Das karge Reich der Polarfüchse

Das Naturreservat Hornstrandir ist Islands abgelegenster Flecken. Die wilde Schönheit der Halbinsel muss man sich mit nassen Füssen und viel Geduld verdienen.

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Kein Windhauch streicht um die Zelte. Die Wasseroberfläche im breiten Fjord von Aðalvik glitzert in der hoch stehenden Morgensonne. Eine Möwe ruft klagend – oder bellt gar ein Polarfuchs? Wanderführerin Carla sitzt vor dem surrenden Benzinkocher und rührt im mit Nüssen und Trockenfrüchten angereicherten Porridge. Die 30-Jährige liebt die Wildnis, arbeitete als Wissenschaftlerin an den Fjorden, trekkte wochenlang alleine durch Patagoniens raue Bergwelt und führt nun Kajak- und Wandertouren auf Westfjorden, der grossen Halbinsel im Westen Islands.

Allmählich schlüpfen auch die Mitglieder der sechsköpfigen Trekkinggruppe aus den Zelten. Da sind Meghan und Randy, ein junges amerikanisches Ehepaar, welches zuvor bei der US Navy gearbeitet hat. Randy hatte tags zuvor bei der Vorstellungsrunde erklärt: «Totaler Detox ist mein Ziel: kein Handy, kein Kaffee, kein Schwarztee, kein Alkohol, aber totale Abgeschiedenheit.» Für Chris, auch er Amerikaner, war es die erste Zeltnacht des Lebens. Grinsend streckt er den Daumen in die Höhe und sagt: «Nur diese Stille, das fand ich unheimlich. Lange konnte ich nicht einschlafen.» Intensiv hatte Chris für dieses Trekking trainiert. Sein wanderbegeisterter 18-jähriger Sohn Robby meint: «Ohne diese Vorbereitung würdest du bereits bei der ersten Tagesetappe schlappmachen!»

Man ist meist alleine unterwegs

Der Fjord von Aðalvik liegt ganz im Nordwesten des Naturreservats Hornstrandir. Ein Reservat, welches heute zu den einsamsten Regionen Islands gehört. Die Insel im nördlichen Atlantik erlebt gerade einen Touristenboom; die Infrastruktur ist dem Ansturm der Gäste in den Sommermonaten kaum gewachsen. Während sich anderswo auf der Insel die Besucher vor den Geysiren, ungestümen Vulkanen und gigantischen Wasserfällen in die Quere kommen, sich immer mehr Isländer über den Massentourismus beklagen, ist man hier meist alleine unterwegs. Und das wird in Zukunft wohl auch so bleiben.

Die Halbinsel Hornstrandir kann man nur mit dem Schiff oder zu Fuss erreichen. Sie bietet ausser Einsamkeit nur die 500 Meter hohe Felsklippe Hornbjarg als Attraktion. Am kilometerweit in den Atlantik hinausragenden Felskamm brüten Abertausende Lummen, Papageitaucher und Eissturmvögel. Die Klippe wird zum Ziel unseres sechstägigen Trekkings. Das Naturreservat ist auch für seine grosse Polarfuchspopulation bekannt. Weil hier seit über 20 Jahren nicht mehr gejagt wird, kommt man dem einzigen einheimischen Landsäugetier Islands so nahe wie sonst nirgends. Darum schleppen wir ein schweres Teleobjektiv durch die Wildnis – zu gerne möchten wir dieses Raubtier formatfüllend fotografieren.

In Island gilt die Wetterregel: «Gefällt dir das Wetter gerade nicht, dann warte doch zehn Minuten.» Da diese Regel auch umgekehrt gilt, rät uns Carla, die trockenen Kleider wie einen Schatz zu hüten: «Denn nasse Sachen trocknen in diesem feucht-kühlen Klima nie mehr.» Die Vorstellung, nach einem langen Wandertag in einen feuchten Schlafsack zu kriechen, ist schauerlich. Deshalb wird alles nochmals extra wasserdicht im Rucksack verstaut.

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Doch heute bleibt die isländische Wetterregel ausser Kraft, die dunklen Regenwolken über dem Tunguheiði-Pass lösen sich auf. Streckenweise wird es so warm, dass wir im T-Shirt laufen. Mit den Rucksäcken voller Campingausrüstung und dem Essen für die nächsten Tage folgen wir einem schmalen Pfad bergauf. Wer hier wandert, muss Karten lesen können. Die Wege sind nicht ausgeschildert, teils gut sichtbar, teils verlieren sie sich aber im Geröll oder werden von Schneefeldern überdeckt. Streckenweise helfen über 100 Jahre alte Steinmänner bei der Orientierung.

Guide Carla kickt mit den Bergschuhen Tritte in ein steiles Schneefeld. Die Vegetation hat vom saftigen Grün und von süss duftenden Blumenfeldern zu hochalpinen Verhältnissen gewechselt. Auf Schneefelder folgen Schutthalden. Polster von rosa Steinbrech leuchten als seltene Farbtupfer, weiss-gelber Islandmohn zittert im Wind. Auffallend die phosphorgrünen Moosflächen in den Geröllfeldern. Sie säumen Quellen, die zwischen den Steinen sprudeln. Auf dem Moos perlen dicke Wassertropfen – man nennt sie auch Islands Diamanten.

Brücken gibt es keine

Ein letztes Steilstück, und der Tunguheiði-Pass ist erklommen. Tief unter uns grüsst das Tagesziel Fljótsvatn. Der See liegt, begrenzt von einer Bergflanke auf der einen und ausgedehntem Schwemmland auf der anderen Seite, in einem von Gletschern breit geschliffenen Tal. Ein Bach mäandriert durch Wiesen und Sümpfe. Geröllstreifen sind Zeugen der letzten Eiszeit. An einem windgeschützten Ort machen wir Pause. Carla, die zur Erkundung den Treck in der Woche zuvor alleine abgelaufen hat, beschreibt die nun folgende Passage: Es gibt hier keine Fussgängerbrücken, darum führt der Weg durch den breiten See. Lange musste Carla suchen, bis eine Art Furt gefunden war: «Das Wasser wird uns bestimmt bis über die Knie reichen – hoffentlich nicht bis zur Hüfte!»

Zuvor gibt es Mittagessen. Bei der Zusammenstellung des Lunchpakets wurde nicht nur auf den Nährwert geachtet. Nebst Schokolade und Käse enthält es noch einige nordische Überraschungen. Alle essen begeistert von der isländischen Wurst und Chris überlegt, wie viele er vom Flatbrauð, den dünnen Roggenbrotfladen, mit nach Amerika nehmen möchte. Doch bei der Kaviarpaste aus der Tube rümpfen einige die Nase. Grenzwertig wird es beim Harðfsikur. Der getrocknete Dorsch riecht streng, und wer sich überwindet, muss lang auf den zähen, getrockneten Fischstücken kauen, bevor sie endlich zu schlucken sind.

Das Essen versorgt uns mit Energie. Schnell erreichen wir den Talboden. Noch sind die Schuhe trocken geblieben, darum laufen wir auf dem sumpfigen Boden barfuss weiter. Lustig spritzt das trübe Wasser zwischen den Zehen hoch. Durch den breiten Fljótsvatn waten wir in Unterhosen. Nur die gross gewachsenen Männer hoffen, dass das Hochkrempeln der Hosenbeine reicht. Anfangs ist das Wasser auf dieser 500 Meter langen Watstrecke knöcheltief und nicht so kalt wie befürchtet. Zuversichtlich geht Chris voraus, bis er plötzlich hüfttief im Nass steckt. Unerschrocken stapft er weiter. Die Nachfolger sondieren mit den Wanderstöcken und finden doch noch eine Stelle, die das Durchkommen mit trockenen (Unter-)Hosen ermöglicht.

Unberechnbare Küstenseeschwalben

Am anderen Ufer wartet ein nächstes Ungemach: Wütend kreischend steigen zwei Küstenseeschwalben von ihrem Nest auf. Je nach Gemütslage können diese pfeilschnellen Vögel empfindliche Kratzer auf der Kopfhaut zurücklassen. Zum Schutz strecken wir die Wanderstöcke wie Antennen über unsere Häupter. Das hilft. In der warmen Abendsonne erreichen wir unbeschadet den nächsten Zeltplatz auf einer trockenen Wiese.

Bis auf die Begegnung mit den unberechenbaren Vögeln zeigte sich Islands Tierwelt zurückhaltend. Die ersehnten Füchse lassen sich nicht blicken. Haben wir das schwere Objektiv vergebens eingepackt? Es verbleiben noch vier Wandertage.

Die Geduld lohnt sich. Zwei Tage später vertiefen wir uns in die Fotografie einer leuchtend gelbgrünen Polsterpflanze. Aber irgendwas stört die Konzentration: Ist da jemand? Vorsichtig drehen wir uns um und schauen in die gelben Augen eines Polarfuchses. Strähnen des weissen Winterpelzes durchsetzen das dunkelbraune Fell. Der lange Schwanz ist buschig weiss. Plötzlich springt der Polarfuchs auf und hüpft davon. Immer wieder blickt er zurück, schlägt Haken, als möchte er spielen. Neben einem Steinmann putzt der Räuber das Fell und verschwindet dann so geheimnisvoll, wie er gekommen ist.

Der Fuchsbann ist gebrochen; die Tiere tauchen nun überall auf. So auch im fixen Basislager, welches der Anbieter unserer Trekkingreise in der Nähe der spektakulären Vogelklippe Hornbjarg aufgebaut hat. Dort schauen die katzengrossen Tiere schon mal bei der Küche vorbei oder balgen sich zwischen den Zelten.

Auf der Etappe zur Vogelklippe gilt Islands Zehn-Minuten-Regel nicht mehr. Bleiern hängen die Wolken an den Gipfeln. Es regnet pausenlos. Alles tropft und trieft. Von den Hängen stürzen Wasserfälle. Der Nebel ist so dicht, dass wir oben auf der Klippenkante den gähnenden Abgrund nur erahnen können. Die vielen Vögel nehmen wir lediglich aufgrund des scharfen Kotgeruchs wahr. Da flüstert Chris: «Schau, wer da kommt!» Ein Polarfuchs mit einem grossen Vogel in der Schnauze läuft an uns vorbei. Er winselt, und aus dem Nebel stürzen dunkelbraune Knäuel auf ihn zu. Die sieben nur einige Wochen alten Welpen zerren an der Beute, Federn fliegen. Die Fuchskinder rollen keifend mit dem Balg über den Grashang. Schaudernd beobachten wir den gnadenlosen Kampf der schnuckeligen Welpen. Als wir unsern Weg die Klippenkante entlang fortsetzen, fragt Chris: «Was hättest du lieber, die Fuchsfamilie oder eine klare Sicht?»

Vielleicht sollten wir doch nochmals zehn Minuten warten.

Die Reise wurde unterstützt von Kontiki (SonntagsZeitung)

Erstellt: 29.03.2018, 15:03 Uhr

Eigene Verpflegung und Trockenklos

Anreise: Icelandair fliegt täglich von Zürich nach Reykjavik, www.icelandair.de. Isafjörður: Den Ausgangspunkt für das Trekking erreicht man von Reykjavik mit Bus, Mietauto (ca. 6 Std.) oder Flugzeug (Air Iceland). Ab Isafjörður Bootstransporte ins Naturschutzreservat Hornstrandir.

Arrangement: Nordlandspezialist Kontiki bietet das Trekking als
9-tägige Reise ab Zürich an, inkl. 2 Nächte in Reykjavik. Ab 3840 Fr. pro Person www.kontiki.ch

Trekking: Die Tagesetappen sind zwischen 5 und 8 Stunden lang und folgen entweder schmalen Bergwegen oder führen durch wegloses Gelände.

Ausrüstung: Trekkingschuhe (über die Knöchel) und Kleidung für jede Wetterlage (auch Handschuhe und Mütze). Wanderstöcke. Wasserdichte Beutel für Kleidung und Schlafsack.
Wer hier auf eigene Faust trekken möchte, muss neben vollständiger Campingausrüstung auch die ganze Verpflegung mitnehmen.

Infrastruktur: Auf Hornstrandir gibt es, abgesehen von ein paar wenigen Trockenklos, keine Infrastruktur. Borea Adventures legt Nahrungsmitteldepots an und versorgt die Wanderer ab Tag 4 im Basecamp beim Hornbjarg in einem geheizten Küchenzelt: www.boreaadventures.com

Karten: Bei Piz Buch&Berg gibt es die hervorragende Wanderkarte Hornstrandir (NR. 9) 1:100 000 /1:55 000 (28.70 Fr.); www.pizbube.ch

Beste Wanderzeit: Juli bis September

Weitere Island-Reiseveranstalter: Glur, Travelhouse, AG Traveltrend, Island Tours

Allgemeine Infos: www.de.visiticeland.com

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