Perlen auf der Alpenkette

Vom Kaunertal bis Hintertux: Fünf Tiroler Gletscherskigebiete garantieren eine lange Wintersportsaison. Ein Roadtrip.

Schwelgen im Schnee: Auf dem Hintertuxer Gletscher ist das das ganze Jahr über möglich. Foto: Getty Images

Schwelgen im Schnee: Auf dem Hintertuxer Gletscher ist das das ganze Jahr über möglich. Foto: Getty Images

«Ghadhafi-Powder», brummt Freeride-Guide Peter Bacher und stochert mit dem Skistock im gelblich gefärbten Schnee. In Warmwetterphasen ein bekanntes Phänomen, wenn föhnige Höhenströmungen Sahara-Staub bis in die Alpen tragen. Kräftig stösst Bacher ab und legt schwungvoll eine Spur in 20 Zentimeter Neuschnee. Auf dem Hintertuxer Gletscher, knapp 3000 Meter über Meer, ist das Licht diesig, es schneit leicht. Das Freeride-Vergnügen bleibt aber grossartig. Ein sportliches Finale des Gletscher-Roadtrips, der eine Woche zuvor im Kaunertal begonnen hat.

Wie Perlen reihen sich die fünf erschlossenen Tiroler Gletscher an den Nordflanken der österreichischen Alpenkette, vom Inntal durch die abzweigenden Südtäler erreichbar. Die erste Gletscheranlage entstand 1968 in Hintertux, vier Jahre später folgten Stubai und 1975 Sölden. Seit Anfang der 80er-Jahre bieten auch Pitztal und Kaunertal nimmersatten Schneesportlern eine lange Gletschersaison.

Der Klimawandel bringt tiefer gelegene Wintersportorte immer mehr in Nöte. Stationen mit Gletscheranschluss sind von unschätzbarem Wert. Sie vermarkten sich gemeinsam und geben den Gletscher-Skipass «White 5» heraus.

Kurvenreich steigt die Strasse ins enge, wildromantische Kaunertal nach Feichten und von dort bis ins ewige Eis hoch. Dieser Gletscher ist von der Schweiz aus am besten zu erreichen. Acht Anlagen erschliessen ein hochalpines Becken, dominiert von der Weissseespitze, an deren Flanken Eisabbrüche schillern. Freundliche Pisten, Trainingshänge und ein Snowpark charakterisieren das Gelände, das sich auch durch anspruchsvolle Varianten für Freerider auszeichnet. Zwischen der Karlesspitze und der Ochsenalm liegen 1000 Höhenmeter, Routen führen zudem nach Melag in Südtirol. «Das Projekt einer Anbindung nach Südtirol ist weit fortgeschritten», sagt Marcus Herovitsch, Marketingleiter der Gletscherbahnen.

Rundblick bis ins Engadin

Tags darauf im benachbarten Pitztal: Der Gletscher ist hinter St. Leonhard von Mandarfen-Mittelberg aus per unterirdischer Expressbahn erreichbar. Oben öffnet sich ein prächtiges Halbrund mit sechs Anlagen. Die Wildspitzbahn führt auf den Hinteren Brunnenkogel, mit 3440 Metern über Meer der höchste erschlossene Punkt aller fünf Gletscher. Der Rundblick auf 50 Dreitausender bis ins Engadin wirkt atemberaubend. Tourenfahrer steigen von hier auf die Wildspitze hoch, den höchsten Gipfel der Ötztaler Alpen. Nach einer Kaffeepause gehts los: Griffige rote Pisten an steilen Gletscherflanken erlauben temporeiches Carven. Weite Firnhänge verführen zum Spuren im Schnee. Auf dem Gletscher immer dabei: ein Guide.

Die Höhe und Weite der Gipfelwelt, die Perspektiven und das Naturspektakel mit Eisabbrüchen, Spalten und Höhlen zeichnen die Gletscher aus. Eine moderne Infrastruktur macht die Eiswelt für jedermann zugänglich. Speziell ist die sanfte Beschaffenheit des Naturschnees – eine Eigenschaft, die man heute auf Pisten kaum mehr kennt. Künstliche Beschneiung ist aber überall im Gletschervorfeld ein Thema. Auf den Eisfeldern werden zudem Schneedepots als Reserven und Windbarrieren angelegt. Der Föhn ist der Hauptgrund für das Überleben traditioneller Schlepplifte. Sie können bei etwas heftigerem Wind immer noch betrieben werden.

Die Sonne lacht in Sölden, auf den Gletschern herrscht Hochbetrieb. Im Winter sind diese über das Skigebiet erreichbar, in der Vor- und Nachsaison aber über eine Strasse. Die direkte Integration in einen Skizirkus mit 33 Anlagen, darunter die brandneue 10er-Giggijochbahn, unterscheidet Sölden von der regionalen Konkurrenz. Auf den Gletschern allein verlängern zehn Anlagen die Saison. Die Schwünge am steilen Weltcup-Hang auf dem Rettenbachferner gehen in die Beine. Durch einen Tunnel erreicht man den Tiefenbach­ferner mit lieblichen Pisten und einer Plattform mit Ausblick auf die Wildspitze und den Pitztaler Gletscher. Es winkt eine kulinarische Belohnung: Im Skigebiet machen wir es uns im futuristischen, vom Bond-Film «Spectre» bekannten Ice Q am Gaislachkogl bei köstlichen Topfenmoussekugeln gemütlich.

Etwas länger dauert die Weiterfahrt über Innsbruck, ein kurzes Stück die Brennerstrasse hoch ins Stubaital nach Neustift i. S. Ganz hinten in Mutterberg führt die neue 3S-Eisgratgondelbahn ins sonnenbestrahlte grösste Gletschergebiet Österreichs. Auf fünf Gletscherfeldern um die Schaufelspitze eröffnet sich ein vielseitiges Angebot mit 25 Anlagen und 70 Kilometer Pisten. Tummeln sich im auf Junge fokussierten Kaunertal bis 3000 Tagesgäste, sind es hier bis 13'000. Ein kurzer Lawinen-­Refresh mit Guide Peter Grächer – und los gehts mit Rucksack, Schaufel, Sondierstange und Pieps. Die Varianten sind ein Genuss, ebenso die Stärkung danach: «Gröstl» im Restaurant Gamsgarten. Zum Dessert gibts 10 Kilometer Talabfahrt.

Letzte Station Hintertux: Freeride-Guide Peter Bacher macht nach einer tollen Neuschneefahrt unten am Schlegeisgletscher halt: «Da, guck! Vor zwei, drei Jahren reichte die Gletscherzunge fast 100 Meter weiter.» Der Klimawandel ist auch auf fast 3000 Metern über Meer bittere Realität. «Wir müssten alle umdenken, unseren Lebensstil ändern», sagt der wache Bergler.

365 Tage im Jahr geöffnet

Der Hintertuxer Gletscher, über Innsbruck, das Untere Inntal und das lange Zillertal erreichbar, gilt mit 20 Anlagen als «der Sportliche». Vor allem rote Pisten überziehen die Eisfelder, Freeriden ist auch bei leichtem Schneefall grandios. Zudem: Hintertux bleibt als einziger Tiroler Gletscher 365 Tage im Jahr in Betrieb. Bei einem Zillertaler Radler naturtrüb erzählt Bacher von Varianten, die bis zum Brennerpass führen: «Es ist nicht so steil, wies ausschaut.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.11.2016, 16:12 Uhr

Frischer Schwung für den Arlberg

Vier neue Gondelbahnen machen ein ­Marketingphänomen zum grössten zusammenhängenden ­Skigebiet Österreichs.

1937 ging in Zürs der erste Schlepplift des Wintersportlandes Österreich in ­Betrieb, im gleichen Jahr installierte man drüben in St. Anton die erste Seilbahn, die vor allem Skifahrer transportierte. Der Arlberg ist ein gutes Terrain für Mythen und Pioniertaten – ein Gral des Skisports, so traditionsbefrachtet wie St. Moritz, Davos oder das französische Chamonix.

An schönen Tagen verzeichnet Ski Arlberg 30'000 sogenannte Neueintritte ins Wintersportgebiet. Skifahrer und Boarder toben sich zwischen Schröcken im Bregenzerwald und St. Anton aus. Der Arlberg mit Pisten und Varianten zwischen 1200 und 2811 Metern über Meer gilt als eines der besten, schnee­sichersten und spannendsten Skigebiete Europas. Das Geschäft ist perfekt auf­gegleist, weil die fünf klassischen Arlberg-Orte Lech, Zürs, und Stuben in Vorarlberg, St. Christoph und St. Anton in Tirol schon lange einen gemeinsamen Skipass herausgeben.

Aber etwas Entscheidendes fehlte: Das riesige Areal war zweigeteilt. Wer von Stuben/Alpe Rauz rüber nach Zürs und Lech wollte, musste den Bus nehmen. «In der Hochsaison registrierten wir 120 Busfahrten pro Tag», sagt Martin Ebster, Direktor des Tourismusverbands St. Anton am Arlberg. «Bei Gross­andrang spielten sich an den Haltestellen wahre Dramen ab.»

Damit ist jetzt Schluss: Im Dezember nehmen vier Zehner-Gondelbahnen aus dem Hause Doppelmayr-Garaventa den Betrieb auf – und schaffen die lang ersehnte Verbindung zwischen Ost und West. Ski Arlberg ist nicht nur mehr ein Marketingphänomen, sondern das grösste zusammenhängende Wintersportgebiet Österreichs. «Ein Traum geht in Erfüllung», sagt Martin Ebster.

Die Zwischensaison pushen

Die Bergbahnbetreiber von Stuben und Zürs haben insgesamt 45 Millionen Euro in die neuen Verbindungen investiert. Zusätzliche Pisten mussten nicht planiert werden, was die Umweltschutzverbände versöhnlich stimmte. «Wir wollen nicht mehr Gäste ins Skigebiet holen, sondern streben eine höhere Wertschöpfung und eine bessere Auslastung der Zwischensaison an», sagt Hermann Fercher, Tourismus-Chef von Lech/Zürs.

Ski Arlberg hat darauf verzichtet, die Preise entscheidend zu erhöhen. Die Tageskarte kostet neu 52 Euro, einen Euro mehr als letzte Saison. 87 Anlagen erschliessen am Arlberg nun 305 Pisten­kilometer und ein weites Gelände für Freerider mit 200 Kilometer Tiefschneeabfahrten.

Herzstück der «Schaukel», wie man in Österreich einen Verbund von Skigebieten nennt, ist die neue Flexenbahn, die über 1,8 Kilometer und 562 Höhenmeter von Rauz via die schroffen Ochsenböden zur Zwischenstation Trittkopf ob Zürs führt. Neu sind auch Trittkopfbahn I von Zürs zur Zwischenstation und Trittkopfbahn II hoch zum Trittkopf. Ausserdem gondelt die Albonabahn II neu von Rauz zur Bergstation Albona und mitten ins Stubener Skigebiet.

Wer das schweiznahe Wintersport-­Eldorado Arlberg in seiner ganzen Dimension erfahren will, startet den neu kreierten «Run of Fame» in Warth und bewältigt 65 Pistenkilometer und 18'000 Höhenmeter bis zur Talstation Rendl in St. Anton. Inbegriffen im Marathon: Boxenstopps an Infotafeln, die Protagonisten des Mythos Arlberg ehren – etwa Olympiasieger Mario Matt oder IOK-Schreck Karl Schranz.
Christoph Ammann

Saisonstart 2. Dezember, www.skiarlberg.at

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