Steht die Ampel auf Grün, kann es losgehen

Tellerlifte am Berg, ein modernes Familienresort mit 416 Betten im Dorf: Wie Vercorin VS die Balance zwischen zeitgemässem Wintertourismus und Nostalgie schafft.

Die Arbeit vor dem Vergnügen: Die vorsintflutlichen Tellerlifte auf der Crêt du Midi verlangen den Wintersportlern einiges Geschick ab. Fotos: PD

Die Arbeit vor dem Vergnügen: Die vorsintflutlichen Tellerlifte auf der Crêt du Midi verlangen den Wintersportlern einiges Geschick ab. Fotos: PD

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Wer denkt, er beherrsche das Skiliftfahren, war noch nie im Walliser Skiort Vercorin. Nach der Fahrt in der topmodernen Gondelbahn vom Dorf hinauf zur Bergspitze Crêt du Midi (2300 Meter über Meer) steht man vor einem halben Dutzend Tellerliften, die sämtliche Modernisierungsschübe des alpinen Skisports überlebten.

Am Lift geht es vor allem darum, die Balance zu wahren.

Allein das Bild, das die Skilifte abgeben, ist spektakulär. In Vercorin regeln Ampeln den Skiliftbetrieb. Leuchtet die Ampel grün, muss es blitzschnell gehen. Vom Ergreifen der Stange bis zur Platzierung des Tellers unter dem Hintern darf kaum Zeit verstreichen. Federungen gibt es wohl, aber man spürt sie kaum. Auf den ersten Metern am Berg geht es vor allem darum, die Balance zu wahren.

Rüde ist der Transport mit Vercorins Skiliften. Man muss das Liftfahren trainieren. Jüngere, auf Sesselliften gross gewordene Skisportler haben Ähnliches wohl nie erlebt. Ältere werden sich an Zeiten erinnern, in denen der einzige Komfort von Liften darin bestand, die Berge nicht selbst erklimmen zu müssen.

Entspannt dagegen sind die Abfahrten. Man gleitet über sanfte Hügel und breite Pisten, trifft kaum auf eisige Steilhänge und geniesst die Aussicht auf die Walliser Bergwelt. Von der Crêt du Midi erblickt man die Chalets im Dorfzentrum und bei gutem Wetter die Berner Alpen.

Ein Spielzimmer für Kinder

Gleitschirmflieger haben hier einen Startplatz eingerichtet. Sie profitieren von starken und stabilen Aufwinden. Und selbst am sonnigsten Pulverschneewochenende kann man sich einer Sache sicher sein: Ab 11 Uhr versammeln sich die Walliser Familien auf der Terrasse der Bergbeiz zum Apéro.

Auf der Crêt du Midi bäckt ein Pizzaiolo Pizzas zu moderaten Preisen.

Das bedeutet: Man ist ziemlich alleine auf der Piste, erst Anfang Nachmittag füllen sich die Hänge wieder. Dann bleibt noch genügend Zeit, den Beizenbesuch nachzuholen. Das Restaurant ist durchaus attraktiv. Auf der Crêt du Midi bäckt ein Pizzaiolo Pizzas zu moderaten Preisen. Und mittendrin steht ein Spielzimmer, in das Eltern ihre Kinder schicken können.

Der Wintersportort Vercorin hat schwierige Zeiten hinter und zahlreiche Herausforderungen vor sich. Das gilt für das ganze Wallis, wo die finanzielle Lage vieler Skigebiete angespannt ist. Der Wintertourismus darbt. Der starke Franken verteuerte die Gästebetten in den letzten Jahren im Vergleich zum Ausland erheblich. Und nicht immer fiel genügend Schnee. Die Übernachtungszahlen gingen zurück, es fehlte das Geld für Investitionen in Hotels, Freizeit- und Wintersportanlagen.

Den Einwohnern ist das intime Dorf­leben wichtiger als exzessiver Fremdenverkehr.

Diese Entwicklung traf das 600 Einwohner zählende Vercorin hart. Geografisch gehört der Ort zum pittoresken und bei Touristen beliebten Val d’Anniviers. Doch Vercorin liegt entlegen, hat kaum Hotels und sehr wenige Restaurants. Vom Tourismus des Val d’Anniviers profitiert man kaum.

Und nach Grösse hat man hier nie gestrebt. Bis heute gilt, dass ein Übermass an Tourismus samt wuchtiger Hotelbauten den intakten historischen Charakter des Chaletdorfs gefährden würde. Den Einwohnern ist das intime Dorf­leben wichtiger als exzessiver Fremdenverkehr.

Geografisch gehört der Ort zum pittoresken Val d’Anniviers.

Allen Vorsätzen zum Trotz musste sich Vercorin in den letzten Jahren touristisch öffnen, um nicht ganz von der Karte der Walliser Wintersportorte zu verschwinden. Das Bergbahnun­ternehmen Télévercorin investierte 2012 über 10 Millionen Franken in eine neue Gondelbahn hinauf zur Crêt du Midi. Doch ein grosses Problem blieb. Es fehlten Hotelbetten für jene Touristen, welche die neuen Kapazitäten nutzen und die Investition decken sollten.

Also wagte Télévercorin den nächsten Schritt. Das Unternehmen besass direkt neben der Talstation ein Grundstück, ideal für ein neues Hotel. Der Walliser Immobilieninvestor Mountain Resort Real Estate Fund zeigte sich interessiert. Fünf Jahre nach der Eröffnung der Gondelbahn wurde letztes Jahr in Vercorin ein Swiss­peak Resort eingeweiht. Ähnliche Anlagen gibt es in den Winterdestinationen Zinal VS und Brigels GR.

Von der Piste ins Spa

Das Swisspeak Resort besitzt 101 Ferienwohnungen mit 416 Betten. Die Anlage ist gross, wirkt aber nicht massig. Die hellen Appartements wurden mit qualitativ hochwertigen Materialien, vor allem Holz, eingerichtet. Bad und Dusche sind auf modernstem Stand. Auch bei der Ausstattung der Küchen wurde nicht gespart.

Was auffällt: Wie in jeder Walliser Behausung stehen in den Küchen des Swiss­peak Resorts Fondue-Caquelons. Ein Welcome-Kit mit WC-Papier, Geschirrspülmittel, Schwamm- und Reinigungstüchern erwartet die Ankömmlinge. Wer mit einer Familie im Resort Ferien verbringt, realisiert bald zwei Dinge: Erstens ist der Welcome-Kit rasch aufgebraucht, und zweitens sammelt sich naturgemäss Staub in der Wohnung an.

Der Handstaubsauger ist zwar ästhetisch ansprechend, aber nur bedingt leistungsfähig. Für die Wiederbeschaffung von WC-Papier bleibt nur der Gang zum nahe gelegenen Supermarkt. Das Resort ähnelt einem Hotel, hat auch eine Réception, ist aber ein Gästehaus mit Ferienwohnungen zu räsonablen Preisen. Bettbezüge muss man mitbringen oder mieten. Eine gewisse Hotelstruktur wird dennoch geboten. Im Untergeschoss ist ein Spa eingerichtet. Vom Ski- und Skiliftfahren ausgelaugt, kann man sich dort im Jacuzzi, in einer finnischen Sauna oder im türkischen Hamam entspannen. Wer nicht in der eigenen Wohnung essen mag, nutzt für das Frühstück, den Apéro oder das Abendessen das Restaurant samt Weinbar im Erdgeschoss.

Es braucht mehr Betten

Für die Gemeinde Vercorin wurde das Swisspeak Resort zum Gewinn. Die Familienresidenz liegt abseits des mittelalterlichen Dorfkerns. Das Dorfleben bleibt erhalten. Einheimische sind durchaus stolz auf den Zugewinn. Doch die 416 Betten, selbst wenn sie ständig belegt wären, dürften für die Amortisierung der getätigten Investitionen in die Bergbahninfrastruktur nicht ausreichen. Es braucht zusätzliche Kapazitäten, um weitere Investitionen zu stemmen. Seit Jahren wird über eine direkte Verbindung der Skigebiete Vercorin und Grimentz nachgedacht. Der Zusammenschluss würde die Attraktivität des Skigebiets von Vercorin deutlich steigern.

Die Reise wurde unterstütztvon Interhome.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 17.12.2018, 10:21 Uhr

Wintersportort Vercorin

Anreise: Per PW über Visp, Siders nach Vercorin, mit den SBB via Visp nach Siders, weiter mit dem Bus.
Arrangement: 1 Ferienwocheim Februar 2019 für 4 Personen(2 Zimmer), ab 1100 Fr., buchbar über Interhome, Tel. 043 810 91 91, www.interhome.ch
Swisspeak Resorts: Neben Vercorin Anlagen in Zinal und Brigels. Im Bau ist ein Resortin Meiringen. www.swisspeakresorts.com
Essen: La Brentaz, Hotel Victoria.
Skitageskarte: Erwachsene ab 52 Franken, Kinder 31 Franken.
Allg. Infos: www.vercorin.ch; www.valdanniviers.ch

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