Palazzi, Schneeschuhe und eine Prise Kunst

Sent im Unterengadin ist ein Geheimtipp für Individualisten. Es bietet einsame Wanderungen in grandioser Landschaft und ein Giacometti-Museum.

Sent liegt auf einer Sonnenterrasse. Foto: Mayk Wendt

Sent liegt auf einer Sonnenterrasse. Foto: Mayk Wendt

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Der liebe Gott muss gute Laune gehabt haben, als er Sent erschuf: ein kompaktes Engadinerdorf, fast schöner und grösser noch als das gefeierte Guarda 20 Kilometer weiter talaufwärts; platziert auf einer Sonnenterrasse auf 1440 Meter Höhe, mit Ausblick auf unverbaute Hänge und schneebedeckte Gipfel. Und das Beste daran: Skischuhgeklapper und Pistenmaschinerie finden anderswo statt – unten in Scuol, dem Hotspot des Unterengadins.

So sitzen wir nach der Übernachtung in der freundlichen Pensiun Plaz auf der langen Bank am Brunnen, wo die Einheimischen täglich ihren Schwatz abhalten. Ringsum Häuser mit den geschwungenen Senter Barockgiebeln, einer architektonischen Spezialität des Dorfes. Dazwischen Steinhäuser mit typischem Sgraffito-Verputz und einzelne Palazzi der sogenannten «Randulins». Auf Deutsch «Schwalben», Senter Auswanderer, die als Zuckerbäcker ihr Glück in anderen Ländern suchten, dort reich wurden und ihren Status zu Hause mit einem Palazzo untermauerten.

Eine Verführung zum Sitzen

In Sent ist die Musse zu Hause – weil Bergbahnen fehlen, steigt man am besten selber in die Höhe. Aber man muss nicht: Für Bruder Schwerfuss und Schwester schwache Wade gibt es zahlreiche flache, geräumte Wanderwege, in Richtung Ramosch oder Ftan beispielsweise, wo man Sonne und Panorama geniessen kann. Der mächtige Piz Lischana auf der anderen Seite des Tals ist immer präsent. Fast an jeder Wegbiegung wartet eine Bank – konsequente Verführung zum Sitzen ist das. Endlos ziehen sich die gemütlichen Wege über die weitläufige, besonnte Bergflanke.

Einen beschaulichen und bequemen Weg – er führt zum Restaurant Vastur – nehmen wir am ersten Tag zum Anwärmen unter die Füsse. In lang gezogenen Serpentinen führt er auf 1770 Meter über Meer, 300 Höhenmeter in gemächlichen 1½ Stunden – Gelassenheit pur. Runter geht es dann mit dem Schlitten – sie stehen vor dem Restaurant gratis Spalier. Wer einkehrt, darf sich bedienen.

Am nächsten Morgen sitzen wir wieder auf den langen Bank. Der Dorfplatz lebt – junge Frauen sind mit dem Kinderwagen unterwegs, Senioren in Strick­jacke schauen ihnen rauchend zu, einige Skifahrer warten auf den Bus hinunter nach Scuol. Und man riecht Vieh. Auf 900 Einwohner kommen etwa 30 Bauernbetriebe, so die Gemeindestatistik; im Vergleich zum übrigen Unterengadin ist das ein Spitzenwert. Viele halten Milchkühe und liefern direkt an die Molkerei in Sent. Die Latteria hat mit ihren Mutschli, Berg- und Weichkäsen inzwischen schon fast Kultstatus. Wir kaufen Picknick für die Schneeschuhtour, denn wir wollen auf die Alp Telf, auf einem versteckten Weg, wo man kaum jemandem begegnet.

Das Unterengadin ist eine ideale Gegend für Schneeschuhwanderungen. Foto: Badrutt

Die Schneeschuhe vorerst noch im Rucksack, stapfen wir dorfauswärts auf fast 2000 Meter über Meer. Zuerst auf einem geräumten Pfad, dann auf einer schmalen Spur durch lockeren Tannenwald. Schneeschuhe montieren und weiter durch den funkelnden Schnee. Um uns herum blitzen die Eiskristalle in der Sonne. Täuscht es? Oder bricht das Licht die Kristalle im Engadin tatsächlich vor allem in Blautönen?

Jeder Schritt ist eine kleine Glückseinheit, die Steigung ist gleichmässig. Und so sind wir noch gut in Form, als wir die Alp nach 500 Höhenmetern in zwei Stunden erreichen. Weit geht der Blick in die «Engadiner Dolomiten».

Doch die Tour ist nur das Vorspiel dessen, was noch kommt: das Val Sinestra. So finster es tönt, es ist das Highlight von Sent. Die Schneeschuhtour dauert mit Hin- und Rückweg vier bis fünf Stunden. Und sie ist voller Überraschungen.

In Sent ist die Musse zu Hause – weil Bergbahnen fehlen, steigt man am besten selber in die Höhe.

Ein erster markanter Punkt ist nach 1½ Stunden erreicht: das alte Kurhaus, das sich als märchenhafte Trutzburg vor einem aufbaut. Wir ziehen weiter und überqueren zwei abenteuerlich schmale Hängebrücken über einem Tobel in einem urwüchsigen, schier nicht enden wollenden Wald, bis wir am Hof Zuort ankommen. Allein das sich Nähern ist ein Ereignis. Hinter den dunklen Tannen steht er plötzlich da, einsam auf einer grossen Lichtung im Tiroler Stil.

Einst war der Hof Schweizer Zollamt und Säumerstation am Fimberpass zu Österreich, heute ist er ein historischer Gasthof. Im Eingang begrüssen uns zwei ausgestopfte Eulen, im Halbdunkel wirken sie erstaunlich echt. Einiges ist hier seit dem 16. Jahrhundert nicht verändert worden, etwa das Holzbuffet in der Stube – es hat gut und gerne 500 Jahre auf dem Buckel. Der Hof Zuort ist ein wundersames Relikt, das es kein zweites Mal gibt. Angesichts der Grenznähe bestellen wir Kaiserschmarrn.

Kultureller Gipfelpunkt ist am Abend das Hotel Aldier. Der Zürcher Gastronom Carlos Gross hat vor einigen Jahren das alte Hotel Rezia zu einer kleinen, feinen Schönheit umgebaut und pflegt darin eine gelungene Mariage von Kunst und Kulinarik. Im weitläufigen Gewölbekeller des Hotels hängen rund 200 Lithografien und Radierungen von Alberto Giacometti, die Gross in 30 Jahren auf der ganzen Welt gesammelt hat. Eine fast komplette Sammlung von Giacomettis grafischem Werk, das in dieser Breite sonst nirgendwo zu sehen ist. Das Schöne daran: Das Privatmuseum ist während der Saison für alle offen, die daran interessiert sind.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.02.2018, 17:42 Uhr

Sent

Wohnen beim Giacometti-Museum

Anreise: Mit der Bahn via Vereinatunnel bis Scuol, weiter mit dem Bus

Unterkunft: Hotel Pensiun Aldier, elegantes Haus mit Giacometti-Museum, DZ ab 280 Fr., www.aldier.ch; Pensiun Plaz (Garni), ­gemütlich und preiswert, DZ ab 120 Fr., www.pensiun-plaz.ch

Restaurants: Chasa Veglia, gutbürgerliche, regionale Küche, www.chasa-veglia.ch;

Hof Zuort, historisches Gasthaus mit Gästezimmern im Val Sinestra, www.zuort.ch

Infos Schneeschuhwanderungen: Tel. 081 861 88 29, www.sent-online.ch

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