Einfach ziehen lassen

Die Bretagne ist ein Paradies für Kajakfahrer und Kanuten. Die Wassersportler können zwischen Fluss, Kanälen und dem Meer wählen

Hier lässt sich die Bretagne vom Wasser aus erkunden: Kajakfahrt auf der Vilaine bei Rennes. Foto: Thomas Crabot

Hier lässt sich die Bretagne vom Wasser aus erkunden: Kajakfahrt auf der Vilaine bei Rennes. Foto: Thomas Crabot

Ronan Gac taucht das Paddel ins Wasser der Vilaine. Es regnet wie aus Kübeln. «Am liebsten bin ich auf dem Wasser unterwegs, wenn es so richtig schüttet, denn ich bin gern allein.» Nun, Regen kann er haben. In der Bretagne giesst es oft, nicht von ungefähr ist der Nordwesten Frankreichs so schön grün.

Was solls, am Ende des Tages ist Ronan Gac ohnehin nass – Trockenanzug hin oder her. Gac arbeitet als Kajak-Trainer und Tourenbegleiter im Wassersportzentrum Cesson-Sévigné. Er organisiert Ausflüge mit Schulklassen, gibt Kajak-Kurse, vermietet Boote an Touristen. Unter den Gästen sind viele Engländer. Die treiben traditionell gern Wassersport und haben auch kein Problem mit Regen.

Besucher sehen hier echten Könnern beim Training zu: Cesson-Sévigné ist ein Leistungszentrum für Kanuten und Kajakfahrer, die um Medaillen für Frankreich kämpfen. Die künstlich geschaffene Wildwasseranlage hat sogar einen kleinen Wasserfall. Mit etwas Glück trifft man hier auch Jean-Pierre Bourhis. Er trat für Senegal bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro an und studiert an der Universität von Rennes. In seiner Freizeit zeigt er Studenten, wie man Stromschnellen meistert und wie man sie, ent­sprechendes Können vorausgesetzt, hinauffahren kann.

Steinhäuser, Mauern und Trauerweiden

Cesson-Sévigné, vor den Toren der bretonischen Hauptstadt Rennes gelegen, ist ein idyllischer Ort mit viel Geschichte, die bis in die galloromanische Zeit zurückreicht. Die Römerstrasse verlief hier. Die stattliche Brücke über die Vilaine, unter der man mit dem Kajak durchfahren kann, zeugt davon. Der Fluss wird gesäumt von grauen bretonischen Steinhäusern, Mauern und vielen Trauerweiden. Die romantische Kulisse nutzten die Bewohner aus Rennes für Sonntagsausflüge. Bis in die Sechzigerjahre kamen sie in die Guignettes genannten Ausflugslokale, um Schnecken zu essen und zu Akkordeonmusik zu tanzen.

Die Kajakfahrer sind im Übrigen nicht die Ersten, welche die ­Vilaine und die mit ihr verbundenen Kanäle zum Vergnügen und zur Ertüchtigung nutzen. Besonders die Kanäle ziehen viele Kajakfahrer an. Heute ist Cesson-Sévigné ein guter Startpunkt, um die Bretagne vom Wasser aus zu ­erkunden.

Kanäle durchziehen Frankreichs Nordwesten wie ein Adersystem. Bevor die Freizeitsportler die Wasserrouten für sich entdeckten, waren sie Transportwege, auf denen Güter und Lebensmittel vom Landesinneren in die Hafenstädte und bis nach Paris transportiert wurden. Man könnte von Cesson aus zu einer mehrtägigen Tour nach Saint-Malo auf dem Canal-d’Ille-et-Rance aufbrechen. Oder einen Teil der Strecke von Nantes nach Brest befahren. Den Bau hatte Napoleon angeordnet. Fertiggestellt wurde die Wasserstrasse aber erst 1842 – und 1848 von Napoleon III. eröffnet.

Der idyllische Künstlerort Pont-Aven ist das Ziel eines halbtägigen Ausflugs. Foto: Getty Images

Etwa zehn Tage dauert es, die Strecke auf dem Kanal zurückzulegen. Gut 200 Schleusen machen den 360 Kilometer langen Wasserweg zu einer gemütlichen Tour ohne Gefälle.

An den Ufern liegen stille Dörfer mit schönen alten Häusern und pittoresken Kirchen. Zu schade, um einfach vorbeizufahren. Da ist etwa Nort-sur-Erdre mit einem winzigen Hafen, in dem kleine Jachten neben Kähnen fest­machen. Ebenso die Dörfer Blain, Guenrouët oder Redon: Im Ort trinkt man ein Gläschen mit Hausboottouristen oder Seglern, die allesamt auf dem Kanal unterwegs sind, und isst eine Galette-Saucisse, eine in Teig eingewickelte Schweinswurst. Die Bretonen lieben sie, der Rest der Welt muss erst noch lernen, sie zu lieben.

Tiefblaues Meer und weisse Strände

Es ist eine beschauliche Art des Vorankommens. Ab und an weisen Strassenschilder den Weg zur Küste. Dorthin, wohin es viele Wassersportler zieht, von denen nur wenige wissen, dass es ein paar Kilometer entfernt im Hinterland noch viel zu entdecken gibt. Wer sich nicht so recht entscheiden kann zwischen Fluss und Meer, wählt eine Kombination. Vincent Achard kennt die Küsten- und Flussregion in der südlichen Bretagne wie seine Schwimmwestentasche. Eine Tour beginnt bei ihm zum Beispiel am Strand von Raguenes, der zum Ort Névez gehört.

Der Künstlerort Pont-Aven ist das Ziel des halbtägigen Ausflugs. Im klapprigen Lieferwagen mit Bootsanhänger geht es hinunter zum Strand. Vom Ufer aus blickt man hinüber auf die Insel Groît und andere kleine Eilande. Flach wie skandinavische Schären liegen sie im Wasser, dazwischen tief­blaues Meer, weisser Sand, ein paar Möwen in der Luft. Und jede Menge Stille.

Vincent macht die Boote klar. Er holt Leinen, Schwimmwesten, Regencapes, einen warmen Pullover aus dem Wagen. Er denkt an alles – aber wozu die Leine? «Wenn du müde wirst, nehme ich dich ins Schlepptau.» Das Ablegen vom Strand ist eine knifflige Angelegenheit, aber schwimmt das Kajak erst einmal, verläuft die Reise sanft schaukelnd. Immer in Küstennähe, so kann sich auch der ungeübte Ausflügler ohne Angst auf dem Meer fortbewegen. Nur: Zu nah sollte man der Küste nicht kommen. An den herrlichen rosa Granitfelsen, für welche die Bretagne berühmt ist, schäumt das Wasser bedrohlich. So nähert man sich gemächlich der Anse de Rospico, einer tiefen, flachen Bucht. Mit dem weissen Sandstrand erinnert sie an eine tropische Lagune. Vorbei an Port Manech mit der befestigten Hafenanlage und einem Strand mit weissen Umkleidekabinen.

Und schon ist man mitten in der Mündung des Flusses Aven, arbeitet sich gemächlich stromaufwärts. Am Ufer stehen Herrenhäuser. Das silbern glänzende Dach des Château du Hénan lugt zwischen Baumkronen hervor. Gerade kann es einem gar nicht langsam genug gehen.

Irgendwann legt Vincent tatsächlich die Leine ans Besucherboot. Er hat gemerkt, dass die Anfängerin ein wenig flügellahm geworden ist. Wäre doch fast nicht nötig gewesen, man ist ja schon in Pont-Aven. Das Regencape war überflüssig. Es regnet oft, aber nicht immer in der Bretagne.

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