Mit Harry und Lars zum Hugo-Erfinder

Im Oberengadin verbindet ein einsames Tal den Fuhrhalter in Bever mit dem Gastwirt in Spinas. Die Kunden des einen sind die Gäste des anderen.

Wintertraum: Linard Ruffner und seine Freiberger Wallachen Lars und Harry kutschieren die Gäste von Bever zurück nach Spinas. Video: Markus Schlumpf (Travelcontent)

Der Weiler Spinas, weit hinten im Val Bever, besteht im Wesentlichen aus einem Wirtshaus, das die Reputation einer kulinarischen Oase geniesst, und einem Bahnhof. Hier halten die Züge der Rhätischen Bahn nur auf Verlangen. Wer am Morgen kurz nach neun in Chur abgefahren ist, tut gut daran, aufs Anhalte-Verlangen zu verzichten und bis Bever, der nächsten regulären Haltestelle, sitzen zu bleiben.

Denn dort wird er von einem Kutscher und zwei Pferden erwartet: Linard Ruffner und seine Freiberger Wallachen Lars und Harry machen die vier Kilometer lange Reise zurück nach Spinas zum Wintertraum. Der fahrplanmässige Anschluss an den öffentlichen Verkehr ist sichergestellt: Bahnhof Bever ab 11.15 Uhr, Gasthaus Spinas an 12.00 Uhr – pünktlich zum Mittagessen.

Es war noch dunkel an diesem Morgen, als Linard und seine Frau Angie im Stall die Kühe versorgten. Die beiden haben zusammen vier Töchter. Angie führt den administrativen Papierkrieg und geht Linard, wo immer es nötig ist, rat- und tatkräftig zur Hand. «Ohne Angie wäre das alles gar nicht möglich», sagt er und macht sich, während seine Frau bei den Hühnern zum Rechten schaut, auf den Weg zur Pferdekoppel.

Er ist der Erfinder des Cocktails Hugo: Wirt Roland Gruber, bekannt als AK Gruber. Foto: Nicola Pitaro

«Harry, Lars – kömend», ruft er. «Hüt sind ihr dra!» Die beiden lösen sich aus der achtköpfigen Herde und begrüssen munter schnaubend den Chef. Linard reinigt die mit Spike-Noppen verstärkten Hufeisen und striegelt mit einer dicken Bürste das braune Fell. Schliesslich schleppt der Fuhrhalter das Zaumzeug herbei und schirrt die beiden an.

Derweil macht sich auch AK Gruber auf den Weg zur Arbeit. Seit vier Jahren führt der 47-jäh­rige Südtiroler den Berggasthof Spinas. Seinen prächtigen Vollbart pflegt er so gründlich wie seinen Ruf als Vollblut-Gastronom – und jenen als schräger Vogel. Ersteres macht die Speisekarte deutlich, auf der Bündner Capuns neben Tiroler Knödeln stehen. «Und das mit dem schrägen Vogel», lacht AK, der schon lange nicht mehr auf seinen bürgerlichen Vornamen Roland hört. «Das kann ich sofort unterschreiben!»

Grüner Kontrast zum orangen Aperol Spritz gedacht

«AK war einmal der Spitzname, mit dem ich oft gehänselt wurde», holt er zu einer längeren Erklärung aus. «Heute habe ich daraus einen Künstlernamen gemacht, auf den ich stolz bin.» AK stehe für Alber Knecht. Während seiner kaufmännischen Lehre habe er sich oft und gerne ins Nachtleben gestürzt, und da sei ein gewisser Franz Alber sein Mentor geworden: «Der hat mir meine Flausen so gründlich ausgetrieben, dass ich der werden konnte, der ich bin. Dafür bin ich dankbar. Er ist gestorben, aber in meinen Namen lebt er weiter.»

Ein stahlblauer Himmel wölbt sich über den Bergen. Lars und Harry laufen so bedächtig über den festgefrorenen Schnee, dass Linard um die fünfzig Eier, die er neben sich auf den Kutschbock gelegt hat, nicht besorgt sein muss. Er beliefert Freund AK im Spinas nicht nur mit Kundschaft, er löst zugleich ein, was die Speisekarte verspricht: «Frische Eier vom Hof des Bauern Linard Ruffner in Bever».

Startort für die Nostalgiefahrt ins Val Bever: Das 600-Seelen-Dorf Bever. Foto: Nicola Pitaro

«Dort oben . . .» Der Kutscher zeigt hinauf zum Gebirge, wo am Horizont ein weisser Mast in den Himmel ragt. «Damit können wir per Fernzündung Lawinen auslösen.» Neben seinem Engagement als Landwirt und Fuhrhalter ist Ruffner auch Mitglied der Lawinenkommission.

Im Spinas steht AK in wadenfreier Knickerbocker-Montur hinter der Bar und füllt ein bauchiges Weinglas zu einem Drittel mit Prosecco. Er kippt Sodawasser und Zitronenmelissesirup dazu, würzt das Ganze mit frischen Minzblättern und schmeisst noch ein paar Eiswürfel rein – fertig ist der Hauscocktail. Vor 15 Jahren hatte er den Mix in seiner ersten eigenen Kneipe kreiert, der San-Zeno-Bar im Heimatdorf Naturns. «Ich wollte all den orangen Aperol-Spritz-Drinks einen grünen Kontrast entgegensetzen – und ja, die Damenwelt wollte ich schon auch betören!» Die weiblichen Gäste sollen es denn auch gewesen sein, die sich auf einen Namen einigten: Der Hugo war geboren.

Eine uralte Tradition zu neuem Leben erweckt

Mit einer ausladenden Bewegung weist Linard Ruffner auf die Wälder an den Hängen und die Felswände darüber. «Dort oben ist unser Maiensäss. Und dort, das ist alles mein Revier, dort schiesse ich im Herbst den Hirsch und das Gämschi.» Man nimmt es ihm ab, wenn er sagt: «Keiner kennt dieses Tal so gut wie ich!» Am liebsten, fährt er fort, und auch das kommt glaubhaft rüber, seien ihm die Tiere – die wilden in der Natur, die er hegt und manchmal auch tötet, die ­nützlichen im Stall, die er pflegt, füttert, melkt oder vor die Kutsche spannt – und auch Luis, den Haushund, den er vor kurzem Silvana geschenkt hat, seiner jüngsten Tochter. «Ohne Tiere könnte ich nicht sein.»

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Die Berghänge rücken näher zusammen, am Himmel zieht Schleiergewölk auf, und am Ende des Weges taucht zwischen den Bäumen ein gelbes Gebäude auf: Das Spinas ist in Sichtweite, Hunger und Durst melden sich nun so richtig, bei den Menschen in der Kutsche ebenso wie bei den Pferden, die sie ziehen: Hinterm Haus sind die Tröge mit frischem Heu und mit Wasser gefüllt.

Der Gastwirt und der Fuhrhalter – zwei Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Hier der mit seiner Scholle verwurzelte Bergbauer, der so gut wie nie sein Tal verlässt. Mit kräftigen Pferden, uralten Schlitten und historisch kostümierten Frauen wird er am kommenden Samstag die Schlitteda Engiadinaisa anführen, eine uralte Tradition, die in Bever ein halbes Jahrhundert lang in Vergessenheit geraten war. Bis Linard Ruffner sie wieder zum Leben erweckte. Und da der Weltenbummler, der von St. Moritz über München und Sylt die berüchtigtsten Nachtclubs aufgemischt und nebenbei einen Cocktail erfunden hat, der rund um den Globus angesagt ist. «Allerdings», räumt AK Gruber ein, «machen es fast alle falsch: In den echten Hugo darf kein Holunder rein – nur Zitronenmelisse und Minze.»

Dieser Beitrag ist Teil einer Serie, die von Engadin St. Moritz Tourismus finanziert wird. Die redaktionelle Verantwortung liegt bei der SonntagsZeitung.



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