So wie er hat noch keiner die Schweiz durchquert

Auf einer Linie wie mit dem Lineal gezogen, läuft Bergsteiger Thomas Ulrich von West nach Ost. Wie das geht.

Immer geradeaus: Das Video-Interview mit Thomas Ulrich. Video: Tamedia Webvideo mit Material von Valentin Luthiger

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Diese Tage dürfte der Abenteurer Thomas Ulrich seine Direttissima durch die Schweiz beenden. Der in den Bündner Bergen gefallene Schnee bremst ihn zwar auf der Zielgeraden, dennoch sollte seiner erfolgreichen Querung nichts mehr im Weg stehen.

Seit dem 3. Juli ist er unterwegs von West nach Ost. Er nutzt dabei lediglich den Korridor von 500 Metern nördlich und südlich des Breitenkilometers 1160. Will heissen: Ulrich konnte sich nicht einfach auf angelegten Wanderwegen bewegen, sondern musste sich seinen Weg stets selber innerhalb des Korridors suchen – meistens querfeldein. Anfangs führte ihn das durch die Wiesen und Hügel des Jura und des Waadtlands. Dann erhoben sich die Freiburger Voralpen, darauf die mächtigen Gipfel des Berner Oberlands und schliesslich die Bündner Alpen bis nach Italien. Nach Möglichkeit nutzte er den Gleitschirm. Insgesamt misst die Tour 330 Kilometer und 45'000 Höhenmeter. Es ist nicht das erste Mal, dass dieses geografische Abenteuer realisiert wird. Die Idee stammt von einer Gruppe Bergsteiger unter der Leitung von Markus Liechti, die im Sommer 1983 die Schweiz im selben Korridor durchquerte.

Es war die Zeit, als die Direttissima im Bergsteigen an Bedeutung verlor – die Idee, wonach der Weg auf den Gipfel nicht möglichst einfach, sondern möglichst direkt verlaufen sollte, egal welche Schwierigkeiten dabei zu überwinden waren. Ein regelrechter Wettlauf um die geradeste Linie entstand um die 1960er-Jahre. Man wollte sich mit geraden Linien an den grossen Nordwänden verewigen. Am Eiger führen die Japaner- und die Tschechen-Direttissima oder die legendäre John-Harlin-Direttissima ziemlich direkt auf den Gipfel. Doch die Frage nach Sinn und Unsinn drängte sich auf, das Freiklettern nahm Überhand und beendete das sture, meist in technischer Kletterei ausgeübte, geradeaus – zumindest in der Vertikalen.

Infografik: Quer durch die Schweiz Grafik vergrössern

Nichts sprach allerdings dagegen, die Direttissima in die Horizontale zu verlegen. Die Pioniere um Liechti setzten den Korridor entlang dem Breitenkilometer 1160, da, wo sich die Schweiz am weitesten von West nach Ost erstreckt. Sie kamen allerdings an gewissen Punkten nicht darum herum, ihn zu verlassen. Etwa bei der Etappe von der Kleinen Scheidegg Richtung Schreckhorn: 1983 schien es keinen anderen Weg zu geben, als unterhalb des Mittellegigrats nach Süden über den Gletscher und ausserhalb des Korridors abzusteigen. 34 Jahre später ist das anders: Ulrich hat einen Weg gefunden, freigegeben vom schmelzenden Eis. Manchmal musste er auf unkonventionelle Methoden zurückgreifen. Als er nach Lauterbrunnen abstieg, stellte sich die legendäre Felswand in den Weg, wo sich die Basejumper gerne in die Tiefe stürzen. Ulrich seilte sich die 250 Meter ab. Die Leute, mit denen er danach auf dem Zeltplatz ins Gespräch kam, konnten sich über seine ungewohnte Anreise nur die Augen reiben.

Auf einer Eisscholle im Meer

«Es hat mich schon lange gereizt, wieder einmal etwas in der Schweiz zu machen», erläutert Ulrich vor zwei Wochen, als er am Fusse des Eigers vorbeikommt. Es ist ein regnerischer Montag, doch der Betrieb auf der Kleinen Scheidegg ist der übliche: Halbstündlich bringen die Wagen der Jungfraubahnen Touristen hoch zum Jungfraujoch. Doch brauchte es den Korridor als Rahmenbedingung, um etwas in der Schweiz zu unternehmen?

Die Antwort muss man in Ulrichs Lebenslauf suchen. Er setzt sich etwas abseits in der Wiese auf einen Stein und erklärt, wie auch er als junger Bergsteiger die gängigen Bergtouren hier unternommen habe, vor allem die grossen Nordwände. «Aber so richtig abgeschieden bist du selbst da nicht», er nickt rüber zu Eiger, Mönch, Jungfrau. So habe es ihn früh in die «echte» Wildnis getrieben: Patagonien, Norwegen, Grönland – und die Arktis. Dort, wo Abgeschiedenheit und Widrigkeiten am grössten waren, schien sich Ulrich am wohlsten zu fühlen. Sein grosses Ziel: alleine von Sibirien nach Kanada zu wandern über das arktische Eis, teilweise schwimmend, wenn die Eismassen nicht zusammenhängend waren. 2006 kostete ihn der Versuch beinahe das Leben, er konnte sich im letzten Moment auf eine im Meer treibende Eisscholle retten.

Dennoch konnte er von der Idee nicht ablassen, tastete sich letztes Jahr noch mal mit einer erkundenden Expedition an das gewaltige Unterfangen heran. Er musste sich jedoch eingestehen, dass der Traum verblasst war. «Ich bin des Abenteuers bestimmt nicht müde, aber die Arktis-Traverse ist vorbei für mich. Vielleicht im nächsten Leben.» Als Ulrich dann die Berichte der ersten Schweiz-Direttissima von 1983 studierte, war die Neulancierung für ihn logisch. «Ich muss gestehen, dass ich die Schweiz gar nicht so gut kenne», sagt der staatlich geprüfte Bergführer erstaunlicherweise. Die Direttissima bedeutete, das Land so kennen zu lernen, wie kaum jemand es kennt: meist abseits der Wege, in direkter Auseinandersetzung mit all ihren Facetten – Wind, Wasser, Felsen, Gletschern, Grashängen, Schluchten und Gräben. Zu seinem eigenen Erstaunen entdeckte er dabei, was er früher nur fern der Heimat zu finden glaubte. «Eigentlich ist man gar nicht so weit weg von der Zivilisation, aber weil man sich eben diesen Korridor gesetzt hat, ist man trotzdem mitten in der Wildnis.»

Nur einer Handvoll Menschen ist er unterwegs begegnet, meistens Hirten oder Jägern. Als er einmal ein paar Hundert Meter wieder einen Wanderweg benutzen kann, fühlt es sich seltsam an. «Das kommt nahe an das heran, was ich auf meinen Expeditionen suchte, als ich täglich während zehn Stunden durch Einöden zog, Schlitten von bis zu 200 Kilogramm hinter mir herziehend mit allem, was ich brauchte.»

Vertretbare Risiken

Auf der Kleinen Scheidegg deutet Ulrich schliesslich seinen Korridor in der Landschaft an, er hat sich das Kartenbild eingeprägt, weiss genau wo er hin darf und wo nicht. Fast die ganze Infrastruktur ist tabu – der Bahnhof mit Restaurants, Souvenirshops und Hotels, dort, wo es den Abenteurer sowieso nicht gerade hinzieht. Doch Ulrich ist nicht mehr so streng mit sich selber, wie in jüngeren Jahren: «Wenn es erforderlich ist, biwakiere ich. Aber wenn es bequemere Alternativen gibt, dann verbiete ich mir die auch nicht.» Die folgende Nacht verbrachte er im Hotel Eigernordwand – das knapp in seinem Korridor liegt. Tags darauf stand die komplizierte Etappe durch den östlichen Ausläufer ebendieser Eigernordwand an. «Da erwartet uns wohl das typische Eigergelände: Bänder mit brüchigem Fels, abwärtsgeschichtet . . .», hatte er gemutmasst, Informationen waren kaum vorhanden aus diesem für Bergsteiger unbedeutenden Wandteil.

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Schliesslich gelang es, auf der ganzen West-Ost-Traverse durch die Schweiz den Korridor nie zu verlassen. Überprüfen kann man das im Internet, wo ein GPS-Tracker jeden Meter aufzeichnete. Manchmal bedeutete das besondere Strapazen und auch ein etwas höheres Risiko. Beim Abstieg vom Schreckhorn schrieb der Korridor eine denkbar unlogische Route mitten durch gefährliche Spaltenzonen vor. «Da musste ich meine ganze Erfahrung einbringen. Wäre es zu gefährlich geworden, hätten wir natürlich den Korridor verlassen. Aber es klappte mit vertretbaren Risiken.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.07.2017, 17:38 Uhr

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