Die schönste Sackgasse der Alpen

Ganz hinten im Kleinwalsertal hört die Strasse auf, und man fühlt sich wie am Ende der Welt. Die Skipisten im Wintersportgebiet verbinden Österreich mit Deutschland.

Vom Bergrestaurant Hahnenköpfle aus hat man einen herrlichen Panoramablick auf die Bergwelt ringsum. Foto: Vario Images

Vom Bergrestaurant Hahnenköpfle aus hat man einen herrlichen Panoramablick auf die Bergwelt ringsum. Foto: Vario Images

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Plötzlich macht die Strasse eine Spitzkehre. Vor dreissig Minuten sind wir im bayerischen Oberstdorf in den Bus gestiegen, und schon sind wir ganz hinten im Kleinwalsertal angekommen, in Baad, Vorarlberg, Österreich. Und hier endet die Strasse einfach, ringsum Berge. Ein Weiterkommen ist nur noch zu Fuss möglich. Beziehungsweise auf Schneeschuhen. Oder mit Langlaufski auf der Steinbock-Loipe den Duurabach entlang. Es fühlt sich tatsächlich ein bisschen wie das Ende der Welt an.

Das Kleinwalsertal ist eine Sackgasse – im Moment wohl die schönste der Alpen. Strahlend blau der Himmel, glitzernd weiss der Schnee. Wir sind im ruhigsten Winkel des Tals angekommen. Und gleichzeitig sind wir da, wo der Fremdenverkehr im Grunde genommen angefangen hat: Um anno 1300 herum sind Familienverbände aus dem schweizerischen Wallis über die Pässe ins Tal gekommen, haben es also aus heutiger Sicht von hinten her besiedelt. Die Walser verliessen ihre Heimat, weil sie dort kein Auskommen mehr hatten, es ihnen zu eng geworden war oder weil Feudalherren sie mit rechtlichen Privilegien lockten. Noch immer sprechen alteingesessene Talbewohner einen Dialekt, der an das Walliserdeutsch erinnert. «Lönd s jucka» heisst es auf der Naturerlebnis- Karte von Kleinwalser Tourismus.

Durch die Unterwelt zum Eisfall

«Jucka» wäre aber bei unserem nächsten Ausflug keine gute Idee: Steil hinunter geht es auf teilweise rutschigem Weg, zum Glück haben wir die Wanderschuhe angezogen. Immer enger schliessen sich die Felswände um uns. Wähnten wir uns erst noch am Ende der Welt, scheinen wir jetzt in der Unterwelt unterwegs zu sein. Dann stehen wir hinter einem zu Eis erstarrten Wasserfall: Disney hätte das nicht besser hingekriegt.

Der Breitachklamm liegt am Eingang des Tals, das nur durch das deutsche Oberstdorf zu erreichen ist. Wir sind von der Walserschanze hinuntergestiegen, dort, wo vor 126 Jahren der Zollanschlussvertrag abgeschlossen wurde, der das österreichische Kleinwalsertal zum deutschen Wirtschaftsgebiet schlug, was manch seltsame Blüte trieb und treibt: So war dort, bevor der Euro eingeführt wurde, die offizielle Währung nicht der österreichische Schilling, sondern die Deutsche Mark. Die Telefonzellen nahmen zwei Währungen an, und noch immer gilt im Tal die deutsche ­Warenumsatzsteuer.

Doch jetzt ist «Schgii faara» angesagt. Die auf vier Gebiete verteilten 47 Liftanlagen machen Technikgeschichte erlebbar und repräsentieren wohl sämtliche Modelle von Skiliften, die im Tal je in Betrieb waren, seit um 1940 mit dem Skilift Parsenn der Wintertourismus hier angekommen ist. «Bei uns gibt es den schnellsten und den gemütlichsten Lift des Vorarlbergs und Deutschlands gleich nebeneinander», sagt Elmar Müller von Kleinwalsertal Tourismus.

Im Ledersessel auf den Berg

Die neue Olympiabahn, ein Sechsersessellift mit Sitzheizung im Skigebiet Ifen, bringt uns im Eiltempo bergauf. Sie hat einen Kurvenschlepplift ersetzt, auf dem es zwischendurch auch bergab ging. Daneben aber «hötterlet» ein Zweiersessellift so langsam zur Ifenhütte hinauf, dass es nicht schwerfällt, unterwegs Tierspuren zu bestimmen. Im Skigebiet Fellhorn/Kanzelwand schweben wir auf echten Ledersesseln sitzend auf die Obere Alpe. Und im Parsenn gibt es eine Kombibahn, auf der Sessel und Gondeln sich abwechseln. Das sei ein für Familien speziell geeignetes Skigebiet, erklärt uns ein Einheimischer. Und für Kinder seien Gondeln viel angenehmer und sicherer als Sessel.

Die Skigebiete sind untereinander verbunden, zum Ifen verkehrt ein Pendelbus. Alle Lifte sind mit demselben Skipass zugänglich. Sie bieten 130 Kilometer Pisten, wobei man dabei laufend von Österreich nach Deutschland und zurück carvt. Das abwechslungsreiche Skigebiet beginnt im Talboden zwischen 800 und 1250 Metern, der höchste Punkt ist die Gipfelstation am Nebelhorn auf gut 2200 Metern. Dank Schneeanlagen lässt es sich aber auch bei längerer Trockenheit und frühlingshaften Temperaturen bis zur Talstation fahren.

Die einzige Gemeinde im Tal, Mittelberg, besteht aus vier Orten, hat etwa 5000 Einwohner und doppelt so viele Gästebetten. Die Häuser konzentrieren sich die Talstrasse entlang, und der Umstand, dass die Besiedlung kaum ausufert, ist wohl ein Grund dafür, dass wir uns hier der Natur so nahe fühlen. Trotz der vielen Lawinenverbauungen, die uns stets vor Augen halten, dass die ­Natur nicht nur Idylle bedeutet.

Wandern auf dem Gottesacker

Als wir die Bergstation der Kanzelwandbahn verlassen, verschlägt es uns kurz die Sprache: Der Rundblick ist umwerfend. Aber nicht einmalig. Ein älteres Ehepaar, das uns beim Luftschnappen beobachtet hat, sagt: «Die allerschönste Aussicht bietet die Bergstation auf dem Walmendingerhorn.» Da widerspricht ein Herr nebenan: «Aufs Nebelhorn müsst ihr, auch wegen des architektonisch tollen neuen Gipfelrestaurants.» Wir behielten unseren Favoriten für uns: das Hahnenköpfle. Die gemütliche Ifenbahn bringt uns zur dortigen Berghütte mit frisch zubereiteten (und trotzdem bezahlbaren) Biogerichten, wo wir dem mächtigen Karstklotz, der vom Talboden aus den Blick auf sich zieht, ganz nahe kommen. Wir kraxeln in den Skischuhen gut zehn Minuten zum Gipfelkreuz hinauf und überblicken eine Hochebene, den Gottesacker, wo sich ein erstklassiges Winterwandergebiet befindet.

Für Naturfreunde und Familien

Im Ifen ist der Dornröschenschlaf noch etwas ahnbar, in welchen das Skigebiet um die Jahrtausendwende versunken war. Vor drei Jahren aber haben sich die vier Teilorte zur Tourismusgenossenschaft Kleinwalsertal zusammengetan, sodass alle am gleichen Strick ziehen. Das hat neue Impulse gegeben. Im Ifen stehen derzeit Investitionen in der Höhe von 30 Millionen Euro an – dabei ist auf diese Saison hin auch unser Zweiersessellift ersetzt worden.

«Wir überborden aber nicht», verspricht Elmar Müller. Dass man mit Bahnen neue Gebiete erschliesse, sei ohnehin nicht vorgesehen. «Unser Zielpublikum sind naturverbundene Individualtouristen und Familien.»

«Schneeschuhlaufen ist für alte Leute», sagt der Sohn missmutig, als wir uns zum Treffpunkt für eine Schneeschuhtour aufmachen. Der Verdacht, er befürchte vor allem, konditionell mit den «Alten» nicht mithalten zu können, kommt auf, als er mit einem Blick auf die beiden kleinen Hunde, die mit von der Partie sind, erklärt: «Was die schaffen, schaffe ich auch.»

Herbert Edlinger ist unser Führer – ein Original sei er, heisst es. «Hat er euch schon zu Tode geschwatzt?», rufen uns einheimische Langläufer zu. Der Gehänselte lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Er erstellt im Schnee ein Podest und breitet darauf einheimischen Käse, Geräuchertes von Rind und Wild und zum Schluss einen selbst gemachten Bergheusenf und einen Nussgeist aus. «Von grünen Walnüssen, die um den Johannistag geerntet werden», sagt er. «Mein Motto ist ‹Ernten ohne zu säen›.»

Deutsche oder Österreicher?

Derzeit besinnt man sich im Kleinwalsertal vermehrt auf die regionalen Besonderheiten, insbesondere in der Küche. Allen voran Herbert Edlinger. Er war Küchenchef in 4-Stern-Hotels, hat mit seiner Frau das Gipfelrestaurant auf dem Walmendingerhorn betrieben und stellt seit zehn Jahren Natur- und Walserprodukte her. Daneben bietet er Themenwanderungen an – während deren er tatsächlich viel, aber nicht zu viel über Tal und Leute erzählt. «Wir sind nirgends die Besten, aber an vielen Orten sehr gut», lautet sein Fazit. Und als wir ihn zum Schluss der Tour fragen: «Was seid ihr denn nun im Herzen: Deutsche oder Österreicher?», kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: «Walser.»

Schlussbemerkung in eigener Sache: Der Sohn legt Wert auf die Feststellung, dass er beim Schneeschuhlaufen mit den Hunden mitgehalten hat.

Die Reise wurde unterstützt von Kleinwalsertal Tourismus. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.11.2017, 17:40 Uhr

Kleinwalsertal
Tipps und Infos

Anfahrt Mit dem Auto ab Zürich in gut 2½ Stunden, mit dem Zug zwischen 4 und 5 Stunden über Lindau, Immenstadt, ­Oberstdorf (mindestens dreimal umsteigen).

Übernachten Zahlreiche meist kleinere Hotels und Gästehäuser. Jagdhof (Riezlern, zentral, Hallenbad mit Aussenbecken, Suite mit Sauna, Whirlpool und Kamin); Naturhotel Chesa Valisa (Hirschegg, Biohotel mit krea­tiver Küche, Wintergarten); Alte Krone (Mittelberg, familiär, Traditionshotel Hallenbad).

Essen Walserstuba (Riezlern), Wirtshaus Hoheneck (Mittelberg), Humbachstube im Alpenhof Jäger (Riezlern). Reservierungen empfehlenswert.

Einkaufen Mehrere Hofläden, zum Beispiel

Familie Abler (in Riezlern und Mittelberg), Wochenmarkt jeweils Freitag 9 bis 12.30 Uhr im Walserhaus Hirschegg, www.einfachgut.at

Skifahren www.das-hoechste.com (Tageskarte in der Hauptsaison für Erwachsene 47 Euro). Viel Betrieb zwischen Mitte Februar und Mitte März.

Wandern www.breitachklamm.com (zuweilen witterungsbedingt geschlossen).

Informationen www.kleinwalsertal.com (net)

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