Das Geheimnis des Bündner Matterhorns

Das Zervreilahorn am Ende des Valsertals trägt den Übernamen Bündner Matterhorn. Sein Geheimnis entlockt ihm nur, wer es erklettert.

Im rostroten Gneis: Am Zervreilahorn. Video und Luftbilder: Luca Osswald, insta: @lucaosswald

Eigentlich müsste Enttäuschung aufkommen auf dem Zervreilahorn. Zuoberst ist keine markante Nadel oder dergleichen. Kein Ort, an dem man sich erhaben fühlt. Sondern ein Geröllfeld, dessen höchsten Punkt man erst mal suchen muss.

Doch was aufkommt, ist Freude. Soeben sind wir über die anspruchsvolle Südwand geklettert. Wie herrlich ist es, danach auf das geröllbeladene Gipfelplateau auszusteigen, sich des Seils zu entledigen, barfuss auf den Blöcken zu turnen. Wie Parmesanstücke in einem Buffet für Riesen liegen sie hier. Runterfallen kann man nirgends. Gipfel werden überbewertet. Das wahre Glück sind Plateaus.

Es ist Herbst, die Zeit der Demut. Man spürt, dass das Jahr enden will: Die Schatten sind lang, die Tage kurz. Doch es ist auch die Zeit des alpinen Kletterns. Die Sonne hat noch genügend Kraft, um zu wärmen – jedoch zu wenig, um ein Gewitter zu brauen.

Berg mit zwei Gesichtern

Am Morgen waren wir den Zervreilasee entlang gewandert, und hatten uns in das gleichnamige Horn verliebt, das selbstbewusst am Ende des Tals steht. Zum Übername «Matterhorn des Bündnerlands» muss man sagen: Je nach Blickwinkel ist das Zervreilahorn gar keine frei stehende Pyramide. Blickt man etwa von Süden oder Norden drauf, erkennt man, dass es sich um ein lang gezogenes, wenig attraktives Massiv handelt. Nur die östliche Stirn gibt die markante Pyramidenform preis, die auf dem Etikett des Valser Mineralwassers abgebildet ist.

Allerdings ist es nicht so, dass dadurch falsche Tatsachen vorgetäuscht würden. Die Südwand ist ein Ort von geometrischen Schönheiten: Verschneidungen, Risse, Kamine und Platten wechseln sich ab – und ermöglichen dem Kletterer abwechslungsreiche Linien.

Der «falsche Gipfel»: Exponierte Felsplatte knapp unter dem Top. Foto Aaron Coulin

In perfekten Verschneidungen arbeiten wir uns empor in der Route «Nanouk». Im unteren Teil ist gute Piaz-Technik und Ausdauer in den Unterarmen gefordert. Und zum Schluss verlangt nochmals eine fast senkrechte Platte knifflige Kletterei. Auf das Gipfelplateau aussteigen bedeutet schliesslich den abrupten Wechsel zurück in die Normalität, die Physik kennt keine Verzögerung. Keine Kraft zieht mehr nach unten, welch ein Luxus!

Als die Sonne flach steht, seilen wir ab. Nach der ersten Abseillänge kann man nach rechts queren, auf eine exponierte Fläche von zwei mal zwei Metern, rundum geht es in die Tiefe –doch noch so etwas wie ein Gipfelerlebnis! Ein privilegierter Biwakplatz wäre das, doch unser Nachtlager ist unten in den Heidelbeeren – wo man Valser Wasser direkt ab Quelle kriegt.

Spielwiese für viele

Am nächsten Tag erkunden wir den Normalweg über den Nordostgrat. Die Kletterei ist vor allem am Anfang und am Ende steil. Dazwischen ist es flacher im Blockgelände, mit tollen Tiefblicken zu beiden Seiten. Dann und wann verläuft die Route im Schatten auf der Nordseite. Jeder Wechsel zurück in die Sonne fühlt sich an wie ein neuer Start in den Tag.

Die verschiedenen Anstiege machen das Zervreilahorn zur Spielwiese für viele: Der ambitionierte wie auch der genussorientierte Kletterer treffen sich auf dem Gipfelplateau, teilen die Erlebnisse des Tages und begeben sich gemeinsam auf die rasante Abseilfahrt über die Südwand.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2016, 10:31 Uhr

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