Der Hippiespirit im Tal

Kleine sexy Übungen, spirituelles Nichtstun und viel Meditation – was unser Autor bei deutschen Hippies auf La Gomera lernte. Eine Reportage.

Plötzlich lichten sich die Nebel und mit ihnen auch das Bewusstsein: Das Tal Valle Gran Rey in La Gomera. Foto: Getty Images

Plötzlich lichten sich die Nebel und mit ihnen auch das Bewusstsein: Das Tal Valle Gran Rey in La Gomera. Foto: Getty Images

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Die Hochebene von La Mérica. Ich sitze vor dieser verfallenen Hütte, friere jetzt beinahe, das neue Hemd mit den Gebetsglöckchen klebt an mir. Kein Wunder! Die Anstrengung. Der endlose Anstieg. Vor allem aber: die Angst. Der Blick in die Tiefe. 600 Meter? 800? Eine Unachtsamkeit nur. Ein falscher Schritt. Ich frage mich, ob man mit diesem Gefühl Geld machen kann. Anderes Geld, als schon verdient wird. Ich frage mich permanent dieselben Sachen.

«Hör mal», sagst du.

Also lausche ich. Nichts. Gestern Nacht wieder dieses gespenstische Geschrei, hier nur Stille. Mikrogeräusche. Insektenselbstgespräche. Wind streicht über die Gräser, die exotischen Gebüsche. Ginster? Wolfsmilch? Im Westen zieht eine Wolkenfront auf. Praktisch auf unserer Höhe. Ständig bilden sich Wolken über den Bergen, doch unten im Tal regnet es nie. Ich stehe auf, schaue mich weiter um. Die Hütte aus groben Steinen errichtet, das Dach eingestürzt. An den Wänden Botschaften: «Ralf+Petra 92», «Normcore-Asja», «Nur der HSV». Soll ich auch? «Investor 2018»? «Büromann»? Apropos Arbeit: Früher sassen hier nur Hirten. Nie hätten sie sich träumen lassen, dass jemand einmal freiwillig ihr Gefängnis erklettern würde. Ihren Freiluftvollzug. Die Hirten haben die Tiere und den Himmel betrachtet. Das Meer. Dort unten wartet es. Es leuchtet und droht bis zum Horizont.

«Wir haben zwei Alternativen», sagst du.

«Immerhin», sage ich. «Welche?»

«Den Weg, den wir gekommen sind. Also durch die Wand nach unten. Oder weiter bis nach.….Arure. Laut Wanderführer ist es ab hier nur noch eine.…», deine Stimme bekommt einen ironischen Einschlag, «gemütliche Kammwanderung mit eindrucksvollen Ausblicken.»

«Kamm», sage ich.

Anreise I

Das Erlebnis La Gomera beginnt mit der Landung im absoluten Gegenteil. Airport Teneriffa-Süd, wir fluten mit dem Rest der Easy-Jet-Munition durch die Gänge. Flächige Tattoos, Flip-Flops, nervöse Handydisplays. Dann der Transport zum Fährhafen. Eine Schnellstrasse durch Vulkanmondlandschaft. Flechtenartiger Feriensiedlungsbewuchs, plastikumhüllte Plantagen, Gewerbe- und Freizeitschachteln. «Mueble4you», «Lidl», «Conforama», «Karting Tenerife», «KFC» – alles okay so weit.

Ich geniesse die angewiderten Blicke der Buspassagiere, von denen klar ist, dass sie wie wir auf die Nachbarinsel wollen. Richtung Zen Island. Richtung Achtsamkeit. Dorthin, wo ich eine Geschäftsidee entwickeln werde. Ich bin sowohl ergebnisoffen als auch inspirationsneutral, die Sonne knallt auf die Kulissen einer dieser albernen Tourismushorror-Dokumentationen, und nach einer halben Stunde erreichen wir das gut gelaunte englische Seebad Los Cristianos.

Los Cristianos – Fähranleger, Feindbild, Vergnügungsmeile. Es ist wichtig, Gomera genau von hier aus zu erreichen. Der Fussmarsch runter zum Hafen. Vorbei an auf glühenden Terrassen eingenommenen Yorkshire-Frühstücken. Würstchen, Bohnen, Lagerbier-Kaffee. Embleme britischer Fussballklubs auf kochenden Altmännerwaden. Frauen in unterschiedlichsten Stadien. Menschen akzeptieren ihren Körper, Menschen umarmen ihr Gewicht. Undeutsch vergnügt. Mein bürgerliches Gesundheitsbewusstsein – ein spiessiger Witz. Teneriffa? Von La Gomera erfunden. Als Agent Provocateur. Als vulkanische Pädagogik.

Da! Der futuristische Fred-Olsen-Katamaran läuft ein. Alles klappt wie am Schnürchen. Die Engländer bleiben zurück, wir fahren über den Atlantik.

Anreise II

Reisen? Auswandern? It’s all about rituals. It’s all about suffering. Wer das Glück am Ende der Welt sucht, muss vorher den Weg der Kasteiungen beschreiten. In La Gomeras winziger Inselhauptstadt San Sebastián besteigen wir einen weiteren Linienbus. Gleich nach dem Ortsausgang geht es hinauf, kommen die Schluchten, die Ausblicke, die Beklemmungen. Palmen über Abgründen über Ozeanen. Ich registriere zurückhaltende, vielleicht nur symbolische Fahrbahnbegrenzungen. Dahinter: das Nichts. Es lauert. Es flüstert. Der Fahrer: ein älterer Herr. Mit tiefschwarzer Sonnenbrille. Ich stelle Überlegungen zu seiner Sehstärke an, zu seiner kardiologischen Gesamtverfassung. Meine ist hervorragend. Ich habe mit allem abgeschlossen, ich will und werde Geld verdienen, und wir steigen und steigen diese Serpentinen hinauf.

Die Sonne! Sie ist nicht gestorben. Wir erreichen ihr Zuhause.

Klimazonen, Vegetationsstufen, schliesslich Wolken. Nebelstochern, Hupen vor jeder Kurve, jenseits der Fahrbahn tropfen jetzt Gespensterbäume. Ein Urwald aus Lorbeer. La Gomeras Natur ist ein Denkmal. Meine Natur ist Neu- und Geldgier. Also betrachte ich die Passagiere: karge Wanderer, Selbsterfahrungsfamilien, Kurt-Cobain-Imitatoren – die klassische Klientel. Kundschaft! Aber für was? Was biete ich an?

«Babe», rufe ich, «es ist wunderschön. Es ist märchenhaft. Aber wie um Himmels willen sollen wir hier unseren Lebensunterhalt verdienen?»

Dein Lächeln ist etwas angestrengt: «Nicht reden, Honey. Mir ist schlecht.»

Also schweigen. 40 Kilometer Ewigkeit. Wir fahren und fahren, schlängeln uns durch einen Himmel mit Haltestellen. Dazu diese Pflanzen! Die Feuchtigkeit. Die Tröpfchenwände. Klima bei der Arbeit. Alle fünf Minuten Gegenverkehr. Ich danke dem Genie, das die Bremsflüssigkeit erfunden hat. Ein Bremsbelagdiscounter? Feinste Importware? Karriereoptionen.

«Babe, ist dir noch schlecht?»

«Nein, aber schau.»

Du hast recht. Plötzlich lichten sich die Nebel. Wir steigen hinab aus dem Passatwind, in eine weite, entsetzlich schöne Mehrfachschlucht. Tief unten der glitzernde Atlantik, das grüne Tal der Erfüllung, wo sich vor fünfzig Jahren die ersten deutschen Aussteiger in Licht und Stille auflösten. Im Bus: Erleichterung. Erwartung. Dreadlocks richten sich auf. Hiking-Schuhe beginnen zu scharren. Die Sonne! Sie ist nicht gestorben. Wir erreichen ihr Zuhause. Soll ich einen Lichtkult eröffnen? Endstation Valle Gran Rey.

Recherche I – Der Detailhandel

Alle schreiben immer, der Hippiespirit sei aus dem Tal verschwunden. Dass dort jetzt nur noch der Euro zählt, den man Hikingspiessern und Lehrern abnimmt. Unsinn! Alles ist relaxt, alles meditiert, und wir sitzen in der offenen Donnerstagsgruppe dieser tollen «Heilpraktikerin für Psychotherapie» ganz in der Nähe unseres – Pool, Apartment, Service: keine Beanstandungen – ebenfalls tollen Resorts.

Das Thema des Abends: «Spürbewusstsein». Zunächst jedoch stellt jeder kurz sich und seine Neurosen vor. Wie leicht es mir fällt, von mir zu reden! Bisher dachte ich immer, ich existiere gar nicht. Nach dem Aufwärmen kleine sexy Übungen. Wir wandern durch den Raum, bleiben stehen, schauen uns jeweils eine halbe Minute in die Augen, achten gleichzeitig auf das, was wir empfinden. Eine ruhige, spirituelle, heilsame Form des Irrsinns. Dazu preiswert. Nachher wandern wir durch das halbe Dutzend Gassen der Valle-Metropole Vueltas. Wind weht, die Luft ist wie Samt, die Sonne steht schräg, die Nacht wartet. Ende Mai, Nebensaison, wir sind fast allein. Trotzdem haben die Indientücher+Pluderhosen+sonstiger-Alternativkram-Boutiquen, die Kunstgewerbler, die sanften Delphinbeobachtungs-Drive-ins geöffnet. Vor einer Galerie sitzen eine Frau und ihr Hündchen. Die Frau, millionenprozentig Deutsche, raucht Selbstgedrehte; sie ist interessant gekleidet.

«Hallo, dürfen wir stören?»

«Na klar.»

«Wie ist es so, vor einem Laden zu sitzen, der niemals Kundschaft hat?»

«Haha, manchmal kauft schon jemand was. Wir haben schöne Sachen. Von tollen Künstlern.»

«Alle aus dem Tal?»

«Na klar.»

«Und allgemein? Die Atmo und so weiter? Ich frage, weil wir hier leben wollen.»

Die Frau überlegt. Sie sieht aus, als hätte sie in Deutschland einiges erlebt. Aber cool. Irgendwie gut.

«Toll», sagt sie schliesslich. «Nach wie vor. Aber es gibt Leute, die unter die Räder gekommen sind. Eine Menge Leute.»

«Yeah, vielen Dank. Jetzt kaufe ich... ein Bild.»

«Wow! Welches?»

«Sag du’s mir. Spür es.»

Recherche II – Die Finca

Zwei Tage später, mittlerweile muss ich meine Gefühle für das Licht, die Bananen-, Avocado- und Was-weiss-ich-Haine, für das ewige Meer, die schroff über dem Tal thronenden, abends rot glühenden Felskathedralen als manifeste Hysterie bezeichnen, ich liebe alles, die Feuertänzerin am Strand von Playa de Calera, die lethargischen Trommler, die muffeligen Gomeros, die Wanderwutbürger, und es ist unglaublich, was diese Palmen in mir anrichten – zwei Tage später also sind wir auf einer wenig vertrauenerweckenden Schotterpiste unterwegs. Direkt am Meer, unter einer erosionsaffinen, Hunderte Meter hohen Vulkansteinwand. Unser Ziel: die Finca Argayall. Spirituelles, vor Jahrzehnten von Sannyasins gegründetes Geschäftszentrum des Tals. Gelegen am Ende eines mörderischen Barranco.

Haben es dem Autor angetan: Das Meer, die Felsen, das Licht von La Gomera. Foto: Getty Images

Wir betreten das Areal, sofort umhüllt uns der Spirit, vereinzelt liegen Nackte herum, gestrandete weisse Wale. Ich versuche Fotos zu machen, überschlage Vor- und Nachteile des Erpresserhandwerks, dann nimmt uns ein Wesen in Empfang, führt uns über das Gelände. Überall tropische Gewächse, es wuchert und grünt – aber geplant, als Teil einer Idee. Ein gelehriger Garten Eden. Dazu natürlich Stille. Vögel. Der rauschende Atlantik.

Ich fühle mich (mal wieder), als wäre ich angekommen, während wir hinauf zu dieser kleinen Halle steigen. Eine Andachtsrotunde mit Sonnentor im Dach. Achtsame Architektur, ständiger Kontakt zu den Naturgeistern. Anschliessend sechzig Minuten Konzentration. Eine Stunde Spezialyoga. Unsere Lehrerin arbeitet engagiert und ernst. Offenkundig glaubt sie an ihre Mission. Sobald ich eine Mission habe, werde ich es ihr gleichtun.

Bewegungen im Rhythmus der Brandung, ich kommuniziere mit meinen Chakren, du hältst spielend die Körperspannung. Mein Inneres ist ein Behälter ohne Businessplan, die Finca hat, wie ich später erfahre, sogar eine «Geschäftsführungsebene». Auf dem Heimweg der intensive Verdacht, vierzig Jahre zu spät gekommen zu sein. Ist die Insel final erschlossen? Noch gebe ich nicht auf, noch werde ich mich nicht zu den Gammlern von Playa de Calera gesellen. Aber ich freue mich schon darauf.

Initiative

Tage fliessen ineinander. Jede Nacht die geisterhaften Klagen dieser unsichtbaren Vögel. Unfassbar gutes, gesundes, irre machendes Wetter. Ich habe vergessen, wie es ist, an einem anderen Ort zu leben. Ich habe vergessen, dass es andere Orte gibt. Im Einklang mit allem, versöhnt mit meinen Strukturen, spaziere ich also eines (sehr schönen) Tages auf unsere Terrasse, stelle mich hinter dich und lese, was du für deine «Erbgrosstante Monika» auf eine simple Postkarte zu quetschen versuchst:

«Liebes Tantchen, viele Grüsse von La Gomera. Das ist eine einsame Kanareninsel ein paar Hundert Kilometer westlich von Afrika. Ohne Touristenburgen und Rummel, dafür mit wilden Schluchten, ganz viel Grün und dem besten Klima der Welt. Wir haben uns deswegen entschlossen, hierzubleiben und eine Aufzuchtstation für Eselswaisen zu eröffnen. Kleine Esel laufen hier nämlich überall herum und schreien nach ihrer Mutter. Besonders in den warmen Nächten. Zu Deiner Information: Hier ist es jede Nacht warm. Das passende Objekt ist bereits gefunden, eine Finca in einem abgelegenen Seitental. Stallungen und Wiesen sind vorhanden, dazu Gärten, Palmen, Mangobäume, Bananenfelder usw. Wir möchten Zieheltern, Züchter und Bauern werden, doch uns fehlen noch 50'000 Euro, um das Anwesen zu übernehmen. Es wäre super, wenn Du uns und den Eselchen helfen könntest. Deine Grossnichte A. (die mit den grossen Bildern).»

Ich setze mich, schaue dir tief in die Augen. Die funkeln und sprühen. Es sind die Augen einer zu allem entschlossenen Unternehmerin. Einer Frau, die ihre Visionen nicht therapiert, sondern realisiert. Trotzdem, es bleiben Spurenelemente von Zweifel:

«Babe, ich habe in der ganzen Zeit im Tal nicht einen Esel, erst recht keine Eselswaisen gesehen.»

Du zuckst mit den Schultern. «Na und? Die verstecken sich eben.»

«Warum sollten sie das tun?»

«Vielleicht, weil sie keine Eltern haben und deswegen tagsüber lieber im Nest bleiben?» Dein Blick so direkt und offen, als wäre die Antwort absolut evident. Als wäre ich einer von diesen Kleinaktionären, denen man alles x-fach erklären muss. Eine Geckowaise zuckt die Terrassenmauer herauf. Von Ferne höre ich, wie jemand in den Pool springt. Im Hintergrund das Meer. Die Sonne. Die Schwingungen.

Standortfaktoren (negativ)

Wochen gleichförmigen Singsangs. Immer noch keine Nachricht von Tante M. Unsere Rückreisetickets verfallen, unsere Kontoguthaben ebenfalls, und ich weiss, sollte ich jemals von hier wegmüssen, werde ich sterben. Dennoch, meine Wahrnehmung bleibt objektiv, die Perspektive investigativ. Denn wie jedes Paradies hat auch die Insel, speziell das Valle Gran Rey, Schattenseiten.

Restaurants? Besser nicht. Irgendwie Fisch, möglichst einfallslos zubereitet, dazu schrumpelige Kartoffeln, Eisbergsalat. Schlimmer noch als das Essen: die Oberflächlichkeit. Menschliche Bindungen im Zweiwochenrhythmus der Urlauberschübe. Andererseits aber dörfliche Enge unter den Dauerinsassen. Immer wieder hören wir Klagen über soziale Kontrolle, über Machtspielchen, sogar Intrigen. Offenkundig treten unter den New-Age-Migranten jene klassischen Mechanismen zutage, die noch die fröhlichste Kommune in ein wuttapeziertes Tollhaus verwandeln können. Die insgesamt das Wesen menschlichen Zusammenlebens ausmachen. La Gomera – Eiland der Verlockungen: Wer Alkohol mag, wird ihn hier noch lieber mögen. Wer Drogen als Teil seines Frühstücksrituals betrachtet, wird hier zum Frühaufsteher.

La Gomera steht für den Trip nicht in eine, sondern viele Vergangenheiten.

Die Schluchten, die kokainhaltigen Schneestürme, die saugenden Meeresströme – die Insel ist voll Gefahren. Für labile Charaktere, für Zeitgenossen ohne Langeweileresistenz mag es daher bessere (oder gar keine) Lösungen geben. Auch wer allergisch auf Deutsche reagiert, ist in Deutschland besser aufgehoben. Kultur, Verfeinerung, Diskurse? Auf La Gomera liest man den «Valle-Boten», eine in unregelmässigen Abständen erscheinende Publikation, in der sich zotig-reaktionärer Endsiebziger-Freakhumor und alternativer Lokaljournalismus zuzwinkern.

Generell muss klar sein: Wer nach La Gomera kommt, reist in eine Bundesrepublik, in der Helmut Kohl gerade den hanseatischen Pflichtkanzler Schmidt entmachtet hat. Gleichzeitig zupfen sich Grunge-Nostalgiker im Frühneunziger-Zottelhaar herum, trommeln knitterige Blumenkinder gegen eine gleichgültig untergehende Sonne an. La Gomera steht für den Trip nicht in eine, sondern viele Vergangenheiten. Ein sechzig Millionen Jahre altes Freiluftmuseum. Mit anderen Worten, es ist interessant hier.

Trotz allem. Wegen allem. Es ist inspirierend, regelrecht existenziell. Intensiver als an anderen Urlaubsdestinationen fragt man sich an diesem Ort, was der Quatsch eigentlich soll, mit dem man zu Hause sein Leben verhängt. Job, Miete, Menschen – im Valle Gran Rey bekommen derlei Faktoren zunächst einen verschwommenen Schimmer, dann etwas vollkommen Irreales. Sie verschwinden, verwandeln sich in Anekdoten aus der – Zitat «Valle- Bote» – «kalten Heimat».

La Gomera bedeutet deswegen vor allem Entscheidungsdruck: Will man wirklich zurück in all den Schwachsinn, die Hektik, in die Instagram-Abenteuer? Oder ist es besser hierzubleiben, sein Geld zu verballern und anschliessend zu überprüfen, wie Lichtnahrung schmeckt? Sollte man nicht einmal im Leben frei sein? Diese Konstellation, diese Zweifel zu Geld zu machen – genau deswegen bin ich hergekommen. Doch bisher ist nichts geschehen. Bis auf die Esel ist uns nichts eingefallen. Im Gegenteil, jene Stimmung, die meinen Lebensunterhalt sichern sollte, hat längst begonnen, meine gewöhnlich stählerne Start-up-Mentalität zu zersetzen.

Andererseits: Morgen ist ein neuer Tag. Jeder Tag ist ein Geschenk. Ich werde mir daher dieses weite, weisse, idiotische Meditationshemd kaufen. Das mit den eingewobenen Gebetsglöckchen.

Risiken

Zeit? Ich begreife nicht mehr, was das ist. Wozu sie eingeteilt wird. Am 27. Mai 2018, einer sinnlosen Zahlen-Buchstaben-Kombination, die von meiner Seite wie all die anderen mit Sport, Gebeten und Alkohol sowie mit zusehends albernen strategischen Überlegungen gefüllt wurde, sitzen wir gegen 23 Uhr zwischen den massiven Gesteinsblöcken an der Playa del Inglés, wo das Meer, wie ein Schild stolz vermerkt, in den vergangenen zehn Jahren nicht weniger als 45 Urlaubern den Weg in ein noch kostengünstigeres Nirwana geebnet hat. Natürlich sind wir trotzdem gut gelaunt. Wir trinken Cerveza. Der Mond ... scheint. Er ist es, der die tückische Strömung dirigiert. Schwimmer, die die Brandung überlebt haben, werden abgeholt und geräuschlos herausgezogen. Die See nimmt und schenkt Leben. Sanft komponiert sie Schwärme parallel zur Küste. Sie überzeugt die Fische, sich als Proteinsnack für jene Wesen zu definieren, deren Rufe uns jede Nacht in die Träume verfolgen. Heute allerdings: Fehlanzeige. Brandung, sonst nichts.

«Was ist los mit den Viechern?», frage ich. «Streiken die?»

«Das sind Gelbschnabel-Sturmtaucher», klärst du mich auf. «Die verbringen ihre Tage draussen auf dem Meer. In der Dämmerung versammeln sie sich vor der Küste und kehren in der Dunkelheit zu ihren Nestern in den Klippen zurück.»

«Okay, aber dunkler wird es heute nicht mehr. Guck dir den Mond an. Ich meine, sollen wir trommeln oder was?»

«Entspann dich, Babe», sagst du. «Hast du heute noch was vor?»

Also entspanne ich mich. Ich liege auf dem Rücken im warmen Vulkansteinsand. Der Mond benimmt sich professionell. Sterne wandern und glitzern, obwohl sie wahrscheinlich noch erloschener sind als meine beruflichen Ambitionen.

Abflug

Die Hütte, die Hochebene, der Wind – wir sind zurück in La Mérica, auf Höhe der Wolken. Dort hinten, vermelden gewisse meskalinbefeuerte Kognitionszentren, wachsen Brasiliens Konturen in den verstörend blauen Atlantikhimmel, und der Wanderführer sagt: Ab jetzt wird alles cool. Ein Zen-Spaziergang zu einem Gemeinwesen namens Arure. Erst die sanfte Ebene, dann ein eleganter Höhenkamm, später ein Bus zurück ins Tal. Keine gespenstischen An- und Abstiege mehr. Stattdessen spürbewusstes Spazierengehen. Träumen. Dem Nordostpassat beim Spielen zusehen.

«Sollen wir? Bist du wieder okay?»

«Ja», sage ich. Solange ich denken kann, war ich noch nie okay. Das liegt daran, weil ich mich permanent am falschen Ort aufgehalten habe. Als Vulgärsoziologe glaube ich seit jeher: Umgebung ist alles! Auch Menschen sind Umgebung, doch nicht so wichtig wie zum Beispiel das Meer. Die Pflanzen. Wäre ich mit den Palmen hier aufgewachsen, mein Gehirn würde einen geringeren Säuregehalt aufweisen. Die Insel hätte mich zu einem zufriedenen Menschen geformt. Das ist der Grund, warum ich hier bin. Ich bin gekommen, um meine Sozialisation zu revidieren, um mich und meine Kreditkarten zu heilen.

«Alles okay», sage ich noch mal. Du schaust mich forschend an. Was ist los, sehe ich aus wie ein Irrer? Ich stehe also auf, begleitet vom Summen der Bienen, vom Gebimmel meines Meditationshemds. Ja, ich bin bereit. Auf nach Arure! Entschlossen schaue ich in die Richtung, in der ich unser Ziel vermute. Im Norden hat sich eine neue Nebelwand gebildet, der Passat macht immer weiter, wir wandern mitten in eine Feuchtigkeitsemulsion hinein, und knapp eine Stunde später befinde ich mich in einer Situation, auf die mich niemand im Tal, niemand auf der Bhagwanspinner-Finca, erst recht nicht dieser verbrecherische Wanderführer vorbereitet hat. Was soll ich jetzt machen? Das Vieh transzendieren? Einfach vorbeischweben? Zwei kalt-braune, ausdruckslose Augen beobachten mich; ich wittere eine archaische, territorial motivierte Aggressionsbereitschaft.

Die Lage in Stichworten zusammengefasst:

Ein anderthalb Meter breiter, knapp unterhalb des Gipfelkamms angelegter Wanderpfad. Linke Seite: Fels, immer wieder kleine Höhlen, manche davon offensichtlich als Ställe genutzt. Auf der rechten Seite: Luft; Hunderte von Metern. Direkt vor mir ein massiver Ziegenbock, an einer Kette festgemacht, jedoch mit genügend Spielraum, um die gesamte Breite des Wegs zu kontrollieren.

«Komm! Einfach vorbeigehen.»

Du schaust mich an. Der Bock schaut mich an. Ich vergleiche eure Blicke. Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Unterschiedliche Motivationen, gemeinsame Strategien. Es ist klar, dass in Sachen Insel nun der entscheidende Moment gekommen ist. Eine Art Initiationsritus. Ein Aussteigergesellenbrief. Ich mache einen vorsichtigen Schritt. Ich befinde mich exakt auf der Mitte des Pfads. Eine Position zu nah am Fels könnte meinen Kontrahenten beleidigen, weiter rechts hingegen wird der Sog des Abgrunds unwiderstehlich.

«Babe, ruhig. Er macht nichts.»

Ich antworte nicht. Ich höre nichts. Schweiss rinnt mir in Strömen herunter. Der nächste Schritt. Dann noch einer. Das Tier steht da wie eine naive Skulptur. Wie ein primitiver Gott. Diese Augen – was ist mit denen? Ist das Melancholie? Plötzlich entdecke ich.....Traurigkeit. Resignation angesichts der eigenen Boshaftigkeit. Tieren soll man nicht in die Augen starren. Tiere mögen es nicht, wenn man ihnen wie ein verdammter Psychiater kommt. Also schaue ich wieder dich an. Ich sauge mich an deinem Gesicht fest. Du sagst noch mal: «Komm!»

Zentimeter für Zentimeter durch die Gefahrenzone. Ich stelle mir vor, wie ich von dieser Geschichte berichten, wie ich sie ausschmücken und verfälschen werde. Bald ist es überstanden. Du hast recht, bald kann ich wieder atmen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich weiterlebe, steigt mit jeder Sekunde, die ich weiterlebe. Doch dann: eine Bewegung. Wahrgenommen im äussersten Augenwinkel. Dazu ein Geräusch. Ein Schnauben. Der Stoss, der mich einen Sekundenbruchteil später in der Flanke trifft, ist schon keine Überraschung mehr. Im Gegenteil, er ist eine Befreiung. Verblüffend ist allein die Wucht. Ich werde nach rechts geschleudert, meine Hände suchen nach Halt, einem Geländer, nach irgendetwas. Aber da ist nichts mehr, nur dieser Moment von beträchtlicher Intensität, von anfallartiger Kreativität: «Der ehrliche Gomera-Wanderführer» (Todesgefahr in Prozentangaben), «Erbtante Monikas Eselshospiz», «Das grosse gomerische Chakren-Kochbuch» – endlich, endlich liefert mein Gehirn Resultate. Was ist mit Engländern drüben in Los Cristianos? Tao-Tabledance? Bewusstseinsbingo? Zerebrale Hochspannung. In mir explodiert es förmlich. Die Ideen fliegen mir zu, sie fliegen mit mir. Und dein Lächeln. Deine Augen. Ich möchte, dass du glücklich wirst auf dieser Insel, hörst du? Mal deine Bilder.

Der Fahrtwind nimmt zu. Die Glöckchen klingeln.

Der Schriftsteller Christoph Höhtker lebt in Genf. 2016 war er für den Schweizer und 2017 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Zuletzt erschien von ihm im Weissbooks-Verlag «Das Jahr der Frauen».

(Das Magazin)

Erstellt: 21.07.2018, 18:27 Uhr

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