Exkursion zu Eismonstern

Sonntagsausflug nach Naters, wo das Alpenmuseum World Nature Forum den Wissbegierigen Gletscherwelten erschliesst.

Noch misst der Aletschgletscher 23 Kilometer: Schmilzt das Eis, verliert nicht nur der Rollibock, sondern auch der Gletscherfloh sein Habitat. Fotos: Swiss Image; Laudo Albrecht

Noch misst der Aletschgletscher 23 Kilometer: Schmilzt das Eis, verliert nicht nur der Rollibock, sondern auch der Gletscherfloh sein Habitat. Fotos: Swiss Image; Laudo Albrecht

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Im Oberwallis kennt ihn jedes Kind: Der Rollibock ist ein finsterer Geselle. Feurig wie glühende Kohlen funkeln die Augen, mächtige Hörner wachsen aus dem knochigen Schädel, der Zottelpelz ist mit Eiszapfen gespickt. In den dunklen Spalten des Aletschgletschers wacht er darüber, dass der Mensch sich nicht an der Natur versündigt. Wer Kristallklüfte plündert, Pflanzen frevelt oder Gämsen wildert, zieht seinen Zorn auf sich. Dann kommt der Rollibock heraus und stürmt und tobt über Fels und Eis, bis gewaltige Brocken losbrechen und ins Tal donnern – zu den Häusern der Menschen.

Ähnlich furchterregend wie der Rollibock wirkt, durchs Mikroskop betrachtet, ein Wesen, das ebenfalls im Eis zu Hause ist und sich bei Temperaturen unter dem Nullpunkt am wohlsten fühlt: Im einst ewigen, nunmehr schrumpfenden Alpeneis gilt der Gletscherfloh als endemisch – ein einzigartiges Phänomen. Dabei misst er keine zwei Millimeter und ist, genau genommen, gar kein Floh, sondern ein Springschwanz, der, wenn er die Flucht ergreift, in hohen Sätzen das Weite sucht. Wie ein Floh eben.

Seit vor zwei Jahren in Naters das World Nature Forum die Tore geöffnet hat, braucht man sich nicht mehr warm anzuziehen, um den Rollibock und den Gletscherfloh kennen zu lernen. Gleich beim Eingang empfängt die polternde Sagengestalt den Besucher. Dem hüpfenden Winzling begegnet man zwar nicht leibhaftig, dafür enthüllt die Ausstellung das Geheimnis seiner Kälteresistenz: Das einzige Lebewesen, das es jahraus, jahrein im Eis aushält, produziert ein körpereigenes Frostschutzmittel.

Der Aletschgletscher, noch immer knapp 23 Kilometer lang und an seiner mächtigsten Stelle mehr als 900 Meter tief, ist die grösste zusammenhängende Eismasse Europas – und sozusagen das gefrorene Herz einer Gebirgsszenerie, die von der Unesco vor 17 Jahren zum Weltnaturerbe gekürt worden ist. Das Label «Swiss Alps Jungfrau-Aletsch» umfasst, vom Lauterbrunnental über die Berner Viertausender und die Walliser Sonnenterrassen bis hinunter zur Talsohle, eine Fläche von nahezu 1000 Quadratkilometern auf dem Gebiet von zwei Kantonen und 23 Gemeinden.

Von diesen gebührt Naters sozusagen der Bergpreis: Zwischen dem Gipfel des Aletschhorns und dem Eingang zum «modernsten Museum der Alpen», wie das World Nature Forum sich selbst rühmt, liegen 3500 Höhenmeter. Grund genug, das Besucherzentrum des Unesco-Welterbes dort einzurichten, wo auch in spiritueller Hinsicht beste Beziehungen nach ganz oben gepflegt werden: Die grosse Mehrheit der päpstlichen Gardesoldaten stammt aus Naters.

Die weissblauen Wogen eines Ozeans ziehen vorbei

Grau und kantig wie ein kolossaler Findling wirkt das Forum, wenige Gehminuten vom Bahnhof Brig entfernt. Fünfzehn Jahre und 49 Millionen Franken haben Planung und Bau des Campus in Anspruch genommen – eine lange Zeit, sehr viel Geld. Doch beides ist gut investiert: Das alpine Showspektakel, mit verspielter Fantasie und modernster Technologie in Szene gesetzt, besticht durch eine ausgewogene Mischung aus Information und Faszination. Es erhebt gar eine kühne Vision zur erleb­baren Illusion: Mit einer Gletscherbahn auf Kufen wollte man das Jungfraujoch einst auch vom Wallis her erschliessen. Heute nimmt man in einem historischen Waggon der Jungfraubahn Platz und lässt die erstarrten Wogen eines weissblauen Ozeans am Fenster vorbeiziehen. Das Eis des Aletschgletschers, zum Greifen nah . . .

Das World Nature Forum ist Alpenmuseum, Gletscherspektakel, Erlebnisgastronomie, Event-Location – und nicht zuletzt ein wissenschaftliches Projekt, verbunden mit einem Lehrstuhl am Geographischen Institut der Universität Bern. Die lokalen Auswirkungen der Klimaveränderungen werden gemessen und – beispielsweise am Kilimandscharo in Tansania – mit entsprechenden globalen Werten abgeglichen.

Fest steht, dass die Baumgrenze im zentralen Alpenraum kontinuierlich ansteigt, während das Gletschereis dramatisch abschmilzt – derzeit zieht sich die Aletsch-­zunge jährlich um fünfzig Meter zurück.

Wenn dieser Trend anhält, wird in spätestens hundert Jahren der Gletscher verschwunden und der nunmehr heimatlose Gletscherfloh ausgestorben sein. Überleben wird nur der Rollibock – als Monster, das die Museumsbesucher begrüsst.

World Nature Forum: Geöffnet Dienstag bis Sonntag www.jungfraualetsch.ch (SonntagsZeitung)

Erstellt: 04.11.2018, 00:29 Uhr

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