Die Stille zwischen Felswänden und Klostermauern

Sonntagsausflug ins Val Müstair, wo Schweigen geboten ist – in der Natur und im Kloster.

«Leider sind wir nur noch wenige, und die wenigen sind auch schon betagt»: Schwester Domenica, die Priorin, im Garten des Klosters.

«Leider sind wir nur noch wenige, und die wenigen sind auch schon betagt»: Schwester Domenica, die Priorin, im Garten des Klosters. Bild: Helmut Wachter

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Man muss, wenn man die Stille in der Natur hören will, den Atem anhalten und die Augen schliessen. Dann vermengen sich das Gurgeln des Bergbachs, der den Wanderer begleitet, und das Flüstern des Windes, der die golden verfärbten Wipfel der Lärchen umspielt, mit dem Rauschen des Blutes im eigenen Körper zu einem geheimnisvollen Klangteppich.

Weit im Südosten, in der hintersten Ecke der Schweiz, jenseits von Nationalpark und Ofenpass, lässt das milde Klima die Baumgrenze weit über die 2000-Meter-Marke ansteigen. In abenteuerlichen Serpentinen windet sich die Passstrasse talwärts, hinunter in eine liebliche, grüne Landschaft, die bei Einheimischen Val Müstair heisst und nur von Auswärtigen Münstertal genannt wird.

Gleich hinter der Passhöhe führt ein Wanderweg ins abgelegene Val Mora, eines der letzten Bergtäler, die weitgehend unberührt, gänzlich unbesiedelt und noch so richtig wild geblieben sind. In den wenigen Wochen zwischen Sommerhitze und Winterfrost, wenn der Herbst die Mischwälder – Buchen, Arven und Lärchen, aber auch Kastanien- und Nussbäume – in glühende Farben taucht, wird das Val Mora zum Tummelplatz für unerschrockene Biker und ausdauernde Hiker.

Und manchmal verschlägt es auch schon mal den Wolf oder einen Bären hier herauf ...

Nach gut zwanzig Kilometern und knapp acht Stunden mündet der Wanderweg beim Dorf Santa Maria wieder ins Val Müstair.

Das rätoromanische Müstair leitet sich ab von Monasterium, das im Lateinischen für Kloster steht. Dieses steht seit über 1200 Jahren unter der Schutzherrschaft des heiligen Johannes, und es steht am Ende eines Tals und am Rand des Ortes, die beide zu Ehren des Klosters St. Johann Müstair heissen.

Gastronomie als wichtigste Einnahmequelle

1983, nachdem renommierte Kunsthistoriker die Bedeutung der karolingischen Fresken erkannt hatten, die bei Restaurationsarbeiten auf den alten Mauern zutage getreten waren, adelte die Unesco das Kloster mit dem Gütesiegel «Weltkulturerbe». Seither klopfen nicht mehr nur Pilger, die auf dem Jakobsweg die Alpen westwärts Richtung Santiago de Compostela queren, an der Klosterpforte an. Auch Kulturtouristen und Naturfreunde aus aller Welt erkundigen sich immer häufiger nach einem Nachtlager in der Herberge zwischen Klostermauern.

«Die Gastronomie ist mittlerweile unsere wichtigste Einnahmequelle geworden», sagt Schwester Domenica, 74, die seit fünf Jahren als Priorin die Geschicke des Klosters leitet – und sich um die Zukunft sorgt. «Leider sind wir nur noch wenige, und die wenigen sind auch schon betagt.» Die jüngste der zwölf Schwestern vom Benediktinerorden sei 51, die älteste 87 Jahre alt.

«Es gibt heute kaum noch junge Frauen, die bereit sind, ein Leben in der Gemeinschaft eines Klosters zu führen.» Schwester Domenica seufzt: Das möge vor allem an den drei Gelübden liegen, die eine Klosterfrau einhalten müsse: Enthaltsamkeit, Ortstreue, Gehorsam. Von diesen dreien, bekennt Schwester Domenica, sei ihr der Gehorsam immer am schwersten gefallen. «Aber das ist jetzt besser geworden.» Inwiefern denn? Da lacht sie verschmitzt. «Seit ich Priorin bin, sind es die anderen, die mir gehorchen müssen!»

Wer still ist, vernimmt den Gesang der Engel.

Jetzt ruhen ihre Hoffnungen einerseits auf dem Papst: «Er allein kann einen Erlass verfügen, wonach diese Gelübde nicht mehr ein Leben lang gelten, sondern zeitlich beschränkt werden können. Das würde vielleicht mehr junge Frauen motivieren, ins Kloster zu gehen.» Andererseits setzt sie auf ihre Gäste, die in der bescheidenen Kloster-Herberge absteigen. «Wir geben ihnen auch die Möglichkeit, an Exerzitien teilzuhaben, an unseren Gebeten – und auch am Schweigen.»

Da ist sie dann wieder – die grosse Stille. Draussen, in der Natur, unter den Bergwänden, war sie so erhaben. Hier, zwischen den Mauern des Kulturtempels, ist sie vor allem andächtig. Aber hören kann man sie auch hier: Wer den Atem anhält, die Augen schliesst und tief in sich hineinlauscht, vernimmt den Gesang der Engel.

Oder sind es doch die Nonnen?

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 31.08.2018, 22:33 Uhr

Übernachten im Kloster

Das Gästehaus im Kloster St. Johann, Müstair, verfügt über 19 Betten in 14 Zimmern. Je nach Kategorie kostet die Übernachtung zwischen 60 und 80 Franken. Führungen durchs Klostermuseum im Plantaturm können im Klosterladen gebucht werden. Im November ist das Gästehaus geschlossen, das Museum ist ganzjährig geöffnet.

Reservationen: 081 851 62 23, gaestehaus@kloster-muestair.ch

Museum: 081 858 61 89, visit-museum@muestair.ch

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