Schluss mit Ferienspass auf Kosten der Delfine

Die Reiseveranstalter TUI und Hotelplan raten von Delfinarien-Besuchen ab. In Florida will man die Touristen mit drei geretteten Delfinen für ihre Artgenossen sensibilisieren.

Delfintrainerin Brooke mit dem geretteten Delfin Nicholas: «Nur was man kennt und liebt, das schützt man auch.» Bild: Moritz Hager, Foto

Delfintrainerin Brooke mit dem geretteten Delfin Nicholas: «Nur was man kennt und liebt, das schützt man auch.» Bild: Moritz Hager, Foto

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Delfine lächeln immer, auch wenn sie leiden. Und in Gefangenschaft leiden sie immer, kein Becken der Welt kann die natürliche Umgebung der Meeressäuger artgerecht ersetzen. Die sensiblen Tiere leben unter Dauerstress, werden aggressiv oder krank. Als Spielzeug. Damit wir sie berühren, uns durchs Wasser ziehen lassen, auf ihnen reiten können. Damit wir von ihrer Show, den Sprüngen und Drehungen, von ihren lustigen Knattertönen unterhalten werden.

Dieses Ferienvergnügen soll endlich gestoppt werden: Nach dem deutschen Reiseveranstalter TUI zeigt nun auch Hotelplan Suisse ein Herz für die Tiere. Zusammen mit der Schweizer Meeresschutzorganisation Ocean Care will man die Kunden auf die Problematik der Delfinhaltung aufmerksam machen. «Mit Aufklärung und Sensibilisierung» soll ihnen vom Besuch eines Delfinariums oder dem Schwimmen mit Delfinen in Gefangenschaft abgeraten werden, sagt Michèle Hungerbühler, die Verantwortliche für Nachhaltigkeit bei der Migros-Tochter.

Das heisst, entsprechende Angebote werden nicht mehr aktiv offeriert und ab November in den Hotelplan-Katalogen 2018/2019 sowie online nicht mehr ausgeschrieben. Hotels, welche über ein Delfinarium verfügen, werden vermerkt und die zuständigen Mitarbeiter des Reiseanbieters von Ocean Care geschult. Wer allerdings explizit nach einem Angebot mit Delfinen fragt, wird dieses weiterhin bei Hotelplan buchen können. Auch werden Hotels mit Delfinarien oder Aquarien nicht aus dem Programm gestrichen. Konsequent ist das nicht. Das ist auch Hotelplan bewusst, «step by step» wolle man vorwärtsgehen, sagt Hungerbühler.

Brutale Delfinindustrie

Man will die Kunden nicht verlieren. Immer wieder wird nach Delfinprogrammen gefragt, auch weil man sich von den Tieren allerhand heilende Wirkung verspricht. Autismus, Krebs oder zerebrale Kinderlähmung: Glaubt man den Anbietern von Delfintherapien, gibt es nichts, was die Meeressäuger nicht heilen könnten. Laut Ocean Care existiert jedoch keine einzige wissenschaftliche Studie, welche nachweisen kann, dass die Therapien halten, was sie versprechen. Kommt dazu: Der Delfin ist und bleibt ein Wildtier. Bisswunden, gar Knochenbrüche seien keine Seltenheit.

Laut Ocean Care existieren weltweit etwa 200 Delfinarien. Besonders in Asien – die meisten Delfinarien befinden sich in Japan – boomt der Spass auf Kosten der Tiere. Da die Delfinindustrie mehr Tiere braucht, als in Gefangenschaft zur Welt kommen, wird Nachschub aus der Wildnis geholt. Bei dieser brutalen Jagd werden die Delfine ans Ufer getrieben, wo man die «schönsten» Exemplare aussortiert – viele werden auf dem langen Transportweg verenden.

Aufklärungsarbeit und der Druck der Öffentlichkeit zeigen jedoch Wirkung: Das letzte Delfinarium in der Schweiz, im Connyland in Lipperswil TG, musste schliessen, nachdem das Parlament 2012 den Import von Delfinen und Walen verboten hatte. Der berühmteste Wasserpark der Welt, Seaworld in Kalifornien und Florida, verzeichnete grosse finanzielle Einbussen und stellte 2016 ein Zuchtprogramm für Orcawale ein. Im Januar dieses Jahres teilte das Vancouver Aquarium mit, künftig auf die Haltung von Walen und Delfinen zu verzichten – nach jahrelangem Protest der Tierschützer.

Einsatz für Meerestiere in Not

Eine etwas andere Delfinshow bietet das Clearwater Marine Aquarium (CMA) an der Golfküste Floridas. Das Rettungszentrum für Meeresbewohner ist das Zuhause des berühmtesten Delfins der Welt: Winter, in Amerika kennt ihn jedes Kind. Er ist der Protagonist des Kinofilms «Dolphin Tales» («Mein Freund, der Delfin»): An einem Wintertag im Jahre 2005 wurde ein junges Delfinweibchen an einem Strand in Florida gefunden, ein Krabben-Fangnetz hatte sich um seine Schwanzflosse verheddert. Die Fluke musste amputiert werden. Dank einer Schwanzflossenprothese kann Winter schwimmen. Tausende Besucher aus aller Welt pilgern zum Aquarium, um den ersten Delfin mit Prothese zu sehen. Insbesondere auch viele behinderte Menschen, denen Winter Hoffnung gibt: Wenn es Winter schafft, kann auch ich es schaffen.

Retten, rehabilitieren und wieder in die Freiheit entlassen – darauf fokussiert sich das CMA. Rund 300 Angestellte, Tierärzte und Biologen sowie ein Heer von Freiwilligen (rund 800), darunter auffallend viele junge Frauen, schenken ihre Energie und Freizeit den Delfinen, Fischottern oder Schildkröten in Not. «Wenn das Tier wieder in Freiheit lebt, dann ist unsere Mission geglückt», sagt Julia Anderson, Sprecherin des Aquariums.

Deshalb sollen sich die Tiere nicht an Menschen gewöhnen und möglichst wenig mit ihnen in Kontakt kommen. Die Delfine Winter, Hope und Nicholas hingegen würden in der Wildnis nicht mehr überleben. Nicholas wurde am Weihnachtsabend zusammen mit seiner Mutter am Strand gefunden. Beide hatten einen schlimmen Sonnenbrand, die Mutter verstarb. Nicholas überlebte mit Narben, weissen Flecken, am Rücken. Heute ist er 15 Jahre alt, auch er gilt als eine Art Vorbild, eine Inspiration gerade für Kinder, die schwere Verbrennungen erlitten haben.

«Ich will mein Leben diesen Tieren widmen»

Die Besucher können die Therapie von Nicholas von der Tribüne aus verfolgen. Es gehe darum, Nicholas physisch und mental aktiv zu halten, so die offizielle Interpretation des Geschäftsmodells. Die Zuschauer klatschen – der Delfin wedelt mit der Flosse. Ohne das Aquarium wären Winter, Hope und Nicholas nicht mehr am Leben. Und doch will man sich auch hier nicht vorstellen, dass die drei Delfine womöglich noch 20 Jahre in diesen tristen, kleinen Betonbecken verbringen müssen.

Delfintrainerin Brooke stammt aus dem US-Bundesstaat Ohio, kein Meer weit und breit. Die junge Frau sagt, sie habe als Kind in den Ferien in Mexiko mit Delfinen schwimmen dürfen. «A lifetime experience.» Eine Erfahrung fürs Leben – seither wusste sie: «Ich will mein Leben diesen Tieren widmen.» Ohne Delfinarium, so Brooke, hätte sie nie Zugang zu diesen fantastischen Tieren gehabt. Ihr Argument: «Nur was man kennt und liebt, das schützt man auch.» Winter und Nicholas sind Botschafter – sie wecken die Liebe für Delfine. Das sagen alle Angestellten hier.

Winter, Hope und Nicholas sorgen dafür, dass Spendengelder fliessen, die ihren Artgenossen in Freiheit zugutekommen. Und tatsächlich verlässt niemand den Shop ohne einen Winter aus Plüsch, ein «Rescue»-Shirt oder einen silbernen Anhänger in Form einer Flossenprothese.

www.hotelplan-suisse.ch/nachhaltigkeit; www.oceancare.org; www.seewinter.com (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.03.2018, 18:22 Uhr

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