Seegfröörni und mechanische Singvögel

Der Waadtländer Jura ist eine Wundertüte für Wintertouristen. Das höchste der Gefühle ist das Schlittschuhlaufen auf dem zugefrorenen Lac de Joux – umgeben von pittoresken Hügeln.

Zu zweit oder in der Gruppe: Herrliche Schlittschuhfahrt auf dem zugefrorenen Lac de Joux. Foto: Martin Arnet

Zu zweit oder in der Gruppe: Herrliche Schlittschuhfahrt auf dem zugefrorenen Lac de Joux. Foto: Martin Arnet

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Worauf die Zürcher seit über fünfzig Jahren warten, ist für die Bewohner des Dörfchens Le Pont im Vallée de Joux im Waadtländer Jura ein beinahe jährliches Ritual: die Seegfröörni. Schwarz glitzert das Eis auf dem zugefrorenen See. Minustemperaturen und fehlender Neuschnee haben Ende November zu einem Naturphänomen geführt – dem legendären Schwarzeis.

Hunderte von Besuchern tummeln sich am Wochenende zu Fuss oder mit Schlittschuhen auf dem Gewässer, das am Fusse des Mont Tendre nahe der französischen Grenze liegt. Als grösste natürliche Eisbahn in Europa beschreiben Reiseführer den zehn Kilometer langen Lac de Joux. In der Tat ist die Stimmung eindrücklich, dank des gleissenden Sonnenlichtes auf dem Eis und der Jurahügel auf beiden Seiten des Sees.

Ist die Seegfröörni heutzutage eine touristische Attraktion, so war sie im 19. Jahrhundert aufgrund des Eisabbaus ein wichtiger Wirtschaftszweig. Denn aus dem Jura kam das schönste und beste Eis. Blöcke wurden mit Sägen aus dem zugefrorenen See geschnitten, die Société des Glacières lieferte das Eis per Bahn in die Städte – bis nach Paris.

Das Eis wurde zudem in Brauereien für die Kühlung des Biers verwendet und kam auch in Privathaushalten zum Einsatz. Mit Sägemehl und Stroh isoliert, konnte es bis in die Sommermonate ­hinein aufbewahrt werden.

Alte Eiswerkzeuge werden heute im Speisesaal des Hotels de la Truite in Le Pont ausgestellt. Darunter ein Pickel, mit dem die Arbeiter die Eiswürfel fixierten, und eine schwere Eissäge. Die kleine Ausstellung, mit alten Originalfotos angereichert, ist einen Besuch wert.

Alpenkranz im Nebelmeer

Der Waadtländer Jura bietet zahlreiche Möglichkeiten für Wintersportler. Etwa eine Schneeschuhwanderung auf dem Col du Mollendruz oberhalb von Le Pont. Es öffnet sich eine herrliche Winterwelt, mit tief verschneiten Tannen und langsam ansteigenden Hängen. Zwar liegt der nahe Genfersee im Nebelmeer, dafür kommen die Gipfel der Viertausender besser zu Geltung. Von Eiger, Mönch und Jungfrau bis zum Mont Blanc – fast der ganze Alpenkranz ragt aus der weissen Decke.

Zum Mittagessen im Chalet du Mollendruz genehmigen wir uns das berühmte Vacherinfondue aus dem Ofen, serviert mit Kartoffeln und begleitet von einem Weisswein aus dem Genferseegebiet. Der würzige Geschmack des Weichkäses ist dem Handwerk des Maître fromager affineur zu verdanken. So nennen sich die Käseveredler.

Zu diesen Affineurs gehört das Ehepaar Brigitte und Jean-Michel Rochat in Les Charbonnières am Lac Brenet. Der kleine See ist verbunden mit dem Lac de Joux. In den Wintermonaten veredeln die Rochats den von den Bauern vorproduzierten Weichkäse, indem sie ihn mit einem Band aus Fichtenrinde umspannen und einen Monat lang in ihren Caves du Pèlerin reifen lassen. Neben dem Laden führt der umtriebige Jean Michel Rochat ein Museum, das über die Geschichte des Vacherin Mont d’Or von 1800 bis heute erzählt. Zudem stellt er in seiner Brennerei den berühmten Enzianschnaps her – produziert aus den Wurzeln des gelben Enzians, einer häufigen «Unkrautpflanze» der Juraweiden. Die Produktion ist mühsame Handarbeit. Die Wurzeln müssen mit Pickeln aus der Wiese herausgehackt werden.

Der Balkon des Juras

Die weiten und offenen Juraweiden sind ein bekanntes Langlaufeldorado. 200 Kilometer Loipen sind für Ausdauersportler gespurt. Populär die Langlauftour oberhalb von Les Rasses bei Ste-Croix. Die Region auf 1100 Meter über Meer heisst nicht umsonst Balkon des Juras. Von hier aus hat man eine herrliche Aussicht auf den Neuenburgersee. Auf den gut präparierten Loipen über Weiden und durch Tannenwälder herrscht trotz Kaiserwetter kein Grossandrang; auf dem ausgedehnten Loipennetz verteilen sich die Wintersportler. Trails für Schneeschuhtouren und Wanderwege sind speziell ausgeschildert.

Das Grand Hôtel des Rasses, in dem wir übernachten, liegt auf einem Sonnenplateau oberhalb von Ste-Croix – eine alte Herberge aus der Pionierzeit des Tourismus, als überall in Europa Grandhotels entstanden. 1898 wurde das Gebäude errichtet: ein gewaltiger Kasten, vier Stockwerke hoch und mit Blick auf Neuenburgersee und Alpen. Die Innendekoration mit Holzvertäferung, Fresken und Terracotta bleibt einmalig. Im Speisesaal im Belle-Epoque-Stil hat der Besucher das Gefühl, dass die Zeit die letzten hundert Jahre stillstand.

Museum der besonderen Art

Ste-Croix, mit rund 4700 Einwohnern eine mittelgrosse Gemeinde des Kantons Waadt, ist nach eigenen Angaben die Weltmetropole der Spieldosen und Musikautomaten. Die ehemalige Industrie- und heutige Elektronikstadt be­herbergt das Museum Cima. Das Centre International de la Mécanique d’Art ist 1985 gegründet worden und in einer ehemaligen Fabrik untergebracht. Das Museum führt eine wertvolle Sammlung von Musikdosen, Automaten und ­mechanischen Singvögeln aus dem 19. Jahrhundert.

Musikdosen sind die Vorläufer der Fonografen und Grammofone. Erfinder war Antoine Favre, ein Genfer Uhrmacher, der 1796 erstmals ein solches mechanisches Musikinstrument herstellte. Waren es anfänglich Musiktrommeln, mit deren Hilfe ein Musikstück immer wieder angehört werden konnte, wurden es später Lochplatten. Deren Erfinder ist ein Leipziger Brüderpaar mit dem bezeichnenden Namen Paul und Max Lochmann. Die Platten hatten den Vorteil, dass sie in den Automaten ausgewechselt werden konnten – der Vorläufer der Jukebox mit den Vinylschallplatten.

Höhepunkt der Ausstellung ist ein mechanisches Orchester mit sich bewegenden Trommeln und verschiedenen Musikinstrumenten. Das Orchester, das auf einem Wagen aufgebaut wurde, sorgte früher im belgischen Antwerpen an Jahrmärkten und öffentlichen Veranstaltungen für Stimmung. Wer hätte dem Wunderwerk einst prophezeit, dereinst mitten in der Winterpracht des Waadtländer Juras bewundert zu werden?

Die Reise wurde unterstützt vom Office du Tourisme du Canton de Vaud. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.12.2017, 19:20 Uhr

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Anreise: Mit dem Zug via Lausanne oder Yverdon-les-bains nach Le Pont im Vallée de Joux.

Übernachtungen: Hôtel de la Truite in Le Pont, DZ ab 160 Fr., Tel. 021 841 17 71, www.hoteltruite.com;

Grand Hôtel des Rasses in Les Rasses, DZ ab 95 Fr., Tel. 024 454 19 61,
www.grandhotelrasses.ch

Vacherin: Herstellung und Verkauf in Les Charbonnières, Tel. 021 841 10 14, www.vacherin-le-pelerin.ch

Musikdosenmuseum Cima: Centre ­International de Mécanique d’Art in Ste-Croix. Das Museum ist nur mit ­Führungen zugänglich, mehrheitlich am Nachmittag, www.musees.ch

Allg. Infos: www.myvalleedejoux.ch; www.region-du-leman.ch

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