Schottlands Ende

An Schottlands 150 Kilometer langen Nordküste ist alles ein bisschen rauer und urtümlicher. Wer dem Wind standhält, wird mit einsamen Stränden, Klippen und riesigen Dünen belohnt.

Eine Sehenswürdigkeit erster Güte: Duncansby Head an der Nordostspitze Schottlands mit seinen zerklüfteten Felsformationen. Foto: Patrick Frischknecht (Interfoto)

Eine Sehenswürdigkeit erster Güte: Duncansby Head an der Nordostspitze Schottlands mit seinen zerklüfteten Felsformationen. Foto: Patrick Frischknecht (Interfoto)

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«You see what you want to see», sagt Fiona Mackay – du siehst, was du sehen willst.

«Einige sehen nur Otter und Hirsche, andere Robben und Wale.» Die Sache tönt vielversprechend, ist aber ohne Garantie. Fiona ist unsere Vermieterin, zusammen mit ihrem Mann Robbie führt sie im Ort Durness ein gediegenes B&B und zwei exklusive, moderne «Crofts», die aussehen wie Flugzeughangars, direkt am Loch Eriboll, einem grossen Meeresarm. In einem dieser beiden Luxus-Cottages hocken wir schon seit einer Woche auf unseren Eames-Stühlen und haben durch die bodentiefen Fenster nichts anderes gesehen als Möven.

Seit niemand mehr an Nessie glaubt, so unsere Vermutung, tischen sie den Besuchern nun eine neue Legende auf: Wildlife! Du musst nur richtig hinschauen! Fast nehmen wir es als persönliches Versagen, dass wir an unserem eisig blauen, fantastisch einsamen Loch nichts entdecken. Und dann steht eines Abends ein Hirsch direkt vor unserem Haus und schaut durchs Fenster. Na also.

Eine halbe Autostunde weiter westlich sitzen englische Touristen geduldig in ihren Autos und schauen durch regenbeschlagene Windschutzscheiben auf eine Bucht. «Award winning beach», steht wie zum Hohn auf dem Parkplatzschild von Sango Bay. Dann reisst der Himmel plötzlich auf, und die «preisgekrönte» Bucht entfaltet ihren ganzen Zauber: Schroffe Klippen ragen aus feinem, hellem Sand; darüber spannt sich in klarem Hellblau der Himmel und lässt das Meer wie erleuchtet aussehen. Wie an jedem Tag fegt auch heute der Wind ohne Skrupel über die Nordküste der Grafschaft Sutherland. Und wie an jedem Tag in Schottland flucht man fünf Mal über das schlechte Wetter und gerät dann wieder aus dem Häuschen, weil die Natur plötzlich so atemberaubend schön ist.

Der starke Wind bläst nicht nur den Regen weg, er hat auch den Vorteil, dass es hier oben keine Mücken gibt. Die Viecher, die einem sonst die warmen Tage verderben, wagen sich nicht an die stürmische Nordküste. Lotte Globs Skulpturen-Park inmitten von Heideflächen hätten wir sonst wohl nicht besucht.

Der Natur zurückgeben

Ihre Keramik kennen wir aus dem Bad unseres «Crofts»: Handgefertigte, fingerdicke Platten in vitalen Blautönen verschönern Lavabos und Wände, als hätte die Künstlerin sie dem Meer abgeschaut. Mit über 70 Jahren ist Lotte Glob immer noch voller Elan und im Einsatz für die Natur: «Ich möchte der Natur gern etwas zurückgeben», sagt sie und meint damit ihre Aktion «Floating Stones». 333 Kugeln aus glasiertem Ton hat sie in 111 Löchern in ganz Schottland, also auf Binnenseen und Meeresbuchten, ausgesetzt. Dort sind sie gestrandet, zerborsten, oder aber sie schwimmen noch immer auf den kalten Wellen der abgelegenen Gewässer.

1968 kam die gebürtige Dänin über das nahe gelegene Hippie- und Künstlerdorf Balnakeil an die schottische Nordküste. Heute lebt sie in einem umgebauten Schäferkarren inmitten ihres verwunschenen Grundstücks, das direkt ans Meer grenzt. Figuren und skurrile Skulpturen bevölkern den Park, am schönsten ist ein Besuch natürlich, wenn die Sonne scheint.

Das Schlechtwetterprogramm heisst dagegen Balnakeil. Genauer die berühmte heisse Schokolade im bunten Künstlerdorf, das einst eine militärische Frühwarnstation war. Auf der Autofahrt dorthin trifft man immer wieder auf Folgen der Clearances: Verlassene Crofterhütten stehen auf den Klippen als mahnende Ruinen der Zwangsräumungen; zur Erinnerung an die 1840er-Jahre, als die Kleinbauern von den Landbesitzern gezwungen wurden, vom Ackerbau auf Schafzucht umzustellen. Die Oberschicht in den Städten wollte edles Wolltuch, die Folge waren Armut und Hunger.

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Angekommen in Balnakeil, sitzen im kleinen Café Cocoa Mountain die Touristen über ihrer dampfenden Schoggi. Bis über den Rand sind die Tassen gefüllt, beim Trinken schwappt die Köstlichkeit über die Hände. Rund ums Cocoa Mountain liegen Wohnhütten und Ateliers der Kleinkünstler. Die Stimmung ist heiter, die Produkte sind handwerklich. Die Malerin Nicola Poole etwa schwärmt vom «independent life» in Balnakeil, vor einigen Jahre ist sie aus Südafrika nach Schottland zurückgekehrt. Man lebt unabhängig hier, und das Wohnen ist billig.

Nur einen Steinwurf entfernt fühlt man sich wie im Film «Dune, der Wüstenplanet». Ein Gebirge von Dünen, die Dunes of Fair Head, erstreckt sich über eine Halbinsel, die weit in den Atlantik ragt. Wir sind ganz allein, und es wäre nicht überraschend, wenn irgendwo ein Sandwurm hockte. Der Wind wirkt wie ein Kamm und strählt ständig den üppigen Strandhafer. Bis zu 30 Meter sind die Täler zwischen den Dünen tief, und das Schönste daran ist, dass man quer hindurchwandern darf. Cape Wrath hingegen, der westlichste Punkt der Küste mit seinen 250 Meter hohen Klippen und dem Leuchtturm, muss warten. «Wegen Sturm heute keine Fähre», steht auf dem verlassenen kleinen Pier.

Fast überirdische Szenerie

Am Abend steigen wir in die geräumige Aussenbadewanne unseres Crofts und waschen den Sand von den Füssen. Das hauseigene Windrad spendet Strom, Warmwasser und Bodenheizung. Der Blick aufs Loch Eriboll ist phänomenal, eisblaues Wasser ohne Ende, darüber Wolkenfetzen, die über den Himmel flitzen, sonst nichts. Ein einziger Baum, eine kleine Erle, steht an unserem Ufer, eine Sensation in dieser sonst baumlosen Gegend. Wir begrüssen ihn jeden Morgen und haben ihn Paul-Rudolf genannt, nach unseren beiden Vätern; man wird ein wenig merkwürdig in dieser einsamen Gegend. Die Szenerie wirkt fast überirdisch, als ob die Welt gerade entstünde. Dabei war Loch Eriboll 1945 ein Schauplatz der besonderen Art. Damals wurden nach der Kapitulation sämtliche U-Boote der Deutschen, die im Nordatlantik unterwegs waren, in diesem Meeresarm zusammengezogen und entwaffnet.

Wie alle anderen sind auch wir auf unseren Ausflügen stets mit dem Feldstecher unterwegs und suchen die Küstenabschnitte nach Robben ab – «seal spotting» ist wie eine Manie. Wir hoffen, sie an der Meeresenge zwischen den Orkney-Inseln und Dunnet Head zu erwischen. Hier ist die Strömung zwischen Atlantik und Nordsee so stark, dass Unterwasserturbinen installiert sind, die Energie liefern. Doch wir müssen bis Duncansby Head fahren, dem nordöstlichsten Punkt, einer Sehenswürdigkeit erster Güte. Dutzende Kegelrobben tummeln sich vor den 70 Meter hohen Basaltpfeilern, den Stacks of Duncansby. Auch wenn wir nur kleine, schwarze Punkte sehen: Es ist die reine Freude. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2018, 17:56 Uhr

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