Mitten im Nichts

Im Jura sind Skitouren ein Reisen – zwischen rauen Hügeln und gemütlichen Bahnhofbuffets.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

So sanft das Gebirge in einer riesigen Welle aus dem Mittelland aufsteigt und sich gleichmässig nach Westen ausbreitet, so entspannt die Lawinensituation hier oft ist, so rau sind die Winterstürme, die aus Nordwesten einfallen können. Es fehlen die hohen Berge, die sie aufhalten, und der Wind treibt über die vielen Höhenzüge, bis er plötzlich steil ins Mittelland abfällt. Und da im Jura oft nur im Hochwinter Schnee liegt, gehören diese Winde fast zwingend zu einer Juraskitour.

Wir gehen vom Kamm weg in den Schutz des Waldes. Doch die Situation sollte im Auge behalten werden. Berg­führer Daniel Silbernagel, dessen Kopf tief in der Jacke steckt, zeigt nach oben: Gefährlich knarren die Bäume. Gemeinsam arbeitet er mit seinem Bruder an einer neuen Ausgabe des vergriffenen Skitourenführers «Winterwelt Jura». Eine gleichnamige Website und App, in der Schnee- und Lawinensituation täglich aktualisiert werden, unterstützt die Publikation. Trotz des Namens Jura reicht das Einzugsgebiet bis in den Schwarzwald und die Vogesen. Doch auch hier fehlen die Bergriesen. Die Touren sind deshalb ein Rauf und Runter. Oft acht und mehr Stunden. Wer genug hat, kann die letzten davon im Bahnhofbuffet verbringen und sich Geschichten erzählen lassen. Lange muss man nicht darum bitten, denn die Menschen hier sind gesprächig.

Hinter dem Plattenbau

Der Tag beginnt im Zug. Das ist weniger ökologisch motiviert als vielmehr eine pragmatische Einsicht. Eine Juraskitour führt im Lauf des Tages auf viele Gipfel, durch kleine Ortschaften, und der Ausgangspunkt liegt oft weit vom abendlichen Ankunftsort entfernt. In Les Hauts-Geneveys wechseln sich Prunkvillen ab mit Plattenbauten. Der Einfluss der Uhren­industrie, welche mitverantwortlich für das hervorragende Eisenbahnnetz ist, ist nicht zu übersehen.

Hinter dem letzten Plattenbau beginnt der Wald. Fichten und Föhren werden dichter, bis wir kurz darauf mitten auf einer grossen Alpweide stehen. Ein ruhender Skilift führt auf den 400 Höhenmeter höher liegenden Tête de Ran, kein eigentlicher Gipfel wie so oft hier, sondern einfach die höchste Erhebung in einer langen Kette. Wir steigen unlogisch auf, traversieren, ohne wirklich an Höhe zu gewinnen. Immer wieder bleibt Silbernagel stehen und notiert sich GPS-Punkte: «Ich will sehen, wo im Wald ein Durchkommen ist.» Zwar ist auf Karten ersichtlich, wo Wald steht und wo nicht, doch die genaue Beschaffenheit kann man nur vor Ort eruieren. Manchmal ist eine Schneise derart von Büschen durchsetzt, dass man lieber auf dem Waldweg bleibt.

Oft ist Silbernagel allein unterwegs. «Soll der Führer rechtzeitig erscheinen, muss ich die guten Tage nutzen.» Diese sind nicht im Überfluss vorhanden. Heute ist so einer, trotz Sturm. Regelmässig wird Silbernagel von einer Wolke aus aufgewirbeltem Schnee erfasst, die ihn trotz der giftgrünen Jacke fast vollständig verschwinden lässt. Das einsame Losziehen – was in den Alpen, gerade im Hochwinter, gefährlich ist – ist im Jura vertretbar. Wer kennt nicht das Gefühl von ein paar Stunden, einem Tag allein da draussen? Die Gedanken arbeiten, während die Ski sich langsam ihren Weg durch den Schnee suchen. Das ist Ski­reisen. Eine Reise muss nicht ans Ende der Welt führen.

Muss nicht, kann aber. Im Film «Nord» durchquert Jomar ganz Norwegen, zuerst im Schneemobil, schliesslich auf Ski, um seinen vierjährigen Sohn zu finden, der 900 Kilometer entfernt leben soll. Er durchlebt eine Flut existenzieller Erfahrungen und fährt schliesslich in einem sakralen Licht den letzten Hang hinunter – und sieht, wie sich ein alter Mann im See ertränkt. Eine Jura­skitour bietet das alles in der Regel nicht, zum Glück. Doch ein wenig lädt die Landschaft ein, über sich selbst nachzudenken und die Frage zu stellen, wer da eigentlich mitten im Nichts auf zwei Ski geht. Oder sie lädt ein, vorübergehend einfach Teil von diesem Nichts zu sein.

«Die Spannung, die zwischen den beiden Winden entsteht, führt schliesslich zum Gewitter.»Daniel Silbernagel, Bergführer

900 Kilometer hat der Jura nicht zu bieten, doch für den neuen Führer haben die Silbernagels eine Schwarzwald-Jura-Haute-Route erarbeitet, die über 280 Kilometer bis kurz vor Genf führt.

Gerade an solchen Tagen, an denen die Bedingungen in den Alpen schlecht sind, ist der Jura eine ernst zu nehmende Alternative. Nach dem ersten Kamm folgt eine schöne Abfahrt – die Unterlage ist fest, gut zehn Zentimeter Neuschnee kamen im Verlauf des Morgens dazu. Nun stehen wir vor der Entscheidung, ob wir nach Westen gehen und La Chaux-de-Fonds das Ziel unserer Tour ist, oder ob wir von hinten auf den Tête de Ran aufsteigen und zurück nach Les Hauts-Geneveys fahren. Silbernagel entscheidet sich für die zweite Option, da er die eigentliche Fortsetzung der Tour in die grösste Stadt der Freiberge bereits kennt und lieber noch den Aufstieg von Westen auf den Tête de Ran auskundschaften will. Im Aufstieg setzt Graupel ein, plötzlich ist ein Blitz zu ­sehen, der Donner bestätigt das Wintergewitter. Der morgendliche Südostwind wurde im Tagesverlauf von einem Nordweststurm abgelöst. «Die Spannung, die zwischen den beiden Winden entsteht, führt schliesslich zum Gewitter», erklärt Silbernagel. Wir gehen weiter, mächtige Tannen liegen umgeknickt am Boden. Sie zeugen von Burglind, dem vergangenen Wintersturm.

Plötzlich dringt Hundegebell zu uns. Über die weite, weisse Ebene stürmt ein massiger Vierbeiner, bleibt auf halber Strecke stehen und bellt unregelmässig weiter. Als wir uns entfernen, trottet er zu seinem freistehenden Hof zurück. Unter «Schlüsselstellen» widmen die ­Silbernagels den Hunden sowie Stacheldrahtzäunen ein eigenes Kapitel. Gefährlich sind sie nicht. Bei Hunden ­genügt es, seinen Weg fortzusetzen und im Zweifelsfall einen Kreis um den Hof zu machen, die Stacheldrähte erkennt man mit etwas Aufmerksamkeit problemlos.

Bedauerliche Gegenwart

Auf dem Tête de Ran reisst der Himmel plötzlich auf. Den Wind im Rücken fällt der Blick auf die Hochebene des ­Val-de-Ruz, dahinter glänzt der Neuenburgersee metallisch. Wo normalerweise die Berner Alpen aus dem Mittelland aufsteigen, liegen aber nach wie vor dichte Wolken. Um 180 Grad gedreht, schlägt der Wind ins Gesicht, und La Chaux-de-Fonds ist zu sehen. Die Stadt ist irgendwie zu gross, fast 40 000 Menschen wohnen hier auf rund 1000 Meter über Meer. Wüsste man nicht um die goldenen Zeiten der Uhrenindustrie, würde man sich fragen, wieso so viele Menschen in diese karge Gegend gefunden haben. Es folgt eine erstklassige Abfahrt in der Schneise des Skilifts direkt vor das Bahnhofbuffet. Der Schnee fällt nun wieder dicht, und der Ort scheint trostlos verlassen.

Umso erstaunlicher ist die laute Geselligkeit, die einem beim Eintreten entgegenschlägt. Fast jeder Tisch ist besetzt. Im Séparée sitzt eine begraute Damen­gesellschaft bei Tee und Kuchen. Silbernagel beginnt, die GPS-Punkte auf eine Karte zu übertragen, und notiert Beobachtungen in ein Notizheft. Gleichzeitig leitet er seine Beobachtungen an das ­Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos weiter, wo das tägliche Lawinenbulletin ermittelt wird. Neugierig blickt der Tischnachbar und will wissen, was da gemacht wird. Und schon erzählt er nostalgisch von früher, als ein ganzes Netz von Skiliften die verschiedenen Hügelketten miteinander verbunden hat und die Gegend wirtschaftlich blühte. Die stillgelegten Bahnanlagen, die heruntergekommenen oder die umgebauten Fabrikgebäude, der Kaffee für 3.40 Franken – was wir Städter als Jura-Romantik geniessen, ist für ihn bedauerliche Gegenwart. Ob der Jura den Alpen einen Schritt voraus ist?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.01.2018, 17:47 Uhr

Artikel zum Thema

Dem Himmel so nah

Die Abfahrt vom Klein Matterhorn nach Zermatt ist im Frühling ein unvergleichliches Naturerlebnis. Mehr...

Magische Erlebnisse auf dem Eis und zu Wasser

Winterspass in Interlaken: Ein grosszügiger Eisbahntraum für 71 Tage oder eine zweistündige Kajaktour auf dem Brienzersee. Mehr...

Heidi sucht das Weite

Selfie-süchtige Touristen, die in Interlaken vom Wetterpech verfolgt werden, finden Trost – in Heidi’s Photo Chalet. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Besuch aus der Heimat: Die Schweizergardisten im Vatikan stehen stramm, denn Bundesrat Alain Berset ist auf Visite. (12. November 2018)
(Bild: Peter Klaunzer) Mehr...