Familien-Eis

Sonntagsausflug auf die Bündner Alp Raguta, wo die Attingers Europas höchste Natureisbahn pflegen und in den kommenden Tagen auf olympisches Edelmetall hoffen.

Wo Steine und Wolken geschoben werden: Curlen auf der Alp Raguta. Foto: Daniel Schifferli

Wo Steine und Wolken geschoben werden: Curlen auf der Alp Raguta. Foto: Daniel Schifferli

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

An diesem frühen Samstagvormittag Mitte Januar sind in der Berghütte auf der Alp Raguta, hoch über der Bündner Talschaft Domleschg, drei Generationen auf den Beinen: Lu, mit fünf Jahren der jüngste Spross der Familie Attinger, hat sich die Kartonkrone über den Kopf gestülpt, die vom Dreikönigstag übrig geblieben ist. König Lu schaut Rita zu, seiner Mutter, die am grossen Tisch geriebene Kartoffeln mit Mehl vermengt. Für ihre Maluns, eine Bündner Delikatesse, die mit Alpkäse und Apfelmus serviert wird, ist die Raguta-Küche weit über die Region hinaus bekannt.

Derweil heisst Ritas Mutter Evi die ersten Gäste willkommen, eine Curling-Gruppe aus Zürich, die sich für einen Kurs angemeldet hat. Vor der Berghütte glitzert eine blanke Eisfläche in der Morgensonne; sie hat diesen besonderen Ort noch bekannter gemacht als Ritas Kartoffelspeise: Mit 600 Quadratmetern auf knapp 2000 Metern über Meer ist Raguta die höchstgelegene Natureisbahn auf dem Kontinent. Wenn nicht gar auf dem Planeten.

Curler mögen nur möglichst glattes Eis

Sorgfältig zieht der Eismeister ein hölzernes 50-Liter-Bierfass hinter sich her, aus welchem heisses Wasser aufs Eis fliesst. «Wir Curler sind auf möglichst glattes Eis angewiesen», erklärt Evi Attinger. «Dieses Gerät ebnet die Rillen wieder ein, die Schlittschuhkufen hinterlassen.» Und leise fügt sie an: «Kurt hat diese improvisierte Eismaschine erfunden ? und sie funktioniert noch immer einwandfrei!»

Vor sieben Jahren erlag Evis Mann einem Krebsleiden. Kurt war eines von sechs Kindern des Curling-Pioniers Peter Attinger aus dem zürcherischen Gockhausen, der, so Evi Attinger, «diesen Sport in seiner modernen Form aus Kanada in die Schweiz brachte». Darüber hinaus hat er eine veritable Curling-Dynastie begründet: Alle sechs Kinder sind Spitzen-Curler geworden. Kurt und Evi haben 1984 gar zwei Vize-Weltmeistertitel in die Schweiz geholt.

Die Alpweide auf dem Gebiet der Bündner Berggemeinde Feldis fiel Kurt Attinger vor zwanzig Jahren auf, eine terrassenförmige Ebene mit prächtiger Aussicht auf das Bergpanorama, bei den Einheimischen als Raguta bekannt: grosser Platz. Und Attinger hatte eine kühne Vision: «Das ist der perfekte Ort für eine Natureisbahn!»

Es ist viel Fronarbeit nötig

Der gelernte Möbelschreiner erschloss eine Wasserquelle und baute einen alten Kuhstall zur Bergwirtschaft um. Im Sommer 2002 stand die Infrastruktur, im folgenden Winter wurde die Weide mit Teppichen und Plastik­folien abgedeckt, mit einem Rahmen eingefasst – und schliesslich mit Wasser in eine Eisfläche verwandelt. Die Gründung des Vereins IG Raguta sicherte die Zukunft der Natureisbahn auch wirtschaftlich: Von Dezember bis Februar unterhalten zweihundert Vereinsmitglieder mit sehr viel Fronarbeitsstunden und hundert Franken Jahresbeitrag ein hochalpines Paradies für Curling-Sportler, Eisstockschützen und Schlittschuhläufer, das weltweit seinesgleichen sucht.

«Die Alp Raguta ist in der Tat ein Familienbetrieb», sagt Evi Attinger, die seit Kurts Tod dem Verein als Präsidentin vorsteht und diese Aufgabe mit Tochter Rita teilt. «Aber das liegt nicht nur an den Attingers. Alle, die mit ihrem Engagement im Verein das Eiswunder Raguta möglich machen, gehören zu dieser Familie. Und alle, die uns besuchen ? auf dem Eis oder in der Beiz ? natürlich auch.» Wer Mitglied eines Curling-Vereins ist oder bei Evi einen Schnupperkurs in der Gruppe belegen will, ist auf dem Natureis willkommen ? und tut gut daran, sich zuvor anzumelden. Schlittschuhe braucht man nicht: Im Raguta-Fundus sind alle Schuhgrössen zwischen 22 und 47 vorrätig. Und für die Curler gibt es Überschuhe ? einen, der schön rutscht, für den linken und einen, der gut bremst, für den rechten Fuss.

Die Nichte kämpft um olympisches Edelmetall

Ein Fernsehgerät sucht man in der Gaststube vergeblich. «Das brauchen wir ebenso wenig wie Hudigäggeler-Musik», sagt Evi Attinger. «Bei uns soll es familiär und gemütlich sein.» In den kommenden Tagen und Wochen allerdings wird sie sich des Öfteren zurückziehen ? irgendwohin, wo sie einen TV- oder Computerbildschirm mit Live­stream findet. Denn ab Donnerstag greift in der südkoreanischen Stadt Pyeongchang die Schweizer Mixed-Mannschaft gegen das chinesische Team ins Curlingturnier ein. Auch Esther Neuenschwander wird Steine schieben und mit dem Besen übers Eis wischen. Sie ist eine Enkelin des Curling-Pioniers Peter und die Nichte von Evi Attinger, auf deren Eis sie noch vor wenigen Wochen trainiert hat. Jetzt möchte sie die Familientradition fortsetzen – am liebsten mit olympischem Edelmetall.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 02.02.2018, 17:05 Uhr

Anreise

Mit dem ÖV: mit dem Postauto von Chur nach Rhäzüns, mit der Luftseilbahn nach Feldis und mit dem Motta-Sessellift zur Alp Raguta. Fünf Minuten Fussweg zur Natureisbahn.

Mit dem PW: A 13 bei Rothenbrunnen verlassen, weiter Richtung Feldis. Von der Alp Raguta führt ein Schlittelweg zur Talstation in Feldis.

Info
www.alpraguta.ch

Artikel zum Thema

Lernen Sie das Olympia-Land kennen

Infografik Südkorea hat sich trotz blutiger Geschichte zu einer der wichtigsten Industrienationen entwickelt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Grosse Namen

Zum Runden Leder Hüppi happy!

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Spiel mit der Blase: Ein Mädchen spielt mit Seifenblasen in der Nähe des Brandenburger Tors in Berlin. (14. Februar 2018)
(Bild: EPA/HAYOUNG JEON) Mehr...