Den Hauptpreis gibts auf dem Gipfel

Wandern in der norwegischen Fjordlandschaft kann anstrengend sein, wird aber gerecht belohnt.

Je weiter man geht, desto einsamer wird es: In Innerdalen wartet eine süsse Verführung auf die Berggänger. Foto: Visit Norway

Je weiter man geht, desto einsamer wird es: In Innerdalen wartet eine süsse Verführung auf die Berggänger. Foto: Visit Norway

Martin Sturzenegger@Marsjournal

In der Theorie klingt Wandern in Norwegen wenig prickelnd. Zumindest für alpinerprobte Schweizer, die sich Berggipfel in der Höhe von 3000 bis 4000 Meter über Meer gewohnt sind und spektakuläre Touren lieben. Zum Vergleich: In Norwegen misst der höchste Berg, der Galdhøpiggen, gerade mal 2469 Meter. Er befindet sich weit im Landesinnern. Wer sich für Wanderferien in den norwegischen Fjorden entschieden hat, für den endet die Gipfeltour zumeist schon auf 600 bis höchstens 1500 Meter Höhe.

Weshalb also die weite Reise nach Skandinavien?

Ein Grund sind die Fjorde. Die Meeresarme, die beinahe die gesamte Küste Norwegens zerfressen. Sie bilden ein eindrucksvolles, zerklüftetes Labyrinth, wo blaues Salzwasser auf steil aufragende Felswände trifft. Wer diese erklimmt, wähnt sich auf ungeahnten Höhen und geniesst epische Aussichten. Die Alpen? Spätestens ab diesem Moment: vergessen.

Ein guter Ausgangspunkt für Fjordwanderungen bietet sich in Sogndal – dem Hauptort am Sogne­fjords, dem mit 204 Kilometer längsten und zugleich tiefsten Fjord Norwegens. Von hier aus lassen sich Touren planen, die oftmals ab Meeresspiegel steil hinauf durch bewaldetes Felsgebiet führen.

Exemplarisch dafür eine Wanderung auf den 1116 Meter hohen Molden. Nach einer Stunde brennen die Waden bereits, die Atmung läuft auf Hochtouren. Je höher man steigt, desto lichter werden die Baumgruppen, erste Aussichten ins Tal lassen sich erhaschen. Das motiviert, der Kreislauf hat Fahrt aufgenommen. Also schnell weiter.

Schnell unterwegs sind auch die Einheimischen. In Norwegen wird der durchschnittliche Schweizer Wanderfreund auch einmal von einem Kleinkind überholt. Ein scheues, aber freundliches «Hei!», und die drahtigen Beinchen ziehen davon. Das Wandern im Steilen scheint den Einwohnern in dieser Region in den Genen zu liegen. Auf einmal erscheint verständlich, weshalb Norwegen immer wieder Spitzen-Leichtathleten hervorbringt – so wie aktuell die Ingebrigtsen-Brüder.

Das «Freiluftleben» der Norweger steckt an

Der kleine «Ingebrigtsen» hat sich aus dem Staub gemacht. Zurück bleiben keuchende und schwitzende Schweizer. Der Weg ist nun ohne Schatten. Als steter Antreiber dient die Aussicht, die mit jedem Schritt noch schöner scheint. Die Baumgrenze ist längst überschritten, das Feld lichtet sich, die Weite lässt einen ganz klein erscheinen. Auf dem Gipfel, mit einem gigantischen Steinhaufen markiert, winkt der Hauptpreis: ein grossartiger Rundumblick.

Noch gebirgiger wirds in Innerdalen, einem Bergtal, circa 100 Kilometer Luftlinie von der Küstenstadt Ålesund entfernt, das einen hochtrabenden Titel trägt: «Norways Most Beautiful Mountain Valley» – Norwegens schönstes Bergtal. Der Fjord ist auch hier nicht weit, jedoch ausser Sichtweite. Was der Umgebung einen völlig anderen Charakter verleiht. Norwegen sieht in diesem Landstrich ein wenig aus wie die Schweiz. Braun-weiss gefleckte Kühe, plätschernde Bergbäche, grüne Bergseen und Holzhütten für die Rast.

1116 Meter Aufstieg in den Knochen: Aussicht vom Molden auf den Sognefjord Foto: Lara Can

Hier lässt es sich aushalten, etwa beim Verzehr einer herzförmigen norwegischen Waffel, garniert mit frischer Erdbeerkonfi­türe und Doppelrahm. Wer mehr will, steigt in die Höhe. Mit jedem zusätzlichen Meter bleibt der Touristenstrom weiter zurück.

Der Sonnenuntergang findet kein Ende

In Innerdalen gilt, was für die offene Landschaft in Norwegen ebenfalls Gültigkeit hat: das «Allemansretten», das Jedermannsrecht. Die freie Natur steht allen offen, solange sie mit Respekt behandelt wird. Wer auf diese Weise die Wildnis erkundet, übernachtet am besten im Zelt.

Das Allemansretten erlaubt das freie Campieren. So folgt der Wanderer etwa einem Trampelpfad, der entlang eines Baches in die Höhe führt. Irgendwann erreicht man fast immer einen einsamen Bergsee und gönnt sich ein erfrischendes Bad. Zelt und Gaskocher sichern die Übernachtung, ganz ohne Hotel oder Berghütte. Allenfalls leisten einem ein paar neu­gierige Schafe Gesellschaft.

In der Natur aktiv sein: Dafür haben die Norwegerinnen und Norweger einen Begriff geschaffen – «Friluftsliv». Dahinter steht eine ganze Philosophie, die nebst der körperlichen Aktivität in der freien Natur auch Reflexionen über einen nachhaltigen Lebensstil umfasst. Was viele Einheimische vorleben, trägt zur Faszination dieses naturgewaltigen Landes bei. Wer sich auf das Abenteuer Zelten in den Bergen einlässt und sich einen Aussichtspunkt sichert, wird mit einem doppelten Spektakel belohnt. Nicht nur, dass tief unten im Tal das Wasser der Fjorde fast kitschig blau schimmert – auch der Sonnenuntergang findet im norwegischen Sommer kaum ein Ende.

Anreise: Mit Bahn/Fähre zum Beispiel über Kiel oder per Flug mit Swiss oder SAS nach Oslo. Buchen: www.islandtours.ch. Allg. Infos: www.visitnorway.de

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