Der Meister des Bauchgefühls

Chrigel Maurer gilt als bester Gleitschirmpilot der Welt. Sein Instinkt hält ihn nicht nur lange in der Luft, sondern ist auch unter Geschäftsleuten gefragt.

Die Thermik ausnützen: Gleitschirmflieger über dem Berner Oberland. Foto: Thomas Ulrich (visualimpact)

Die Thermik ausnützen: Gleitschirmflieger über dem Berner Oberland. Foto: Thomas Ulrich (visualimpact)

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Der erste Schnee fällt früh in diesem Jahr. Für Chrigel Maurer ist es an der Zeit, sein Training umzustellen. «Im Winter ist die Luft meist stabil geschichtet, kaum Thermik, da kannst du nur runtergleiten», sagt er auf dem Weg ins Entschligental. Eine Skitour steht auf dem Programm. Auf den Einwand, dass stabile Luft aber auch ihr Gutes hat, schliesslich ist in ihr das Gleitschirmfliegen sicherer, entgegnet er mit einem Schulterzucken. «Ja, das schon.»

Maurer gilt als bester Gleitschirmpilot der Welt. «Adler von Adelboden» lautet sein Übername, in der Luft war er schon immer überlegen. Zu einem ganzheitlichen Athleten wurde er aber erst vor acht Jahren. Damals wurde er gleich bei seiner ersten Bewerbung fürs X-Alps selektioniert, dem legendären Rennen, das entlang des Alpenkamms von Salzburg nach Monaco führt. 30 internationale Athleten starten. Das Rennen unterscheidet sich von herkömmlichen Gleitschirmrennen, da nicht nur geflogen, sondern auch marschiert und geklettert wird. Luft und Muskelkraft sind alles, was die Athleten benutzen dürfen. Sprich: Sie besteigen einen Berg, fliegen, so weit sie können, landen, steigen wieder hoch, und so weiter. Bis sie den Strand von Monaco erreichen.

Es gibt Wettkämpfer, die hierbei mehr Distanz zu Fuss zurücklegen, bis zu 130 Kilometer am Tag, andere fliegen mehr und schaffen so an guten Tagen 200 Kilometer. «Manche sind besser in der Luft, dafür schlechter im Ausdauersport und umgekehrt. In beiden Disziplinen ist wohl keiner top.» Auch Maurer war es bei seiner ersten Teilnahme im Jahr 2009 nicht. Acht Monate vor dem Rennstart beschliesst er, seine Ausdauer am Boden zu verbessern. Er ist damals 26 Jahre alt, Maurer von Beruf, 90 Kilo schwer und «ziemlich unsportlich», wie er sagt. «Ich stand mal auf dem Mönch, mit 13 Jahren. Aber das wars eigentlich . . .»

Dreimal am Tag auf den Niesen

Maurer schiebt seine Ski durch den glitzernden Pulverschnee. Das Nebelmeer verdeckt den Talboden, die Luft ist kalt und trocken, stabil eben. Heute ist Maurer ein anderer als vor acht Jahren. Schaffte er früher mit Mühe 1000 Höhenmeter Aufstieg an einem Tag, so sind es heute 3000. «Manchmal gehe ich dreimal am Tag auf den Niesen: morgens, mittags, abends.» Als er einmal wissen will, wo sein Limit liegt, bringt er den Niesen sechseinhalbmal innert 24 Stunden hinter sich.

Obwohl er bei seiner ersten X-Alps-Teilnahme weit von dieser Form entfernt ist, gewinnt er den Wettkampf sogleich. Seine fliegerischen Fähigkeiten stechen alle Konkurrenten aus. Es heisst, er kann die Luft spüren wie kein anderer, weiss genau, wo die Thermik steigt. Oft sei das ein Spiel mit den Nerven: Peilt man die sichere Landung an, solange es noch geht, oder setzt man alles auf eine Karte und bleibt in der Luft – mit dem Risiko, dass man im unwegsamen Gelände zur Landung gezwungen ist? Maurer gilt als offensiver Flieger, der gerne aufs Ganze geht. Zwar nicht kopflos, «aber mein Bauchgefühl ist enorm wichtig. Wenn ich mich für etwas entscheide, dann ziehe ich es auch durch.»

Die alle zwei Jahre ausgetragenen X-Alps-Rennen kann man heute per Livetracking verfolgen. Jede Kurve der Gleitschirmflieger wird in Echtzeit aufgezeichnet. Nur die Checkpoints sind vorgegeben, ansonsten sind die Athleten frei in ihrer Routenwahl. Manchmal entscheiden wenige Meter darüber, ob sich ein Athlet vom Feld absetzt und plötzlich einen Tagesvorsprung hat.

So etwa im Rennen von 2011: Maurer fliegt im Tessin nahe unter der TMA 3, einer Flugverbotzone bei Locarno. Er will so viel Höhe wie möglich machen, allerdings darf er nicht über 2700 Meter gehen, denn dort verläuft die Anflugschneise der Flugzeuge. Laut seinem GPS befindet er sich auf 2680 Metern. Später sollte ihm die Rennleitung dennoch die Touchierung der verbotenen Zone vorwerfen – er muss zur Strafe einen Tag am Boden bleiben. «Da habe ich die Genauigkeit meines GPS überschätzt, offenbar kratzte ich bereits an der 3000-Meter-Grenze, merkte es aber nicht.» Gelohnt hat sich sein Manöver dennoch: Erflog damit so weit, dass die Konkurrenz ihn trotz der Zwangspause nicht mehr einholte. Die Episode ist sinnbildlich für die letzten fünf X-Alps, die alle unter dem Motto liefen: «Maurer gegen den Rest.» Der Meister des Bauchgefühls gewann immer, meistens kam er mit Tagen Vorsprung in Monaco an.

Vom Testpilot zum Berater

Der einstige Maurer heisst heute nur noch so, denn er lebt vom Fliegen. Nicht weil die Preisgelder ausreichen (das X-Alps ist mit 10'000 Euro dotiert, die er gerecht auf sein Supporterteam verteilt), sondern weil seine Erfahrung sehr gefragt ist. So arbeitete er lange für einen Thuner Gleitschirmhersteller in der Entwicklung und als Testpilot, bis ihm 2010 unverhofft Grenzen gesetzt wurden. Der Internationale Verband der Gleitschirmrennen erliess damals eine einschneidende Regel: So durften die Rennpiloten nicht mehr mit Prototypen starten. Nur noch Material mit Gütesiegel wurde toleriert. Man reagierte damit auf eine Serie von Unfällen reagieren, die sich mit oft aggressiv gebauten Rennschirmen ereigneten. Die Regelung hatte nicht nur zur Folge, dass Maurer nicht mehr tüfteln durfte: Ganze Rennteams wurden aufgelöst. Der Sport erfuhr einen kleinen Dämpfer. Maurer sagt es so: «Als müsste die Formel 1 mit Strassenwagen ausgetragen werden.»

Sein Fokus gilt nun den abwechselnd jährlich stattfindenden Etappenrennen: dem X-Alps und dem X-Pyr (die Pyrenäen-Variante). Daneben gibt er seine fliegerische Erfahrung als Coach weiter: Profis und Amateure lassen sich von ihm beraten. Zunehmend aber auch Personen und Unternehmen, die auf den ersten Blick mit Outdoorsport nichts zu tun haben. So wie vor Wochen, als er eine deutsche Immobilienfirma besuchte.

Die Geschäftsleute wollten aber nichts von Abenteuer und schöner Bergstimmung hören, sondern sahen in Maurer eine Inspiration, um ihre eigene Tätigkeit zu optimieren. «In der Geschäftswelt wird fast immer rational, aufgrund von Fakten entschieden. Diese Entscheidungen können okay sein oder schlecht, aber niemals so gut, dass sie sich auf einen Schlag von der Konkurrenz abheben. Um eine solche Entscheidung zu treffen, musst du viel früher dran sein – dann, wenn die Fakten noch nicht bekannt sind, und du nur eines hast: dein Bauchgefühl.» Dass Manager gerne geschäften wollen, wie Maurer fliegt, leuchtet ein. Man stelle sich den Broker vor, der Aktienkurse lesen kann wie Maurer die Thermik. Allerdings kann Maurer kein gutes Bauchgefühl lehren, jedoch den Umgang damit: «Wann stelle ich es über die Fakten? Zweifel: Welche sind berechtigt, welche blende ich aus?»

Auf einem kleinen Gipfel mit Kreuz ist das Tagesziel erreicht. Am Gegenhang surrt ein Skilift. «Die müssen immer mehr pokern», sagt Maurer und erzählt vom warmen Winterbeginn im Vorjahr. «Der im November produzierte Schnee schmolz schon im Dezember wieder komplett weg.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.11.2017, 16:50 Uhr

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Chrigel Maurer

Der 35-jährige Adelbodner bekam mit 4 Jahren seinen ersten «Gleitschirm», handgenäht von der Mutter. Obschon es eher ein Drache war, liess ihn die Faszination nie mehr los.

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