Ein Höhenweg zum Hochgenuss

Die neu kreierte Route du Bonheur verbindet das Berner Oberland mit dem Wallis. Sie verspricht lukullisches Glück, verlangt aber auch Ausdauer und zuweilen Trittsicherheit.

Die dreistündige Wanderung von der Gemmi zum Sunnbüel oberhalb Kandersteg (Bild) ist geradezu Nasenwasser. Fotos: Sabine Biedermann

Die dreistündige Wanderung von der Gemmi zum Sunnbüel oberhalb Kandersteg (Bild) ist geradezu Nasenwasser. Fotos: Sabine Biedermann

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Die Affiche verheisst nicht gerade eine anstrengende Wandertour: Relais & Châteaux, Routes du Bonheur, 62 «Gault Millau»-Punkte an Start und Ziel der Etappen. Ein Züglein bringt den Gast ins Simmental an die Lenk, der Hotelbus fährt zum Lenkerhof. Das war früher ein altes Kurhaus. Der Berner Unternehmer Jürg Opprecht sanierte es für 40 Millionen Franken – schon 2005 erhielt das Resort die Auszeichnung «Gault-Millau-Hotel des Jahres».

Noch ist süsses Nichtstun im Schwefel-Sprudelbad mit der schönen Fernsicht angesagt. Zu verdauen gilt es einen Zvieri auf dem Bühlberg, zu dem uns der Lenkerhof-­Direktor Jan Stiller chauffiert hat. Es folgt ein Dinner im Lenkerhof-Gourmetlokal Spettacolo. Beim Essen erklärt der lockere Chef des Hauses, dass manche Gäste, die eine gewisse Grandhotel-Steifheit erwarten, irritiert seien, wenn er in Jeans und offenem Hemd auftrete. Doch das jugendliche Image des Hauses sei gewollt.

Die Nacht ist wunderbar, man schläft bei offenem Fenster, doch frühmorgens pfeift ein anderer Vogel. Am Frühstücks­buffet stärkt man sich für den Tag, ahnend, dass man Energie brauchen wird. Start zur ersten Route du Bonheur für Wanderer: Es geht von der Lenk hinüber nach Crans-Montana im Wallis.

Mit leichtem Gepäck

Das Fährtchen im Hotelbus vorbei an satten Wiesen und einem Wasserfall zur Iffigenalp hinauf gleicht einem Abgesang auf die Zivilisation. Der Reiseveranstalter Eurotrek wird den Koffer ins Wallis transportieren, denn die Kundschaft, die zwischen den Häusern der Route du Bonheur unterwegs ist, wandert mit leichtem Gepäck: ein Rucksack mit Sonnencreme, Mineralwasser, Sandwich und Müesliriegel. Misstrauisch beäugt die Wandergruppe die steilen Felsen. Man denkt an Laotse: «Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt.» Aus einem werden 10, 50, 100. Der Weg ist steil. Und doch dünkt es einen, wenn man sich keuchend umblickt, man habe erstaunlich rasch an Höhe gewonnen.

Wir erreichen die Rawil-Passhöhe auf 2429 Meter über Meer. Rawil? Unten im Berg sollte einst ein Autobahntunnel das Simmental mit dem Wallis verbinden. Wäre das Projekt nicht 1984 wegen des Widerstands der Bevölkerung und der schwierigen Geologie aus dem Nationalstrassenprogramm gekippt worden, hätte uns der Hotelbus vielleicht schon nach drüben gebracht. Doch wer auf dem alten Säumerpfad den Berg selber bezwungen, mit einsinkenden Schritten Schneefelder überquert hat, spürt bei aller Anstrengung eine Befriedigung, die eine Autofahrt niemals geben kann.

Steiler Abstieg vom Rawilpass Richtung Lac de Tseuzier.

Trittsicher wie Maulesel verlieren wir auf der Walliser Seite Höhenmeter, bis wir nach einem flachen Ausklang den Lac de Tseuzier auf 1777 Meter über Meer erreichen. Im Beizli steht eine gemütliche Bierrunde an, perfekt nach der sechsstündigen Wanderung.

Und wieder prüft uns die Versuchung, erneut in Gestalt eines Hotel­busses, den uns die Hostellerie du Pas de l’Ours aus Crans-Montana schickt. Nicht Schwindelfreie nehmen das Angebot dankbar an. Denn jetzt wartet die Strecke durch die Bisse du Roan.

Nur für Schwindelfreie: Der Weg durchs Ertenze-Tal.

Der Weg durchs Ertenze-Tal folgt den alten Wasserkanälen, die seit dem 15. Jahr­hundert in den Felsen angelegt wurden, um die Wasserversorgung im notorisch trockenen Wallis zu verbessern. Der Weg ist nicht mehr steil, sondern angenehm, zumal er oft im Schatten der Bäume verläuft. Doch links gehts steil nach oben, rechts schroff nach unten. Man mag nicht darüber nachdenken, was bei einem Misstritt passieren könnte, wenn kein Geländer da wäre – oder wenigstens ein Seil.

Der verwandelte Wanderer

Nach drei weiteren Wanderstunden geben wir der Versuchung des Hotelbusses freudig nach. Genug ist genug. In einer halben Stunde verwandelt sich der verschwitzte Wanderer mit den summenden Muskeln unter der Regendusche in ein zivilisiertes Wesen, würdig, die provenzalisch angehauchten Kreationen des Sternekochs Franck Reynaud in der Hostellerie zu verzehren.

Was das Wandern betrifft, haben wir das Ärgste hinter uns. Leukerbad erreichen wir im Kleinbus. Nach einem Cüpli im Badehotel Les Sources des Alpes schwebt die Seilbahn hoch auf die Gemmi. Die Wanderung zurück ins Bernbiet ist mit einer Dauer von drei Stunden und geringen Höhenunterschieden geradezu Nasenwasser. Und im Sunnbüel erwartet uns erneut ein Bähnli, das uns nach Kandersteg hinunterbringt.

Nach dem Dinner im Waldhotel Doldenhorn liegt man in der Suite unter dem Dach und ist rückblickend froh, dass die Sonne nicht dauernd vom Himmel gestochen hat, sondern ein stetes Lüftlein Kühlung brachte. Zum Einschlafen trommeln feine Regentropfen aufs Dachfenster. Genau richtig.

Die Reise wurde unterstützt von Relais & Châteaux.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.07.2017, 16:52 Uhr

Route du Bonheur

Zu Fuss vom Berner Oberland ins Wallis


Campieren mit Glamour nennt sich ­«Glamping». Folglich müsste Hiking für komfortbewusste Gourmetwanderer «Gliking» heissen. Wer auf der Route du Bonheur zwischen dem Berner Oberland und dem Wallis unterwegs ist, steigt in Luxushotels mit Spa ab, die eine von «Gault Millau» prämierte Küche pflegen: der Lenkerhof an der Lenk, die Hostellerie du Pas de l’Ours in Crans-Montana, das Hotel Les Sources des Alpes in Leukerbad und das Waldhotel Doldenhorn in Kandersteg.

Alle vier gehören zur Vereinigung Relais & Châteaux, die man in Frankreich und im angelsächsischen Raum besser kennt als in der Deutschschweiz. Sie verbindet stilvolle gehobene Hotellerie mit vorzüglicher Küche. Das Gepäck wird durch Eurotrek zwischen den Hotels transportiert. Die Arrangements können individuell zusammengestellt werden. Wer mehr Zeit mitbringt, kann in den einzelnen Hotels einen Verwöhntag einschalten. Diese alpine Route du Bonheur ist eine Weltpremiere: Bis anhin fuhr man motorisiert auf zwei oder vier Rädern auf den unzähligen globalen Varianten von einer Relais-&-Châteaux-Herberge zur andern. (mdü)

www.relaischateaux.com
www.eurotrek.ch

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