Schwedische Armada

Mit dem Velo gehts einmal um die Insel Ven – und zum Museum des berühmten Astronomen Brahe.

Autofreie Insel: Ven liegt im Öresund zwischen Dänemark und Schweden Foto: Laif

Autofreie Insel: Ven liegt im Öresund zwischen Dänemark und Schweden Foto: Laif

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Die einzige Steigung an diesem Tag legen wir zu Fuss zurück. Auf dem 40 Meter hohen Plateau der Insel Ven im Öresund angekommen, erwartet uns eine Armada von Velos. Zwar fährt auf dem autofreien Eiland auch eine Elektro-Inselbahn, aber wir wollen die Nebenwege erkunden und entscheiden uns für die Zweiräder. Die Auswahl ist immens: mit oder ohne Gangschaltung, Kindersitz, Hundekörbchen, Anhänger. Alles zu haben. Wer freilich einen roten Drahtesel verlangt, der wird von der jungen, selbstverständlich blonden Aushilfe in der Mietstation erst verdutzt angeschaut, dann angegrinst. Alle 1200 Fahrräder leuchten sonnig gelb. Vor dem knallblauen Himmel ergibt das die schwedischen Nationalfarben. Als müssten die knapp 370 Bewohner immer noch signalisieren, dass sie zu Schweden und nicht mehr zu Dänemark gehören – seit 356 Jahren, seit 1660, dem Ende des zweiten Nordischen Kriegs.

Verirren kann man sich auf der nur 4,5 Kilometer langen und 2,4 Kilometer breiten Insel nicht. Es gibt nur einen Velo-Rundweg. Der 14-jährige Sohn hat kein Auge für die saftigen Wiesen und die reifen Kornfelder, die wie ein grün-gelbes Karomuster die Insel überziehen. Er düst mit seinem Dreigangvelo voraus. An der Steilküste empfängt er Eltern und Bruder mit den Worten: «Ich habe zwei Delfine gesehen.» Guter Witz, Delfine kommen so weit nördlich gar nicht vor. Der kleine Pfad ist kaum befahren, was wohl an der vorhergesagten tintenblauen Wolkenfront liegt, die langsam von Norden heranzieht.

Die Sensation Supernova

Unser Ziel, wie das fast aller Touristen, die Ven besuchen: das Tycho Brahe Museum, fast genau in der Mitte der Insel. Der dänische Astronom hat hier über 20 Jahre lang den Himmel beobachtet. Der Forscher wurde 1572 in ganz Europa berühmt, als er die Leuchtkraft eines explodierenden Sterns, eine Supernova, beobachtete. Er hielt das Spektakel am Firmament jedoch für die Geburt eines neuen Himmelskörpers. In der Renaissance war das eine Sensation. Fredrik II. von Dänemark und Norwegen, der wie viele gekrönte Häupter seiner Zeit die Wissenschaften förderte, schmückte sich mit Brahe als Hofastronom und überliess dem Adelsspross die Insel Ven als Lehen. Zwar steht Tycho Brahes Schloss Uraniaborg nicht mehr. Dafür ist das Museum in einer umfunktionierten Kirche untergebracht, wo einige von Brahes entwickelten und benutzten Messinstrumente nachgebildet sind, etwa ein Sextant und ein sogenannter Mauerquadrant – das Fernrohr war noch nicht erfunden. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf informativen Texten.

Die Söhne und Texte? Die Sprösslinge ziehen sich recht schnell nach draussen zurück und erproben historisches Spielzeug: Kegeln, Ringli werfen, Reiterkampf auf einem Holzbalken. Ein Teil von Brahes zweiter Sternwarte existiert noch: ein Kellergewölbe. Die schwankenden Temperaturen und heftigen Winde störten seine präzisen Messungen auf Uraniaborg, sodass er ein unterirdisches Observatorium baute. Eine junge Frau mit langen Rastalocken schliesst die Tür zum Keller auf. Die Ton- und Bildschau dort unten ist etwas bizarr.

Schweinswale sind keine Delfine

Als letzte Station fahren wir die strahlend weisse Ibbs-Kirche im Nordwesten an. Der Blick über das Meer ist atemberaubend, der Minihafen mit den Segelbooten unter uns malerisch, der Himmel dramatisch. Leider wurde das Gotteshaus schon geschlossen. Das nur leicht überhängende Dach bietet kaum Schutz vor der Gewitterfront, die sich jetzt mit Donner, Blitz und Wolkenbruch über uns entlädt. Schnell ist der Spuk vorbei. Zurück geht es über die nasse Hauptstrasse zur Mietstation und Fähre. Im Abendlicht sehen wir deutlich in den Wellen einen – Delfin? Ein Seemann klärt auf. Es sind Tümmler, Schweinswale, die sich im Öresund tummeln.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.08.2016, 07:28 Uhr

Service

Tagesausflug Ab Landskrona: 30-minütige Fahrt mit der Fähre. Infos: www.ventrafiken.se (engl); www.landskrona.se; www.visitsmaland.se/de

Museum www.tychobrahe.com

Allg. Informationen www.visitsweden.com

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