der Ewings war nie einfach und ist mit der Zeit immer komplexer geworden. Da ist zum Beispiel Ray Krebbs, der Vorarbeiter auf der Ranch. Zu Beginn der Serie steigt er mit Jock Ewings En­kelin Lucy ins Heu – mit seiner Nichte, wie sich herausstellt, denn Ray Krebbs entpuppt sich als Jocks unehelicher Sohn. Später heiratet er Jenna Wade. Jenna ist Bobbys Jugendliebe. Sie hat ihn am Traualtar versetzt, um einem italienischen Grafen das Jawort zu geben. Nach der Scheidung bandelt sie wieder mit Bobby an, wird von ihm schwanger, heiratet aber erneut den Grafen – um ihn kurz darauf zu erschiessen. Eine der vielen absurden Wendungen, für die die TV-Serie «Dallas» berühmt war.

Pompös: Der Eingangsbereich des Fünfsternhotels Rosewood Mansion in Dallas. Foto: PD

Als Working Ranch hat Southfork ausgedient, das Geschäft mit den Touristen läuft einfach zu gut. 200'000 kommen pro Jahr. Die Villa der Ewings liegt um­geben von Wiesen, gesäumt von Rhododendronbüschen und sieht noch aus wie damals. Die Umgebung allerdings hat sich sichtlich verändert. Die Felder und Weiden sind Wohnsiedlungen gewichen. Die Millionenstadt Dallas ist 40 Kilometer entfernt. Die Vororte haben die Southfork Ranch längst erreicht.

Auch im Haus erwarten uns vertraute Bilder. Die Eingangshalle mit den hellen Marmorfliesen und der geschwungenen Treppe hat einen hohen Wiedererkennungswert. Und da ist das Wohnzimmer mit den beigefarbenen Ohrensesseln, dem Flügel, auf dem nie jemand spielt, über dem offenen Kamin das Porträt von Jock Ewing in Öl. Dann das Esszimmer: holzgetäfert? Hing hier nicht eine scheussliche Blumentapete? Sally räuspert sich. Die Aussenaufnahmen wurden auf der Ranch gedreht, die Innenaufnahmen aber in einem Studio in Kalifornien. Die Zimmer sind folglich fiktional gestaltet – mit Elementen aus der Serie, aber nicht originalgetreu.

Sally tritt hinaus auf die Terrasse: «Und das hier ist der berühmte Pool, in dem die Leiche von Kristin Sheppard, Sue Ellens Schwester, schwamm. Sie hatte die Schüsse auf J. R. am Ende der dritten Staffel abgegeben.» Die Schüsse auf J. R. waren die Mutter aller Cliffhanger, des offenen Endes, um Zuschauer bei der Stange zu halten.

In den Achtzigerjahrenein weltweiter Quotenhit

Jetzt findet am Pool ein Fotoshooting mit den Stars der Serie statt. Mit einigen, um genau zu sein: Pamela fehlt, auch Cliff Barnes, der ewige Verlierer. Und J. R. Larry Hagman verstarb vor sechs Jahren. Aber Sue Ellen und Lucy sind gekommen, Linda Gray und Charlene Tilton – beide unverkennbar. Ausserdem Steve Kanaly, wie damals in der Serie als Ray Krebbs mit einem breitkrempigen Stetson. Nur bei Bobby muss man zweimal hinschauen. Die jugendliche Aura hat Patrick Duffy verloren, die weissen Haare sind am Hinterkopf zu einem Zöpfchen gebunden.

Eine halbe Stunde später. Kaffeepause für Bobby und Sue Ellen im Nebengebäude auf der Ranch. Dallas? «Wollte ich nie hin», sagt Bobby. «Als es hiess, dass hier gedreht wird, dachte ich: Auweia. Aber meine Frau sagte: Machs, in ein paar Wochen bist du zurück. Gott sei Dank habe ich auf sie gehört.» «Ich weiss noch, wie wir hier ankamen», ergänzt Sue Ellen. «Alles arbeitslose Schauspieler, froh, einen Job für fünf Folgen zu haben.» Sie kramt weiter in den Erinnerungen: «Es war Winter, es schneite, und wir wurden in ein schäbiges Motel verfrachtet. Keiner von uns kannte Dallas, ausser Larry. Er fuhr uns durch die Gegend, zeigte uns seine Lieblingsplätze, hauptsächlich Bars.» «Durch ihn habe ich Dallas lieben gelernt», fährt Bobby fort. «Jeder ist willkommen hier, alle sind höflich, ein Überbleibsel der Südstaaten-Etikette.»

Ursprünglich war «Dallas» nur für fünf Folgen geplant. Doch diese fünf Folgen brachen alle Rekorde. Der Rest der Serie schrieb Geschichte: In den Achtzigern war «Dallas» ein weltweiter Quotenhit. Und ist bis heute Kult. Wegen J. R., sagt Bobby. «Die Figur des J. R. ist mit Larry Hagman ideal besetzt. Er war Texaner. Er verkörperte Texas. Und er war ein Typ, der mit all dem durchkam, wovon jeder Mann mal träumt: Affären haben, jede Menge Geld, fies sein können. Und zum Abendessen zu Hause die Metamorphose zum lieben Sohn. Das Ganze augenzwinkernd gespielt – damit zog er die Zuschauer in Bann.»

Die Reise wurde unterstütztvon Visit Dallas. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.09.2018, 21:02 Uhr

Infos und Tipps

Anreise: Lufthansa von Zürich über Frankfurt nach Dallas, Icelandair über Reykjavik.

Unterkunft: Rosewood Mansion on Turtle Creek war früher das erste Haus am Ort. Die Stars der Serie haben während der Dreharbeiten hier übernachtet; DZ ab 360 Fr. www.rosewoodhotels.com/en/mansion-on-turtle-creek-dallas

Das Belmont Hotel liegt am anderen Ufer des Trinity River. Ehemaliges Motel, heute bei Künstlern und Musikern beliebtes Boutique-Hotel, DZ ab 160 Fr. www.belmontdallas.com

Southfork Ranch: Liegt 40 Kilometer ausserhalb von Dallas. Geführte Tour 18 Fr., einstündiger Ausritt 46 Fr. www.southforkranch.com

Allg. Infos: www.visitdallas.com

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