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Zum Dahinschmelzen

Auf einem Logenplatz bei Chamonix erlebt ein Grandhotel eine Renaissance. Das Terminal Neige – Refuge du Montenvers ist eng verbunden mit Frankreichs grösstem Gletscher.

Die blanken Felsufer zeigen klar, wie stark der Eisstrom geschrumpft ist. Foto: PD
Die blanken Felsufer zeigen klar, wie stark der Eisstrom geschrumpft ist. Foto: PD

Ein bisschen streng gucken sie schon, die Edelgäste von einst. Von jeder Tür starren sie einen an: Charles Dickens, Franz Liszt, Marie Louise von Österreich, Lord Byron. Sie alle kamen nach Montenvers, um wie Goethe den «Eisstrohm» zu sehen, der «stufenweis biss hinunter in's Thal dringt». Mary Shelley machte das Mer de Glace sogar zum Schauplatz einer Szene in ihrem «Frankenstein».

Seit 1880 steht das Grandhotel hier auf einem Logenplatz in 1913 Metern Höhe, ein massiger Steinbau, vier Stockwerke, weiss-rote Fensterläden. Ende 2015 übernahm die französische Hotelkette Sibuet es von der Firma, die den historischen Zug nach Montenvers und die Seilbahnen in Chamonix betreibt. «Vor der Renovierung war es, nun ja, rustikal», sagt Jérémy Brunet, der 30 Jahre alte, neue Chef des Terminal Neige – Refuge du Montenvers wie das Hotel über dem dahinschmelzendem Gletscher jetzt heisst. Über Jahre wurde wenig investiert, langsam verblich der Glanz, verfiel die Grandezza.

Als das Hotel im September 2016 schloss, wurde als Erstes das Dach abgerissen und erneuert, dann der Rest umgebaut. «Aus drei Zimmern wurden zwei», erklärt Brunet, um Platz für das Bad zu schaffen. Vorher gab es nur Etagenbäder. Die Zahl der Zimmer blieb ungefähr gleich. Dafür wurde das Museum im ersten Stock geopfert.

Neue Möbel wirken alt

Das Holztäfer im Speisesaal und in den Zimmern durfte bleiben, wegen der Patina. Betten, Möbel und Dekoration sind neu - und sollen doch alt wirken, was hübsch ist, aber manchmal unfreiwillig komisch. Lederkoffer auf Holzbeinen dienen als Nachttische, das tiefe Waschbecken hat altmodische Armaturen. Der Boden ist mit braunem Teppich in Holzdielen-Optik ausgelegt. Die echten Dielen hätten zu laut geknarzt, sagt Brunet.

Wie es hier in den ersten Jahrzehnten des Alpintourismus zuging, lassen die Zeichnungen und Schwarz-Weiss-Fotos an den Wänden erahnen. Bilder von Bergsteigern, die auf Holzleitern über Gletscherspalten kraxeln, von Herren in Anzug und Zylinder, von Damen, die in langen Röcken und mit breiten Hüten übers Eis spazieren - oder sich in Sänften tragen lassen.

«Eisfluss» wäre ein angemessener Name

Wenn die Bilder nicht lügen, floss der Gletscher damals nahe am Hotel vorbei. Mer de Glace nannte ihn der britische Bergsteiger William Windham bereits im Jahr 1741, Eismeer. Heute wäre freilich der Name Rivière de Glace passender, Eisfluss. Die blanken Felsufer zeigen klar, wie stark der Eisstrom geschrumpft ist. Der längste Gletscher Frankreichs bleibt er trotzdem.

Musse für ungestörten Naturgenuss findet man zwischen den Zugladungen von Tagesausflüglern eher schwer. Wer zumindest ein bisschen Ruhe sucht, steigt eine halbe Stunde hinauf zum Aussichtspunkt Le Signal, markiert durch einen Wald von Steinmännchen. Hier endet auch der Höhenweg, der von der Mittelstation der Aiguille du Midi herüberführt, zu Recht Grand Balcon Nord genannt. Der Balkonweg ist weit davon entfernt, ein Geheimtipp zu sein. Familien, Bergläufer und Reisegruppen aus Ostasien in Handschuhen und Riesenschirmmützen sind unterwegs, immer wieder muss man ausweichen. Oder warten. Aber was macht das schon bei der Aussicht?

Der Balkonweg ist leicht, aber kein Spaziergang. Jérémy Brunet sagt, es passiere immer wieder, das Wanderer hier ankommen und feststellen, dass sie den letzten Zug verpasst haben. «Sie schauen sich die Zimmer an, hören den Preis und sagen: Okay, wir bleiben trotzdem.»

«Es ist eigentlich nicht Luxus»

Bereuen werden es die wenigsten. Wenn am Abend der letzte Zug ins Tal gefahren ist, wird es ruhig und familiär im Hotel. Die wenigen Übernachtungsgäste versammeln sich zum Dinner im Wintergarten. Bei gutem Wetter sehe man durch die neue Glashülle den Sonnenuntergang, sagt Brunet, und manchmal kämen Hirsche aus dem Wald. Vor allem im Nebel bleibt das Gefühl, an einem entrückten Ort zu speisen. Den Salat mit Bergkäse und Nüssen, die Kalbspastete und das Tartiflette, einen Savoyer Kartoffel-Käse-Auflauf würde man auf einer normalen Alphütte eher nicht bekommen. Wer will, kann sich dazu eine Flasche Château Mouton-Rothschild von 2003 für 530 Euro bestellen. Steif und manieriert geht es trotzdem nicht zu. Die Kellner sind jetzt, da der Tagestrubel vorbei ist, locker und witzig, die Gäste leger angezogen und ebenso entspannt.

Wie sagte Jérémy Brunet über sein Hotel? «Es ist eigentlich nicht Luxus. Aber an diesem Ort schon.»

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Refuge du Montenvers, ganzjährig geöffnet, Doppelzimmer mit HP ab 210 Euro, ein Bett im Zehner-Schlafsaal inkl. HP ab 80 Euro, montenvers.terminal-neige.com

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