Die Haute Route für den Turnschuh

Trailrunning ist auf dem Vormarsch – bald gibt es eine hochalpine Strecke durch die Walliser Alpen, die acht Hütten verbindet. Wir haben die Routenplaner bei der Rekognoszierung begleitet.

Rennend dem Gipfel des Pigne de la Lé entgegen. Zuhinterst steht das Matterhorn bereits in der Sonne. Foto: Patitucci Photo

Rennend dem Gipfel des Pigne de la Lé entgegen. Zuhinterst steht das Matterhorn bereits in der Sonne. Foto: Patitucci Photo

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Der Weg zum Pigne de la Lé ist steinig und steil. Nach der ­Moiry-Hütte hatte die Markierung von Rot-Weiss auf Blau-Weiss gewechselt. Man war gewappnet: alpiner Wanderweg. Dann mischten sich Schneefelder bei, der Weg wurde immer undeutlicher, und ab dem Col du Pigne gab es gar keine Markierungen mehr. Nur noch Weg­spuren und Steinmännchen. Oben angekommen, steht man auf einem echten Gipfel. Die ­Walliser Riesen – Matterhorn, Dent Blanche, Ober Gabelhorn – erwachen im Morgenlicht, selber steht man noch im Schatten. Der ­Pigne de la Lé ist mit 3400 Metern über Meer eine ganze Nummer kleiner, und doch darf man sich hier wie ein Bergsteiger ­fühlen. Wären da nur nicht die Turnschuhe an den Füssen.

Ist es der Klimawandel, der gesellschaftliche Wandel oder einfach die Entwicklung der Schuhe? Der Turnschuh rückt jedenfalls in immer höhere Gefilde vor, dorthin, wo bislang schweres Schuhwerk angesagt war, manchmal sogar Steigeisen.

Ueli Stecks Einfluss

Bergläufe haben eine lange ­Tradition, führten aber ein ­Nischendasein, das jetzt mit Trailrunning abgestreift wird. Die sogenannten Ultra-Tours bedienen ein Publikum, bringen Stars hervor wie den Spanier ­Kilian Jornet, die zu Werbeträgern und Schwergewichten in den sozialen Medien geworden sind. Eines der bekanntesten Rennen ist die Ultra-Tour am Montblanc: mit einer Streckenlänge von rund 180 Kilometern und einem Anstieg von 10'000 Höhenmetern, die man in knapp 48 Stunden zu bewältigen hat. Doch diese Wahnsinns­rennen sind keineswegs einer kleinen Elite vorbehalten. Trailrunning boomt auch auf der Amateur­ebene. Wenn etwa das Eiger-­Ultra-Trail-Rennen sein An­meldefenster öffnet, sind die ­zusammengenommen über 2000 Startplätze innert einer halben Stunde ausgebucht.

Dan und Janine Patitucci möchten die Entwicklung nicht so klar einem der eingangs genannten Faktoren zuordnen, es ist wohl die Mischung. «Wir ­haben das vor zwanzig Jahren schon gemacht, aber da war rennen in den Bergen mehr Mittel zum Zweck: Man wollte möglichst effizient zum Klettern, also ist man hingejoggt. Inzwischen ist Trail­running eine eigene Disziplin ­geworden.»

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Das Paar gehört seit zwanzig Jahren zu den gefragtesten Fotografen im Outdoorbereich. Sie betrachten die Berge aber nicht als Arbeitsumgebung, sondern zuerst als den Ort, wo sie kletternd, wandernd, Ski fahrend und in jüngster Zeit vor allem eben laufend ihrer Leidenschaft nachgehen. Man darf sie durchaus als treibende Kraft im weltweiten Trailrunboom verstehen. Jüngst haben sie einen Trail­runführer der Schweiz publiziert, wo sie die dreissig besten Läufe zusammengetragen haben. Dan war ein enger Freund von Ueli Steck, der seinerseits in seinen letzten Jahren selber immer mehr zum Laufen gefunden hatte. Steck betrachtete Laufen als grundlegenden Faktor, um sein schnelles Bergsteigen noch weiter voranzutreiben. So verlegte er gerne den Startpunkt für eine Begehung der Eigernordwand ins Tal, joggte in Grindelwald los und stand ein paar Stunden später auf dem Eigergipfel. Als Dan ihn einmal auf dem Hardergrat – einer scharfen, grasigen Grete, die sich über dem Brienzersee erhebt – ablichtete, gingen die Bilder viral. Sie verkörpern alles, was die Trailrun-Community (die sich übrigens auch sehr mit Instagram und Co. identifiziert und austauscht) anspricht: «Schaut her, das ist das neue Terrain der Läufer.»

Auf dem Pigne de la Lé sind sie heute früh dran, jeden Moment erreichen die ersten Sonnenstrahlen den Gipfel, die tiefen, schattigen Täler bilden einen ­angenehm ruhigen Hintergrund, vor dem sich die nun vorbei­rennende Dreiergruppe in bunter Kompressionsbekleidung und mit kleinen Rucksäcken ideal ­abhebt. Die Trailrun-Models ­rennen mehrfach hin und her, im Takt müssen sie sein, nicht in die Kamera schauen, Anstrengung und Lächeln sollen auf dem Gesicht harmonieren.

«Haute Routes sind eine fantastische Möglichkeit, die Berge zu erleben. Das wollen wir für Trailrunner erschliessen.»Janine Patitucci

Die Patituccis sind keine Fotografen, die Bestehendes ablichten, ihre Bilder sind vor allem Mittel, um ihre Vision voran­zutreiben. Via Valais heisst das aktuelle Projekt, für das die ­Fünfergruppe mehrere Tage im September unterwegs ist. Eine Haute Route von Verbier nach Zermatt, wie man es von der Patrouille des Glaciers kennt, nur eben nicht mit Ski, sondern mit Turnschuhen. «Die Zeit ist absolut reif dafür. Haute Routes sind eine fantastische Möglichkeit, die Berge zu erleben. Das wollen wir für Trailrunner erschliessen.» Acht Etappen wird die Via Valais umfassen, rund 220 Kilometer Distanz und 13'000 Höhenmeter. Nun suchen sie den besten Weg von Verbier nach Zermatt, jeden Meter wollen sie mit eigenen Augen gesehen haben. Wer dann einwirft, dass man das doch auch am Schreibtisch planen könnte – schliesslich seien Wander­wege auf der Karte ja eingezeichnet –, irrt. «Wir legen grossen Wert ­darauf, dass wir die besten Abschnitte kombinieren. Viele Trails haben wir in den letzten Jahren ausprobiert und nicht ins Programm aufgenommen.» Nebst dem Buch betreiben sie die Internetplattform Alpsinsight.com, wo sie Touren vorstellen.

Doch welchen Anforderungen muss denn ein Wanderweg genügen, um als guter Trailrun zu gelten? «Flow muss aufkommen. Der Weg darf nicht zu steil sein, nicht zu flach und nicht zu lose. Die Landschaft muss ansprechend sein. Man muss das Gefühl haben: Hier kann ich nicht nur, hier will ich rennen.» Doch nicht immer halten sie sich an diese Grundregel – zu verlockend ist es, die Berge auch dort zu erschliessen, wo man bisher als Bergsteiger unterwegs war. Auf Gletschern zum Beispiel. In ihrem Buch stellen sie Touren vor, wo teilweise kurze Gletschertraversen vorkommen, und mit dem Lagginhorn ist sogar ein Viertausender dabei. Da schwingt durchaus der Einfluss von Ueli Steck mit, der in einem trockenen Dezember kurzerhand Dan vorgeschlagen hatte, man könne doch das gemeinsame Lauf­training auf den Eiger verlegen, die Westflanke sei gerade in ­gutem Zustand.

Eine Frage der Verhältnisse

«Viele alpine Umgebungen sind absolut machbar mit einem Minimum an Ausrüstung», sagt Dan, nicht ohne sich des Risikos bewusst zu sein, das seine Aussage birgt. Keinesfalls will er etwas verharmlosen und niemanden dazu animieren, unüberlegt in die Höhe zu gehen. «Das Ganze ist natürlich enorm verhältnisabhängig, ein paar Schneeflocken oder Regen, ein bisschen Eis – und sofort ist man im Schilf mit seinen Turnschuhen.» Wer solches anstrebt, braucht also ein ziemlich breites alpinistisches Wissen, um die Verhältnisse am Berg einzuschätzen. Die Pati­tuccis kennzeichnen entsprechende Routen denn auch: «Ibex only» – nur für Steinböcke.

Für die Via Valais spielt all das wiederum weniger eine Rolle. Hier beschränken sie sich mehrheitlich auf klassisches Wandergelände, das eben zum Laufen animiert. Die Zückerchen, die am Bergsteigen kratzen, sind als ­Bonus im Programm. So steigt nur auf den Pigne de la Lé, wer die Extraschlaufe einbauen mag. Und sich auskennt. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 27.09.2018, 18:38 Uhr

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