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«Es geht noch schneller»

Dani Arnold muss es wissen. Während vier Jahren hielt der Urner Bergsteiger die Rekordzeit in der Eigernordwand. Dann holte sich Ueli Steck die Krone zurück. Beide sind sie überzeugt: Die Zeit wird fallen.

In unter drei Stunden die Eigernordwand hoch: Dani Arnold ist einer der wenigen, die das können. Foto: Thomas Ulrich (Visualimpact)
In unter drei Stunden die Eigernordwand hoch: Dani Arnold ist einer der wenigen, die das können. Foto: Thomas Ulrich (Visualimpact)

Steigt man aus der Jungfraubahn und schaut hoch in die Eigernordwand, denkt man sich: «Unglaublich, dass dieses Monster in unter zweieinhalb Stunden durchklettert wurde.» Steigt man dann aus der Wand, zwei volle Tage hatte man für den Durchstieg gebraucht, denkt man sich: «Unmöglich . . . wie zum Henker?!» Den ganzen langen Abstieg über die Westflanke hirnt man.

Aber es ist so: 2008 gelingt Ueli Steck der Rekorddurchstieg auf der Heckmair-Route (2 Stunden 47 Minuten), 2011 kommt Dani Arnold (2 Stunden 28 Minuten) und 2015 wieder Steck (2 Stunden 22 Minuten). Und es wird vermutet, dass die Zeit in Zukunft weiter fallen könnte – unter zwei Stunden! Weniger lang, als man für den Abstieg über die Westflanke gebraucht hat. Antworten müssen her.

Herr Arnold, wie klettert man in unter drei Stunden durch die Eigernordwand?

In erster Linie muss man eine gute sportliche Leistung erbringen, die notwendigen Nerven haben, überhaupt solo in die Wand zu steigen, und dann auch noch schnell und sauber klettern können. Danach ist es für mich aber vor allem eine Frage der Bedingungen. Es braucht schlicht gute Verhältnisse, damit man in der Eigernordwand schnell unterwegs sein kann.

Wie sehen die aus?

Der Schnee in der Wand sollte gut gesetzt sein, wir reden dann von Trittfirn. Es gibt viele Stellen, die absolut simpel sind, wenn eine solide Schneeschicht darüberliegt. Fehlt sie, kann die gleiche Stelle gleich viel heikler sein und Zeit kosten. Zum Beispiel die berüchtigten Platten, die es immer wieder mal hat: Da findet man mit den Steigeisen kaum Halt. Liegt dann festgefrorener Schnee darauf, merkt man nicht einmal, dass man über eine heikle Platte geht.

Der Schnee macht es also einfacher?

Sofern er gut gesetzt ist, ja. Zu viel ist aber auch schlecht. Es sollte genügend Schnee haben, um zumindest teilweise eine zusammenhängende Linie zu bilden. Ein Anhaltspunkt ist etwa die Verbindung zwischen dem ersten und dem zweiten Eisfeld. Ist dann noch eine ausgetretene Spur vorhanden, umso besser. Gleichzeitig sollten die Schlüsselstellen trocken sein: Die Abschnitte «Schwieriger Riss», «Wasserfallkamin» oder «Quarzriss» kann man deutlich schneller klettern mit blossen Händen, als wenn man ständig mit den Eisgeräten Halt suchen muss oder gar noch Pulverschnee rausputzen muss. Bei solchen Voraussetzungen brauche auch ich zwei volle Tage für die Wand.

Eine ausgetretene Spur? Wie oft gibt es das in der Eigernordwand?

Sehr bald einmal, wenn die Verhältnisse eine Begehung zulassen. Dass die Wand in gutem Zustand ist, verbreitet sich heute auch durch die sozialen Medien wie ein Lauffeuer: Bergsteiger, die den Eiger auf dem Radar haben, sind relativ gut vernetzt. Das sieht man dann daran, dass plötzlich ganze Horden in der Wand sind, kaum dass das Wetter stabil ist und jemand zuvor seine Begehung publik machte. Letzten Dezember gab es ein solches Fenster, als es über längere Zeit trocken und schön war. Und zuletzt Anfang April: In einer Nacht sassen zehn Bergsteiger im Todesbiwak, weitere vier im Spanierbiwak weiter oben und nochmals einen Stock höher zwei vor dem Götterquergang. Das sind sechzehn Leute insgesamt, die gemeinsam die Nacht in der Wand verbrachten.

Ihr Rekord von 2011 hat vier Jahre gehalten, seit 2015 ist er wieder bei Ueli Steck. Waren Sie enttäuscht?

Ich kann das sehr sachlich sehen. Es war ein gutes Gefühl, während vier Jahren die schnellste Zeit zu haben. Aber es war auch klar, dass diese eines Tages unterboten wird. Ich trauere dem aber nicht nach, das Bergsteigen entwickelt sich, das ist klar.

Ueli Steck sagte nach seinem erneuten Rekord, die Nordwand werde eines Tages in unter zwei Stunden geklettert werden.

Ich glaube auch, dass es noch wesentlich schneller geht. Das sah ich auch bei mir selber. Ich habe mich 2011 nicht spezifisch vorbereitet. Ich hatte viel zu viel Material dabei, denn es war das erste Mal, dass ich solo in die Eigernordwand einstieg. Dass ich dann gleich Uelis Zeit unterbieten konnte, war für mich selber überraschend. Aber es zeigte auch, dass es noch Luft nach oben gibt. Wie viel schneller es jetzt noch geht, ist schwierig zu sagen.

Werden Sie selber auch wieder einmal einen Versuch starten?

Ich weiss es nicht, ehrlich. Im Moment ist es keines meiner Hauptziele. Ein neuer Rekord würde mir wohl auch nicht mehr so viel bedeuten. Wenn ich ein Ziel habe, dann muss es mich richtig fordern und motivieren, und diesen Reiz hat die Eigernordwand im Moment einfach nicht mehr.

Aber Sie hätten Optimierungspotenzial.

Bestimmt, ich würde deutlich weniger Material mitnehmen, etwa kein Seil mehr. Und ich würde mich besser akklimatisieren. Ich musste andere Kletterer an unangenehmen Stellen überholen, das war auch nicht so optimal. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Ich finde das aber auch irgendwie doof. Damals war es gut so, und ich hatte grosse Freude beim Klettern. Das war das Einzige, was zählte.

Wer ausser Ihnen und Steck könnte den nächsten Rekord erbringen?

Ich denke vor allem an Leute, die auch stark aufs Laufen setzen. Die könnten mit ihrer Kondition nochmals etwas Zeit rausholen.

Vom Laufen? Das klingt seltsam.

Natürlich bleibt es alles in allem eine bergsteigerische Angelegenheit, aber man muss die Entwicklung im Bergsteigen sehen: schnell und leicht unterwegs sein, das Material überdenken und optimieren. Ich denke da zum Beispiel an den Spanier Kilian Jornet, der schon zahlreiche Viertausender in verblüffenden Zeiten mit blossen Turnschuhen hochrannte, auch das Matterhorn.

Dennoch: Die Eigernordwand bleibt doch eine Klettertour.

Jein. Natürlich bleiben die zwingenden Kletterstellen, die man auch einigermassen zügig meistern muss. Aber über die gesamte Wand betrachtet, ist die Heckmair-Route auch sehr viel normales Steigen in einfacherem Gelände. Davon zeugt auch, dass die Länge der Route die Höhe deutlich übersteigt: Für die 1800 Meter Wandhöhe legt man mit etlichen Quergängen rund 4 Kilometer Distanz zurück. Allein den ganzen Vorbau bis zum Stollenloch, den kann man regelrecht hochjoggen.

Das tönt gefährlich. Muss ein Speedbegeher auch zwangsläufig bereit sein, ein hohes Risiko einzugehen?

Das würde ich so nicht sagen. Ich persönlich schätze das Risiko eher klein ein. Die Fehlertoleranz ist gross. Es gibt nur ganz wenige Stellen, an denen man nicht ausrutschen darf. Das tönt jetzt vielleicht seltsam und darf nicht falsch verstanden werden, auf keinen Fall sollten Amateure diese Meinung adaptieren und die Wand unterschätzen. Aber ich bin die Route jetzt schon 15-mal hochgestiegen, mit jedem Mal lernt man das Gelände besser kennen und kann es besser einschätzen. Und wenn ich von Ausrutschen rede, dann natürlich nicht im Sinne eines eliminierenden Sturzes, bei dem ich jeglichen Halt verliere.

Sondern?

Eher davon, dass mir vielleicht mal ein Eisgerät oder ein Steigeisen wegspringt, also einer von vier Fixpunkten. Solange ich mit den anderen drei solid stehen bleibe, passiert mir nichts. Es ist dieses Gespür, das man mit der Zeit entwickelt. Mit jeder Begehung lernt man eben auch die Einzelstellen kennen und weiss genau, wie man sie angehen muss.

Gibt es dennoch Stellen, die Ihnen im Vorfeld Bauchweh machen?

2011 hatte ich schon sehr grossen Respekt, gerade vor dem Wasserfallkamin und dem sehr exponierten Götterquergang. Das hätte ich jetzt nicht mehr. Ich habe inzwischen eine grosse Erfahrung im Soloklettern, ich weiss ziemlich genau, was möglich ist und was nicht. Für mich war die Carlesso-Route in den Dolomiten ein ganz grosser Höhepunkt: eine 650 Meter hohe Kalkwand. Im Gegensatz zum Eiger befindet man sich hier die ganze Zeit in der «No-Fly-Zone» – hier würde jeder Ausrutscher den sicheren Tod bedeuten.

Die Schlüsselseillänge der Carlesso-Route ist mit 7a+ bewertet. In diesem Grad macht auch ein guter Kletterer locker einen Abflug. Hand aufs Herz: So etwas ist riskant.

Ich hatte zu keinem Zeitpunkt ein ungutes Gefühl. Von daher war es nicht riskant, denn ich erbrachte die Leistung, die es mir ermöglichte, die Kontrolle zu behalten. Klar ist es potenziell sehr riskant – dann, wenn ich auf den Zufall setzen muss, wenn ich einen Griff anhechte, die Ausdauer verliere, ausrutsche. Das darf es beim Soloklettern nie geben. Darum wird es für mich immer etwas ganz Spezielles bleiben, das ich nicht allzu oft machen werde.

Gibt es nicht ein gefährliches Verlangen nach mehr?

Nein. Ich habe seither jedenfalls nichts mehr in diesem Stil unternommen und habe im Moment auch nichts geplant. Die Begehung der Carlesso-Route machte mich sehr stolz, an so etwas kann ich mich lange freuen. Was mir ein bisschen Angst macht, ist, dass ich jetzt automatisch das Gefühl habe, alles in deutlich leichteren Schwierigkeiten müsste gut gehen. Unfälle passieren aber bekanntlich oft dann, wenn man sie nicht erwartet.

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