So stürzen Sie sich ins Berg-Abenteuer

Mal rasch auf eine Bergtour? Gar nicht so einfach. Die grossen Anbieter haben das erkannt und reagieren darauf.

Alleine auf eine Skitour zu gehen, ist gefährlich. Zu zweit macht es zudem mehr Spass. Foto: Maxime Schmid (Keystone)

Alleine auf eine Skitour zu gehen, ist gefährlich. Zu zweit macht es zudem mehr Spass. Foto: Maxime Schmid (Keystone)

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Früh an einem Mittwochmorgen macht sich ein Confiseur, der in der Nordwestschweiz für seine Schokoladenkreationen bekannt ist, auf den Weg von Rheinfelden nach Basel, um dort seine Köstlichkeiten auszuliefern. Doch es befinden sich nicht nur Truffes im Laderaum, sondern auch ein Rucksack, Stöcke und Ski. Der Confiseur hat Pläne. Ungefähr zur gleichen Zeit, es ist noch vor sieben Uhr, machen sich in Zürich ein Physiker und eine Chemikerin auf den Weg zum Bahnhof. Sie arbeiten beide für einen grossen Rückversicherer, doch heute tragen sie nicht die schicke Arbeitskleidung. Sondern Einteiler in grellem Gelb und Pink. Ausserdem haben sie Lawinenrucksäcke und breite Ski. In Andermatt treffen sie den Confiseur und Andi, den Bergführer.

Zusammengefunden hat die kleine Zufallsgruppe, zu der auch ich gehöre, über das Portal spontantouren.ch. Dort schreibt der Anbieter Bergpunkt Touren aus, ganz den aktuellen Bedingungen verpflichtet, und ebenso kurzfristig kann sich anmelden, wer gerade Zeit hat. An jenem Mittwoch verspricht der Wetterbericht Sonnenschein und Pulver am Gemsstock, zwei Tage zuvor hatte Andi die Tour via spontantouren.ch aufgeschaltet. An der Talstation in Andermatt begrüssen wir uns freundlich und finden rasch ins Gespräch. Am Ende des Tages werden die Teilnehmenden das Gefühl empfinden, als würden sie sich schon seit Jahren kennen.

Unverbindlich – auch am Berg

Wer mit einem Bergführer auf eine Tour geht, macht das in der Regel nicht so spontan. Denn die freien Tage müssen vielleicht weit im Voraus reserviert werden, ebenso der Bergführer. Doch Bergtouren lassen sich eigentlich nicht planen wie Städtereisen, zu sehr entscheiden die Verhältnisse über Durchführung und Gelingen. Die beste Planung ist somit oft die kurzfristigste. Kommt hinzu, dass heute viele Menschen 80 Prozent oder auch weniger arbeiten, Bergtouren sind nicht mehr nur am Wochenende, sondern auch unter der Woche möglich. Spontan eine Skitour zu unternehmen, ist aber gar nicht so einfach, denn die Planung bleibt aufwendig, und es sollte sich auch eine Begleitung finden, alleine will man schliesslich nicht gehen – sollte man auch nicht. Und so dürfte es dem einen oder anderen bergbegeisterten Teilzeitarbeiter bekannt vorkommen: Man hätte Zeit gehabt, die Bedingungen wären gut gewesen – doch am Ende blieb man doch zu Hause, weil man zu spät auf die Idee kam.

Die grossen Anbieter von Bergtouren haben das erkannt und versuchen, darauf zu reagieren. So startete das Büro Kobler & Partner ein Portal namens derperfektetag.tours, wo sich Bergführer (egal welcher Herkunft) und Toureninteressierte kurzfristig finden können. Im Moment mangelt es dem Portal noch an Nutzern. Der Anfangsaufwand, bis sich eine Community etabliere, sei beträchtlich, heisst es auf Anfrage. Doch man wolle das Portal in Zukunft gezielter unter die Leute bringen. Auch die Alpine School Mammut bestätigt, dass der Trend in Richtung immer kurzfristigerer Buchungen gehe, vor allem für kurzzeitige Angebote wie Ein- oder Zweitagestouren. Dort hat man das Angebot Flexitour installiert, wo spontan Tagestouren ausgeschrieben werden, die sich je nach Wetter und Bedingungen gerade anbieten.

Diese Idee stammt wiederum vom Anbieter Bergpunkt, welcher als erster auf das wachsende Bedürfnis nach Spontanität reagierte und mit seinem Portal ein Angebot lanciert hat, das sich durchsetzen konnte. «Viele Leute wollen sich nicht mehr lange im Voraus festlegen, sondern unterwegs sein, wenn das Wetter passt – auch mit Bergführer», beschreibt der Geschäftsführer und Bergführer Michael Wicky den Nerv, den er getroffen hat. Es tönt sinnbildlich für den heutigen Zeitgeist der Unverbindlichkeiten und maximalen Freiheiten. Allerdings räumt Wicky ein, dass das Angebot für sein Unternehmen nicht profitabel sei, obschon es inzwischen eine kleine Fangemeinde gebe.

Das Hauptgeschäft von Bergführerbüros seien immer noch Touren und Reisen, die mittel- bis langfristig geplant werden. Im Vordergrund einer Spontantour stehe dagegen, den Gästen das Erlebnis zu ermöglichen, ihre freien Tage zu nutzen im Sinne: im richtigen Moment am richtigen Ort. Und Bergführer könnten sich wahlweise mehr auslasten und auch mal eine Tour anbieten, von der sie gerade wissen, dass die Bedingungen dafür ideal sind. Die durch Wicky und sein Portal realisierten Spontantouren sind inzwischen zu einem Begriff geworden in der Schweizer Skitourenszene. Bereits gebe es auch Trittbrettfahrer, so Wicky: «Leute, die unsere Seite konsultieren und dann privat den Gipfel ansteuern, der dort ausgeschrieben ist, weil sie wissen, dass es dort gut sein wird.»

Doch wie muss man sich eine solche Spontantour vorstellen, wo fremde Leute sich kurzfristig treffen, um gemeinsam einen Tag in den Bergen zu verbringen, und dann wieder ihre eigenen Wege gehen?

Klassiker und Geheimtipps

In Andermatt nehmen wir die Gondel auf den Gemsstock. Das Panorama ist prächtig, weil die Wolkendecke den Bergen nur bis zu den Schultern steht. Dort unter den Wolken spielt der Alltag, hier oben die Pause. Der Pulverschnee liegt unberührt zu unseren Füssen, die Lawinengefahr ist auf Stufe «mässig». Bergführer Andi ist unweit von hier aufgewachsen, er kennt das Gebiet gut und verspricht bei der Begrüssung, dass er sowohl Klassiker als auch ein paar Geheimtipps im Sinn hat. Die beiden Rückversicherer – die übrigens ein Paar sind, das im Winter jede freie Minute dem Pulver nachjagt und im Sommer auf Mountainbikes die Trails aufsucht – arbeiten 80 Prozent, wobei sie sehr kurzfristig entscheiden, wann sie ihren freien Tag einziehen.

«Manchmal checken wir nachmittags den Wetterbericht, und wenn es gut ist, nehmen wir am anderen Tag frei.» Der Arbeitgeber sei da verständnisvoll. Doch gerade fürs Free­riden lasse sich oft nicht vom Büro aus entscheiden, ob die Verhältnisse tatsächlich gut sind. «Man muss den Wind prüfen, das Wetter der vergangenen Tage und so weiter . . .» Sie sind zum ersten Mal auf einer Spontantour. Auch der Confiseur kann sich oft unter der Woche Zeit nehmen, obschon er ein Geschäft mit rund einem Dutzend Mitarbeitern und zwei Läden führt, davon eines mit grossem Tearoom.

«In den Bergen ist man eins»

Über einen etwas exponierten Grat verlassen wir das Skigebiet und fahren in ein einsames Tal, das immer mehr zu einer mit Pulverschnee gefüllten Schlucht wird, die Abfahrt ins Unteralptal trägt den Namen «Hans im Glück». Der Confiseur fährt gut Ski, ebenfalls die Rückversicherer, der Bergführer Andi sowieso. Er stellt fest, dass es bei Spontantouren oft so sei, dass die Gruppe eine hohe Sozialkompetenz aufweise. Zwar wüssten weder Bergführer noch Teilnehmer, welche Gesellschaft sie genau erwarte, doch weil alle das gleiche Ziel im Kopf hätten, forme sich das Kollektiv mühelos. «In den Bergen ist man sowieso eins, sich zu kennen ist keine zwingende Voraussetzung dafür, dass man sich gegenseitig hilft, sich gemeinsam ans Seil zu binden, oder dass man einfach ein schönes Erlebnis teilen kann», meint Andi. Die Heterogenität solcher Gruppen sei interessant, während bei langfristig geplanten Touren sich eher Leute anmelden würden, die sich bereits kennten. Insofern stehen Spontantouren längst auch im Ruf, dass man dort Gleichgesinnte findet. Einige machen später privat ab für Bergtouren.

Zum Mittagessen setzen wir uns auf die Terrasse des Spycher mitten in Andermatt an die Sonne. In den Beinen stecken schon drei Abfahrten vom Gems­stock. Das Gespräch dreht sich um das, was alle für diesen Tag links liegen liessen: die Arbeit. Ostern steht bevor, es gibt viel zu tun für den Confiseur. Später wird er die letzte Abfahrt auslassen und stattdessen in einem Café im Dorf die lokalen Köstlichkeiten probieren. Als wir später zu ihm stossen, lobt er die Mousse-au-Chocolat-Torte. Dann begibt sich jeder auf seine Heimreise, zurück in den Alltag. Zurück unter die Wolken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.04.2018, 13:32 Uhr

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