Segeln, Schwimmen, Klettern

Auf dem Katamaran zur bizarren Felsküste Sardiniens. Ein Erlebnis.

Nur per Schiff erreichbar: Felsen an Sardiniens Ostküste. Foto: Getty

Nur per Schiff erreichbar: Felsen an Sardiniens Ostküste. Foto: Getty

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als wir zwei Katamarane in einem kleinen Hafen nördlich von Olbia entern, haben wir ein Fernziel: Klettern. Sechs Schlafplätze befinden sich auf jedem Boot. Die beiden Katamarane gehören dem Basler Verein FOS Sailing und verdanken das Entstehen einem Schülerprojekt. Im Jahr 2000 bauten zwölf Schülerinnen die beiden hochseetüchtigen Segelkatamarane. Seither kreuzen die Doppelrumpfboote auf den Weltmeeren. Aus dem Schülerprojekt entstand eine Gruppe Schweizer Hochseefans: überwiegend junge Menschen mit Affinität zu Wind und Wellen.

Im Jachthafen wird Frischwasser getankt und Nahrung gebunkert: Alles, was man braucht, um eine Woche keinen Hafen anlaufen zu müssen, haben wir an Bord. Wir wollen in einsamen Buchten ankern, es uns gut gehen lassen und klettern. Jenseits der Hafenmauer ist die See unruhig. Was zunächst nach passablem Wind aussieht, entpuppt sich bald als Flaute. Als wir startklar sind, hat sich der Wind verkrümelt. Es drohen hohe Wellen. Und so wird die erste Fahrt auf dem Katamaran für manchen Passagier mit wenig Segelerfahrung zur Tortur.

Der Wind weht aus der falschen Richtung

Die Wogen werfen das Boot wie ein Spielzeug hin und her, und weil wir kaum vorwärtskommen, kann sich das Schiff in den Wellentälern nur schwer behaupten. Das bisschen Wind weht aus der falschen Richtung. Kreuzen gegen den Wind ist angesagt. Das braucht Geduld. Der Blick zur Küste ist ernüchternd, denn die Festung, die schon vor einer Stunde auf unserer Höhe lag, bleibt immer noch gut sichtbar. Mit einbrechender Nacht umkurven wir die Isola Tavolara und finden in einer Bucht einen geschützten Platz. Das Wasser ist still. Der Anker glitzert im Mondlicht.

Kletterfelsen kommen auch am zweiten Tag nicht in Sicht. Dazu müssen wir den Golfo di Orosei erreichen. Das bedeutet einen weiteren Tag Aufkreuzen. Der Trip wird zur Geduldsprobe für jene, die es gewohnt sind, mit möglichst wenig Aufwand ans Ziel zu gelangen. In gewisser Hinsicht ähneln sich Klettern und Segeln: Die Magie liegt in der Handlung selbst. Beim Klettern muss man nicht unbedingt auf einen Gipfel gelangen. Auch das Segeln dient nicht mehr der Piraterie oder dem Warentransport. Die Erfahrung selbst ist das Ziel. Wir lernen einiges über uns. Kann ziemlich eng sein auf so einem Boot. Bald diskutieren wir die eigene beschränkte Mobilität und sind uns einig: Wer durch Easyjet und Co. das Gefühl für Distanzen verloren hat, kann es in einem Katamaran auf dem Meer wiederfinden. In zwischenmenschlicher wie geografischer Hinsicht.

Felswände direkt am Meer

Langweilig wird uns nicht. Es gibt ständig etwas zu tun: Segel dicht nehmen, Wenden, Kurs halten, Leinen aufnehmen. Körper und Wellen scheinen eins zu werden. Ruht man sich im Netz vorne zwischen den Schwimmkörpern aus, schwebt man dicht über dem tiefblauen Wasser. Stundenlang könnte man der Bugwelle zusehen, wie sie sich leicht an den Rümpfen aufbaut und das Gleiten durchs Wasser spürbar macht. Ob das noch klappt mit dem Klettern?

Die Idee, sich auf dem Wasserweg Felswänden zu nähern, ist einleuchtend, wenn sie vom Land aus nicht zu erreichen sind. Das ist mancherorts an Sardiniens Ostküste der Fall. Über weite Strecken ragen die Felswände direkt aus dem Meer. Der legendäre Selvaggio Blu, eine Route aus alten Hirtenpfaden, ist der einzige Weg, der direkt an der Küste entlangführt. Er umrundet die Felsen entweder unten am Strand oder nach steilen Anstiegen hoch über dem Meer. Endlich geht es los: Dicht über dem Wasser erklettern wir in der Abendsonne die Felsen. Von weit oben sehen die beiden Katamarane aus wie ein kuschelig beisammen liegendes, altes Ehepaar.

Mal als Fisch, mal als Eidechse

Fortan sind die Segeldistanzen gering. Im Golf von Orosei reiht sich Bucht an Bucht, alle nur mit dem Boot erreichbar. In den 70er-Jahren hatten Hippies die Höhlen der Cala Luna zum Heim erklärt. Als sich die Buchten am Golf von Orosei mit dem weissen Sand und dem türkisfarbenen Wasser zum touristischen Aushängeschild Sardiniens mauserten, musste die Szene weichen. Heute läuft täglich eine Armada von Touristenbooten aus, um Badegäste an die entlegenen Plätze zu bringen. Am Nachmittag ziehen sie wieder ab, und die Buchten sind menschenleer.

Wir durchlaufen täglich eine kleine Evolution, schwimmen vom Katamaran aus an Land, wandern zu den Felsen, klettern hoch. Mal fühlt man sich als Fisch, mal als Eidechse. Im Paradies wähnt man sich sowieso. Sobald die Sonne auf die Felsen brennt, treibt es uns ins Wasser. Am späten Nachmittag, wenn die Sonne verschwunden ist, die Felsen aber noch warm sind, klettern wir. An Bord sind keine Duschen. Bald schwimmen wir nackt zurück zum Boot. Im schwarzen Wasser unter dem hohen Sternenhimmel fühlt man sich wundersam geborgen. Manchmal erscheint eine seltsame Lichtquelle überall dort, wo der Körper durchs Wasser gleitet. Das Phänomen des Meeresleuchtens entsteht durch Millionen Kleinstlebewesen, die bei Berührung Lichtsignale von sich geben. Auch das ein magisches Erlebnis.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 23.02.2018, 16:26 Uhr

Artikel zum Thema

Gratwanderung unter südlicher Sonne

Die Organisation von Wanderreisen ist anspruchsvoll. Gerade in Mittelmeerländern bleibt eine seriöse Rekognoszierung Pflicht. Mehr...

Und täglich grüsst das Eichhörnchen

Das Hotel TUI Blue Jadran an der dalmatischen Küste ist das erste Design-Hotel der Region. Mehr...

Und ewig lockt das Mittelmeer

Wenn bei uns die Kälte draussen klirrt, träumen wir vom warmen Meer. Acht Strände für Sonnenanbeter und Baderatten. Mehr...

Sand und Kalkklippen

Anreise: Mit dem Auto via Genua oder Livorno, weiter mit der Fähre nach Olbia. Direktflüge nach Olbia mit Swiss, Edelweiss und Easyjet.

Unterkünfte: Idealerweise auf dem Boot (individuelle Organisation) oder im Hotel in Cala Gonone. www.calalunahotel.com;
www.calagononehotelpop.it

Reiseveranstalter: Alpine Action Unlimited
www.alpineaction.ch

Ausflüge: Lokale Anbieter organisieren Fahrten in die Buchten.
www.calagononecharter.com

Klettergebiete: Cala Luna – Sandstrand und Kalkfelsen in allen Schwierigkeitsgraden. Cala Goloritze – Mehrseillängen-Routen.
www.climbingsardinia.com

Beste Reisezeit: Frühjahr oder Herbst.

Allgemeine Infos:
www.sardegnaturismo.it

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Kommentare

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Und die Haare fliegen hoch: Besucher des Münchner Oktoberfests vergnügen sich auf einem der Fahrgeschäfte. (22. September 2018)
(Bild: Michael Dalder ) Mehr...