Zeitreise auf Naturpisten

Der Schweizer Entwicklungshelfer Tobi Gessler organisiert geführte Mountainbike-Touren in Albanien. Das Land ist voller Widersprüche, die Gastfreundschaft umwerfend.

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Als wir in den Obstgarten von Giyle, 62, eindringen, neigt sich der Tag dem Abend zu. Wir sind verschwitzt und verstaubt. Die Bäuerin ist damit beschäftigt, Äpfel zu pflücken, gemeinsam mit ihrem Mann Pjetër, 70, der auf einen der Bäume gestiegen ist. Die Ankunft der Ausländer auf Velos versetzt die beiden in helle Aufregung.

Ausgerechnet durch ihren Garten führt unser Pfad. Das ärgert sie nicht etwa. Im Gegenteil: Giyle und Pjetër empfinden die bunt behelmten Gestalten, die sich seit ein paar Monaten in unregelmässigen Abständen durch das Gartentor zwängen, als willkommene Abwechslung. Sie plaudern und lachen mit dem albanischen Bikeguide Orgest, 23, beschenken uns mit Äpfeln und Trauben. Und als ob dies noch nicht genug wäre, holt Pjetër auch noch eine Flasche Raki aus dem Haus.

Solche Begegnungen machen die organisierte Bikereise durch die albanische Provinz zu einem unvergesslichen Erlebnis. Das Land ist touristisch absolut unverbraucht. Hier freuen sich viele noch richtig, in direkten Kontakt mit einem Fremden zu treten – und manche staunen, warum die Ausländer überhaupt anreisen. In einer Zeit, in der so viele Landsleute nichts wie weg wollen.

Albanien ist eines der ärmsten Länder Europas. Noch immer hat sich der Balkanstaat nicht von der Misswirtschaft unter dem kommunistischen Diktator Enver Hoxha erholt. Der Despot war 40 Jahre lang an der Macht und steckte mehr als 100 000 seiner Genossen in Straflager – bei einer Bevölkerung von bloss 3 Millionen. Zu allem Übel investierten viele Albaner nach dem Kollaps des Regimes ihr Geld in ein Schneeballsystem, das 1997 zusammenbrach und das Land an den Rand eines Bürgerkrieges trieb.

Unterkünfte mit Familienanschluss

Heute sind zahlreiche Hilfsorganisationen in Albanien aktiv. Mit einer davon kam der Zürcher Tobi Gessler vor fünf Jahren nach Südosteuropa. Bald verliebte er sich in Land und Leute. Dem ehemaligen Detailhandelsangestellten, Velokurier und Sozialarbeiter wurde es als Verwalter von Entwicklungsgeldern schnell langweilig: «Die Bürokratie ist nichts für mich, ich wollte etwas bewegen und näher bei den Leuten sein.»

In der Freizeit erkundete der Schweizer das Hinterland der Hauptstadt Tirana und erkannte das Potenzial der Holperstrassen und Naturpisten als Paradies für Liebhaber von Stollenpneus und Federgabeln. So kam er auf die Idee der Bikereisen und gründete die Agentur Ride Albania Mountain Biking.

Konzipiert hat Gessler die Tour mit Orgest Noka, den er an einem Mountainbike-Rennen kennen gelernt hatte. Ein Glücksfall, in ­Albanien gibt es noch nicht viele Biker. Orgest spricht nicht nur Englisch, sondern auch Deutsch.

Unser Programm mutet so an, als ob sich die beiden Reiseleiter von der SRF-­Serie «Einfach luxuriös» hätten inspirieren lassen: In den Städten nächtigen wir meistens im besten Hotel, auf dem Land in bescheidenen Unterkünften mit Familienanschluss. Beides hat seinen Reiz. In den Hotels können wir uns zwischen gestärkten Laken und glänzendem Marmor bestens von den Strapazen erholen, in den Privathäusern kommen wir in Berührung mit der albanischen Realität – und das heisst mitunter auch einmal Katzenwäsche, weil die Wasserpumpe auf dem Hof gerade streikt.

Wir treffen immer wieder auf harte Gegensätze: Wenn in einem Bergdorf ein perfekter Espresso aus einer italienischen Kolbenmaschine tröpfelt. Wenn ein Mercedesfahrer mit einem Eselstreiber ins Gespräch vertieft ist. Wenn Männer zum Ruf des Muezzins mit Traubenschnaps anstossen. Oder wenn wir unsere hungrigen Bäuche mit Qull vollstopfen, einer Art Polenta aus geröstetem Mais und Butter, so einfach und so gut.

Hinter der Idylle verbirgt sich Armut

Zuweilen hat die Biketour etwas von einer Zeitreise: Die Landschaft ist dekoriert mit Garben, immer wieder begegnen wir Bauern mit Maultieren, und in manchen Dörfern beschleicht uns das Gefühl: Genau so muss es im Tessin vor 100 Jahren ausgesehen haben.

«Auf den ersten Blick eine Idylle, aber dahinter steckt oft bittere Armut», sagt Entwicklungshelfer Tobi Gessler. Sein Ziel sei es, den Gästen dieses Albanien zu zeigen, solange es noch existiere, und gleichzeitig etwas zur Entwicklung des Landes beizutragen.

Obwohl im ersten Betriebsjahr bereits zwei Touren komplett ausgebucht waren, sieht sich Gessler nicht als Vollzeit-Unternehmer: «Die Agentur soll meine Visitenkarte werden.» Langfristig wolle er Organisationen beim Entwickeln von Projekten im sanften Tourismus beraten, so der 36-Jährige. Vom Biken allein kann der Zürcher selbst in Albanien nicht leben, darum arbeitet er in den Wintermonaten in der Schweiz.

Im Obstgarten von Giyle ist Tobi Gessler nicht dabei. Er fährt an diesem Tag den Begleitbus. Bei der Ankunft am Etappenort freut er sich über unsere Abenteuer und lacht, als wir ihm erzählen, dass Orgest dermassen vom Raki angetan war, dass er Giyle eine Flasche abkaufen wollte, zum doppelten statt des normalen Preises. Dass beinahe ein Streit entbrannt sei, weil die Bäuerin den Zustupf von umgerechnet zwei Euro auf keinen Fall annehmen wollte. Gastfreundschaft kommt vor Geld – obwohl wir doch gerne einen Obolus für das Obst in unseren Rucksäcken dagelassen hätten.

Die Reise wurde unterstützt von Baumeler Reisen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 27.04.2018, 17:23 Uhr

Mountainbike-Ferien in Albanien

Anreise: Flug mit Adria Airways über Ljubljana nach Tirana, www.adria.si; per Zug via Mailand nach Bari, Fähre nach Durrës

Veranstalter: Baumeler Reisen, Tel 041 418 65 70. www.baumeler.ch. Der Luzerner Veranstalter organisiert wie etwa Eurotrek auch Wanderreisen in Albanien.

Arrangement: Eine einwöchige Bikereise in Albanien kostet bei Baumeler ab 1100 Fr. p.P. inkl. Unterkunft und Vollpension (ohne Anreise). Daten 2018: 19.5.–26.5., 21.7.–28.7. und 29.9.–6.10.

Velomiete: Wer sein eigenes Bike nicht mitbringen will, kann vor Ort bei Ride Albania Mountain Biking ein Hardtail mit 29-Zoll-Rädern für 180 Franken für die ganze Tour mieten. www.ride-albania.com

Tipp: Die Tirana Free Walking Tour. Sie startet täglich um 10 Uhr auf dem Skanderbeg-Platz. www.tiranafreetour.com

Allgemeine Infos: www.albaniantourist.com

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